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Der deutsche Fußball verspielt seine Zukunft

Taktische Trends verschlafen, Talentschau vernachlässigt: Die Bundesliga verliert den Anschluss

Weil der Mensch gern genießt, was er hat, meldet der deutsche Fußball nach jahrelangen Ergebnisorgien neuerdings die Erfolglosigkeit als einzige Konstante. Die WM in Russland vermasselt, aus der Nations League abgestiegen, Totalversagen im Achtelfinale der Champions League. Und das muss man sich mal vorstellen: Bayer Leverkusen scheidet in der Europa League aus gegen Krasnodar. Ob Eintracht Frankfurt im Viertelfinale nicht nur eine Laune der Natur ist, müssen die Hessen erst noch beweisen. Besorgte Stimmen wie die des schwäbische Reformators Jürgen Klinsmann warnen: „Der deutsche Fußball hat den Anschluss verloren.“ Und der frühere Bundes-Berti Vogts analysiert in gewohnter Messerschärfe: „Da läuft was schief.“

Nun ist es ja nicht so, dass Kritiker, Fans und sonstige fachkundige Bürger gleich zum Totenglöckchen greifen müssen, nur weil mal die anderen gewinnen. Aber Sorgen machen dürfen sie sich schon über den Zustand der deutschen Steil-, Quer- und Rückpass-Gilde. Denn taktisch gesehen ist die Bundesliga in etwa auf dem Stand von Hintertupfingen beim Wolkenkratzerbau. Sogar der große FC Bayern nährte beim Waterloo gegen den FC Liverpool neulich den Verdacht, dass sich deutsche Clubs dann am wohlsten fühlen, wenn sie mittels betäubenden Dauerschleifen in Nähe des eigenen Strafraums den Ball in den unbedeutenden Regionen des Spiels verstecken. Ausflüge vors gegnerische Tor geschehen nur noch selten und falls doch mit orthopädisch bedenklicher Grobmotorik.

Die Idee von der intensiv dargebotenen Mixtur aus Pressing, Gegenpressing bei Ballverlust, blitzschnellem Vertikal- und gelegentlichem Ballbesitzspiel, zählt inzwischen zuvorderst zum festen Repertoire der Spitzenclubs in England. Was mit experimentierfreudigen Trainern wie Jürgen Klopp und Pep Guardiola zu tun hat, mit einigen der besten Spielern der Welt und damit, dass sich die Premier League das alles leisten kann. Sie erwirtschaftet mit 2,3 Milliarden Euro aus den TV-Rechten doppelt so viel wie die Bundesliga. Investoren wie der steinreiche Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi dürfen aus einem Club wie Manchester City ein global agierendes Unterhaltungsunternehmen bauen, mit zahlreichen Farmteams und Talentschmieden in China, Indien und in den USA. Stadionbesucher? Überflüssig. Zehn von 20 Clubs in der Premier League könnten inzwischen angeblich ohne Fans auskommen. Das multimediale Modell auf allen digitalen Kanälen finanziert sich selbst. Ein Horrorszenario zwar für die Puristen, aber der Hinweis auf eine Zukunft, die hierzulande womöglich verspielt, wer beharrlich an den alten Zöpfen hängt.

Investoren ungezügelten Zugang zur Bundesliga zu verschaffen, verlangt niemand, der seine Sinne beisammen hat. Eine behutsame Reform der 50+1-Investorenregel dagegen könnte zumindest den Traditionsclubs ein wenig mehr Spielraum verschaffen, die ohne Geldgeber wie Hoffenheim (Hopp), Wolfsburg (VW), Leipzig (Red Bull) und Leverkusen (Bayer) auskommen müssen. Vor allem blieben genügend Groschen, um die Talentförderung zu reanimieren. Zwar toben in der neu formierten Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw noch genügend Spießgesellen mit viel Potenzial übers Feld, aber in den Jahrgängen danach muss man nach Ausnahmekönnern mit der Lupe suchen. In der Bundesliga droht endgültig der Durchschnitt als Programm. Mal wieder über den Tellerrand schauen und überlegen, was die anderen besser machen, rät deshalb Jürgen Klinsmann. Super Idee. Und kostet nichts.

gunter.barner@stzn.de

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Erstellt:
22. März 2019, 03:04 Uhr

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