Kultur

Der „German Stare“ – oder: Wieso starren die Deutschen so?

Deutsche sind im Ausland für ihren langen Augenkontakt bekannt. Hierzulande weiß jedoch fast niemand, dass solche Blicke irritieren. Ein Erklärungsversuch.

Der Deutsche starrt anscheinend gerne (Symbolfoto).

© IMAGO/Bihlmayerfotografie

Der Deutsche starrt anscheinend gerne (Symbolfoto).

Von Bennet Rothfuss

Ob in der U-Bahn, im Wartezimmer oder an der Supermarktkasse: Für viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, ist der „German Stare“ der erste erlebte Kulturschock. So wird im Ausland der direkte und lange anhaltende Blickkontakt bezeichnet, den Deutsche auf andere Menschen werfen. Auf TikTok oder Reddit finden sich hunderte Beiträge und Erfahrungsberichte von Zugezogenen, die das deutsche Starren irritiert.

„Dieses Starren können viele Menschen aus anderen Kulturen zunächst nicht einordnen. Sie fühlen sich angestarrt und beobachtet“, sagt die interkulturelle Trainerin Anna Weidlich. Die Inhaberin von InterKult Training beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kulturellen Missverständnissen im Alltag und begleitet Menschen und Organisationen im Umgang mit unterschiedlichen Kommunikations- und Wahrnehmungsmustern.

Bei dem „German Stare“ handelt es sich jedoch nicht, wie von Zugezogenen oft angenommen, um bewusstes Starren. Vielmehr prallen hier unterschiedliche kulturelle Deutungen von Blickkontakt aufeinander, da Augenkontakt nicht überall so positiv gesehen wird wie in Deutschland. Doch in welchen Kulturen ist das der Fall?

„German Stare“ wird in anderen Kulturen als Grenzüberschreitung gesehen

Längerer Augenkontakt wird vor allem dort als unangenehm empfunden, wo Kommunikation eher auf Zurückhaltung, indirekte Verständigung und Beziehungsharmonie ausgerichtet ist. Aus dieser Perspektive kann derselbe Blick, der in Deutschland als neutral wahrgenommen wird, von anderen als Grenzüberschreitung interpretiert werden. Nicht weil er objektiv unhöflich wäre, sondern weil er andere kommunikative Erwartungen verletzt.

Dazu zählen unter anderem Teile Ostasiens wie Japan, Korea oder China, aber auch verschiedene afrikanische Kulturen sowie Teile des arabischen Raums. In diesen Regionen kann direkter Blickkontakt, insbesondere gegenüber älteren Personen, Vorgesetzten oder Autoritätspersonen, als respektlos oder konfrontativ wahrgenommen werden.

Es geht aber weniger um einzelne Länder als um kulturelle Werte wie Hierarchie, Harmonie und Zurückhaltung. Der in Deutschland übliche und vergleichsweise direkte Blickkontakt kann in anderen Kulturen als zu intensiv, wertend oder sogar übergriffig interpretiert werden, obwohl dahinter keinerlei Absicht steht.

Augenkontakt ist nicht überall ein Zeichen des Respekts

Für Deutsche ist Augenkontakt vor allem ein Zeichen des Respekts. Er signalisiert, dass dem Gegenüber zugehört und es verstanden wird. Woran erkennt man noch gleich einen Lügner? Richtig, daran, dass er dem Gegenüber nicht in die Augen schauen kann.

In Kulturen, die stark auf indirekte Kommunikation ausgerichtet sind, wird Respekt häufig durch Zurückhaltung gezeigt. Beispiele hierfür sind ein kürzerer Blickkontakt, leichtes Wegschauen, eine gesenkte Kopfhaltung oder eine indirektere Körpersprache. In vielen Kulturen bedeutet Respekt nämlich, nicht in den persönlichen Raum eines anderen einzudringen.

Deshalb fällt der „German Stare“ Menschen dieser Herkunft besonders auf.. Der Blickkontakt wirkt sehr unmittelbar und kann vom Gegenüber kaum „abgefedert“ werden. „Menschen interpretieren Blicke emotional, und diese auch oft schneller als Worte“, meint Anna Weidlich.

„German Stare“ kann als Ablehnung empfunden werden

Wenn jemand aus einer Kultur kommt, in der längerer Augenkontakt ungewöhnlich ist, kann der deutsche Blick schnell als Bewertung, Kontrolle oder Ablehnung empfunden werden, obwohl er in den meisten Fällen völlig neutral gemeint ist. Viele Menschen versuchen deshalb zunächst, dieses Verhalten individuell zu erklären, etwa als persönliche Ablehnung oder Kritik. „Erst mit zunehmender interkultureller Erfahrung wird deutlich, dass es sich um unterschiedliche kommunikative Konventionen handelt“, erklärt die interkulturelle Trainerin Anna Weidlich.

Wie lange dauert es, bis Zugezogene sich an den „German Stare“ gewöhnt haben?

Doch wie lange dauert es, bis Zugezogene sich an den „German Stare“ gewöhnen? Das sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich, so die Expertin. Trotz ähnlicher Kulturen ist jeder Mensch anders. Anna Weidlich zufolge lässt sich jedoch ein Zeitfenster bestimmen. „Aus interkulturellen Trainings wissen wir, dass es meist mehrere Monate dauert, bis sich eine emotionale Gewöhnung einstellt.“

Die interkulturelle Forschung zeigt, dass Verstehen und emotionale Gewöhnung zwei unterschiedliche Prozesse sind. Während das rationale Verständnis für den „German Stare“ also relativ schnell entstehen kann, braucht die emotionale Anpassung deutlich länger. „Dies liegt daran, dass diese Anpassung mit tief verankerten Wahrnehmungs- und Bewertungsmustern verbunden ist“, führt Anna Weidlich aus.

Zum Artikel

Erstellt:
30. Januar 2026, 17:58 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen