Der Catovic-Poker wird zum Politikum

An seinem Potenzial zweifelt niemand. Dennoch sucht der junge Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart einen neuen Club.

Von Carlos Ubina

Carlos Ubina Stuttgart - Der Pass in die Tiefe kommt präzise. Aus der eigenen Spielhälfte heraus, mit der nötigen Schärfe nach einer eleganten Ballmitnahme – und dem Mitspieler Abdenego Nankishi eröffnet sich eine große Torchance. Gespielt hat die Kugel Mirza Catovic, noch 18 Jahre alt und eines der größten Fußballtalente in Reihen des VfB Stuttgart. Dem Mittelfeldspieler wird eine beachtliche Bundesligakarriere zugetraut. Noch kommt er aber auf keine Erstligaminute – und Catovic ist der gleiche Akteur, der in der Nachspielzeit gegen den TSV Havelse im eigenen Strafraum nicht sauber klärt. Anschließend kassiert der VfB II in der dritten Liga noch das 2:3.

Ärgerlich. Dennoch dokumentieren die beiden Szenen das Potenzial und die Perspektiven. Catovic bringt als defensiver Mittelfeldspieler viel mit. Er ist 1,90 Meter groß, geht trotz seiner Jugend knackig in die Zweikämpfe und weiß mit dem Ball umzugehen. Nico Willig, Coach der U 21, schätzt diese Eigenschaften und setzt den A-Junior als Stammkraft ein. Von seinen 27 Drittliga-Einsätzen stand Catovic 26-mal in der Startelf und spielte meist durch. Fehler inbegriffen. Das gehört zum Förderprogramm, dass der Nachwuchsspieler durchläuft. Einerseits. Andererseits sehen ihn viele Beobachter schon weiter als dritte Liga. Catovic, der regelmäßig mit den Bundesliga-Profis des VfB trainiert, sollte ihrer Einschätzung nach auf oberster Ebene Einsatzminuten sammeln, um zu reifen.

Sebastian Hoeneß schätzt die Lage anders ein. Der Chefcoach vertraut im Zentrum auf Angelo Stiller, Atakan Karazor und Chema. Dann gibt es im Kader auch noch Nikolas Nartey für die Position im Herzen des Spiels, und ab der kommenden Saison zählt Grischa Prömel dazu (Wechsel ist noch nicht bestätigt). Da ist nicht nur das Spielniveau mit den internationalen Ambitionen hoch, sondern es herrscht dazu eine enorme Konkurrenz. Zumal die Rolle der aufstrebenden Begabung dem 21-jährigen Spanier Chema beim VfB zugeteilt ist.

Das alles bringt Catovic (Marktwert drei Millionen Euro) dazu, den Club mehr denn je wechseln zu wollen. Bereits im Winter gab es ernsthafte Verhandlungen mit der TSG Hoffenheim und RB Salzburg. So boten die Kraichgauer eine Ablösesumme von vier Millionen Euro für den Teenager, der 2022 mit 15 Jahren von Rot-Weiß Frankfurt zum VfB kam und aktuell über einen Vertrag bis 2028 verfügt. Letztlich scheiterte der Transfer, da sich die Clubs nicht über eine Rückkaufoption einigen konnten.

Der VfB wollte sich die Möglichkeit erhalten, Catovic möglichst günstig zurückholen zu können oder zumindest gut an einem Weiterverkauf beteiligt zu sein. Die Hoffenheimer wollten dagegen nicht als reine Ausbildungsplattform für die Stuttgarter dienen – ohne im Anschluss richtig daran zu verdienen, falls der deutsche U-19-Nationalspieler mit den serbischen Wurzeln tatsächlich bei ihnen durchstartet. Die Qualität dazu ist vorhanden. Daran zweifelt niemand, und offenbar gibt es genug Interessenten für Catovic, der am 1. Mai 19 Jahre alt wird. Sein Beraterumfeld prüft seit geraumer Zeit die Optionen.

Doch so einfach ist die Angelegenheit im Clubhaus mit dem roten Dach nicht. Denn es wird viel Geld in das Nachwuchsleistungszentrum gesteckt, verbunden mit entsprechend viel Hoffnung. Seit Jahren wird daran gearbeitet, die Stars von morgen auszubilden und ein Eigengewächs wieder im Bundesliga-Team fest zu verankern. Die Generation um Timo Werner und Timo Baumgartl ist die letzte gewesen, bei der es gelungen ist. Nun könnte der Torhüter Dennis Seimen (Jahrgang 2005) nach einer Rückkehr von der Leihstation beim SC Paderborn der Nächste sein, der den Sprung schafft – und sich Catovic (Jahrgang 2007) weiter zum Politikum entwickeln.

Lässt der VfB den Mittelfeldspieler in der nächsten Transferperiode ziehen? Und wenn ja, zu welchen Konditionen? Findet sich noch eine Lösung, die beiden Seiten gerecht wird? Gelingt es den Stuttgartern in absehbarer Zeit überhaupt wieder, ein Talent aus der eigenen Akademie nach oben durchzubringen? Brauchen die Junioren-Nationalspieler mit ihren Familien und Beratern ihrerseits mehr Geduld, um es zu schaffen? All diese Fragen stellen sich in Verbindung mit dem talentierten Catovic – und die Antworten sind im Moment offen.

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Erstellt:
28. April 2026, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
28. April 2026, 23:59 Uhr

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