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Der Flüchtlingsarbeit gilt ihr ganzes Engagement

Bärbel Raitzig aus Auenwald ist eine viel beschäftigte Frau – Ehrenamtliche Tätigkeiten wie im Arbeitskreis „Integration“ füllen die 52-Jährige aus

Für ihr unermüdliches Engagement im Arbeitskreis „Integration“ der Gemeinde Auenwald wurde sie von Bürgermeister Karl Ostfalk ausdrücklich gelobt. Bärbel Raitzig kümmert sich aber nicht nur um die Belange vieler Flüchtlinge, sondern ist auch sonst vielseitig aktiv.

Bärbel Raitzig vor dem Wohnhaus Dorfstraße 19 in Däfern, das auch weiterhin als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden kann. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Bärbel Raitzig vor dem Wohnhaus Dorfstraße 19 in Däfern, das auch weiterhin als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden kann. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

AUENWALD. Eine Stunde hat Bärbel Raitzig Zeit, um Rede und Antwort zu stehen. Dann muss sie wieder zurück in die Schule, in der sie als stellvertretende Leiterin der Kernzeitbetreuung arbeitet. Sie ist eine viel beschäftigte Frau, weniger beruflich als vielmehr mit ihren diversen Ehrenämtern. „So stark wie im Moment bin ich noch nie engagiert gewesen“, sagt sie. Nur Samstag und Sonntag, so hat die 52-Jährige ihrem Ehemann Stefan versprochen, bleibt das Handy aus. Und auch ihren Schützlingen, vor allem den Flüchtlingsfamilien, hat sie bedeutet, dass das Wochenende ihr gehöre. Daneben sagt sie aber auch: „Ich liebe meine Arbeit.“ Und: „Ich brauch diese ehrenamtliche Tätigkeit als Ausgleich.“ Buchhändler werden an ihr kaum verdienen. Denn zu Hause zu sitzen und ein Buch zu lesen, das kann sie sich nicht vorstellen.

Beim TSV Lippoldsweiler hat sie schon als Übungsleiterin mitgemacht. Beim CVJM Winnenden war und ist sie engagiert. Unter vorgehaltener Hand sei’s schon jetzt, zehn Monate vorher, mitgeteilt: Die Auenwalderin ist die „Nikolauszentrale“. Das heißt: Sie koordiniert die bestellten Nikolausbesuche.

Eineinhalb Wahlperioden lang saß Raitzig im Gemeinderat Auenwald. Beim Gemeindeentwicklungsplan hat sie mitgearbeitet, Jugend- wie auch Seniorenarbeit vorangebracht. Dass es heute einen Ortsseniorenrat gibt, ist mit ihr Verdienst. Das alles war so in seiner Buntheit und Verschiedenheit bis zum Jahr 2015. Dem Jahr, da Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Wir schaffen das.“ Auch in Auenwald wie in vielen anderen Gemeinden wurde zu einem Infoabend eingeladen bezüglich der auf die Gemeinden zukommenden Anschlussunterbringung von Flüchtlingen. Viele Interessierte kamen damals. Raitzig stürzte sich mit Feuereifer in die neue Aufgabe. Innerhalb des Arbeitskreises „Integration“ betreut sie mit etwa 20 Mitstreitern die neuen Mitbürger. Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, aus Gambia und Namibia sind heute an drei verschiedenen Standorten in Auenwald untergebracht. Etwa 100 Personen. Raitzig sagt, sie kenne sie alle.

Die gelernte Kinderpflegerin versteht es auch, Verbündete ins Boot zu holen. So pflegt sie Kontakte zum Kreisdiakonieverband, zu dem rührigen Verein „Zukunftswerkstatt Rückenwind“ (Aspach) und anderen Stellen. „Integration geht nicht ohne ehrenamtlich.“ Davon ist die 52-Jährige überzeugt. Aber die Ehrenamtlichen brauchen die Unterstützung und Hilfe von Hauptamtlichen. Dabei ist Raitzig durchaus bewusst, dass die Flüchtlinge aus anderen Kulturen kommen. Ja, sie kann sich sogar zu dem Satz hinreißen lassen: „Ich liebe die unterschiedlichen Kulturen, es bringt mich weiter, es fasziniert mich.“

Freilich entstehen dort, wo deutsche und nahöstliche oder afrikanische Kultur aufeinanderträfen, auch Probleme. Man müsse deshalb hier als Aufnahmeland nicht die eigene Kultur verleugnen. Wer hier auf Dauer leben möchte, müsse verstehen, was geht und was nicht geht. So ist Raitzig der Meinung, dass auch muslimische Mädchen das Schwimmen erlernen sollten. Das trage auch zu ihrem weiblichen Selbstbewusstsein bei. Mit Wohlwollen beobachtet Raitzig, dass nach den lebensbedrohlichen Fluchterfahrungen, die vor allem an das eigene Durchkommen denken ließen, nun der Blick für andere wachse. Wenn heute neue Flüchtlingsfamilien nach Auenwald kämen, seien andere Flüchtlingsfamilien da, um zu begrüßen und beim Eingewöhnen zu helfen. „Da wachsen Beziehungen“, sagt Raitzig, „und das ist schön.“

Insbesondere die Begegnung bei Tisch sei so wichtig. Wieder so ein Punkt, bei dem Bärbel Raitzig fast ins Schwärmen gerät. „Gastfreundschaft – das gibt so viel“, sagt sie. Natürlich sei manchmal bei den Flüchtlingen auch Unterstützung bei Behördengängen nötig. Aber es sind mitunter nicht nur die Flüchtlinge, die von amtlichen Schreiben überfordert sind. Manchmal hat Raitzig auch bei Ämtern den Eindruck, dass die Sachbearbeiter überfordert sind. Dann ist es gut, wenn ein Ehrenamtlicher zur Seite ist und mithilft. Und zu unserer deutschen Kultur gehört es – das müsse man mitunter den neuen Mitbürgern klarmachen –, dass für viele Angelegenheiten schriftliche Dokumente wichtig sind.

In Windeseile ist die Interviewzeit verflogen. Bärbel Raitzig muss wieder zurück. Ist sie irgendwie müde ob der ganzen Aufgaben, um die sie sich kümmert? Nein, den Eindruck macht sie ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Aufgaben scheinen sie anzuspornen.

Hintergrund
2020 zehn Flüchtlinge

(flo). Nachdem Auenwald sein Unterbringungssoll 2018 von 25 Flüchtlingen übererfüllt hat, wurden der Gemeinde 2019 keine neuen Personen zugewiesen. Allerdings müssen alle Gemeinden in diesem Jahr wieder mit einer Zuweisung von Flüchtlingen vom Landratsamt rechnen. Auenwald muss demnach zehn Personen aufnehmen. Das geht aus dem jüngsten Bericht zur Unterbringungssituation von Flüchtlingen hervor, der im Rahmen einer Gemeinderatssitzung vorgestellt wurde.

Trotzdem: Angesichts der rückläufigen Zuweisungszahlen könne die Gemeinde langsam Unterbringungsmöglichkeiten abbauen. „Wir haben begonnen mit der Mühlstraße3 in Oberbrüden“, sagte Ordnungsamtsleiter Roland Schmidt.

Zwar sollte das Wohnhaus Dorfstraße 19 in Däfern laut Gemeinderatsbeschluss schon längst zusammen mit einer Scheune verkauft worden sein, aber die Verwaltung findet keine alternativen Unterbringungsmöglichkeiten. So behält die Gemeinde dieses Anwesen von Jahr zu Jahr weiter. Den Vorwurf der Salamitaktik in diesem Zusammenhang wies Bürgermeister Karl Ostfalk entschieden zurück.

Der BWA-Antrag, das Haus Dorfstraße 19 Ende 2020 auf jeden Fall zu verkaufen, wurde abgelehnt. Befürwortet wurde dagegen der Beschlussvorschlag der Verwaltung, das Gebäude mindestens bis Ende 2020 als Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft nutzen zu können.

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Erstellt:
11. Februar 2020, 16:00 Uhr

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