Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Der Herr der Halme

Sommerreportage: Landwirt Werner Pretzel ist mit seinem Mähdrescher auch als Lohnunternehmer auf fremden Feldern unterwegs. Mit dem Weizen, den der Unterweissacher in einer Stunde erntet, könnte man rund 300000 Brötchen backen.

 Werner Pretzel gehört und gehorcht der über acht Meter lange Mähdrescher der Königsklasse, an dem vorne ein mächtiges Mähwerk montiert ist. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Werner Pretzel gehört und gehorcht der über acht Meter lange Mähdrescher der Königsklasse, an dem vorne ein mächtiges Mähwerk montiert ist. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

WEISSACH IM TAL. Einmal mit einem riesigen Mähdrescher mitfahren – wohl der Traum eines jeden Buben. Aber auch Erwachsene lassen sich angesichts einer solchen Hochleistungserntemaschine beeindrucken und begeistern. Allein schon die mannshohen Räder sind Respekt einflößend. Dann geht’s sieben Stufen empor in die Fahrerkabine. Auf dem luftgefederten Sitz in der klimatisierten Glaskanzel Platz genommen fühlt man sich in dem Erntegiganten in über zwei Metern Höhe über dem Acker wie „der Herr der Halme“.

Dieser Titel aber gebührt allein Werner Pretzel. Ihm gehört und gehorcht der über acht Meter lange Mähdrescher der Königsklasse, an dem vorne ein mächtiges Mähwerk montiert ist. Bei jeder Bahn kann der Landwirt aus Unterweissach einen 7,5 Meter breiten Streifen Korn wegputzen. Mit dem Joystick in der rechten Hand, in der linken das Lenkrad, rauscht der Bauer durchs Weizenfeld, als wär’s ein Kinderspiel. Wobei sich die Geschwindigkeit in Grenzen hält. Bei vier Kilometern pro Stunde – so schnell sind in etwa auch Wanderer – ist das Tempo noch überschaubar. Es sieht zwar spielend leicht aus, wie Pretzel das lärmende Ungetüm, das nebenbei auch viel Staub aufwirbelt, durch das Ährenmeer steuert. Aber den Mähdrescher richtig zu beherrschen, erfordert auch viel Erfahrung. Und die hat der 49-Jährige reichlich.

Pretzel hat in Hohenheim Agrarwissenschaft studiert. Er muss lachen, als er das sagt: „Ich bin einer der wenigen meiner Studienkollegen, der bei der Arbeit noch dreckige Hände kriegt.“ Nach dem Studium hat er den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters übernommen. „Mit der Landwirtschaft habe ich 1998 angefangen. Mähdreschen tu ich aber schon seit dem Abi. Wann war denn Bundeswehr?“ Der 49-Jährige muss kurz nachdenken. „1991! Da bin ich eingezogen worden und hab von einem Lohnunternehmen von der Alb, das nach 30 Jahren aufhören wollte, einen Teil übernommen, auch einen alten Mähdrescher, und hab mit einer Maschine angefangen.“

Pretzels Mähdrescher in Aktion
Landwirt Werner Pretzel gehört der über acht Meter lange Mähdrescher der Königsklasse mit dem mächtigen Mähwerk vorne.

Bei der Suche nach einem großen, gebrauchten Mähdrescher hat Pretzel bewusst auf den Hersteller geachtet. Für ihn kam nur eine Marke infrage, bei der der Service im Rems-Murr-Kreis top und unerreicht sei. Für hiesige Verhältnisse gehöre sein Drescher, der mittlerweile auch schon 20 Jahre auf dem Buckel und 4500 Hektar auf der Uhr hat und über eine Schnittbreite von 7,5 Metern verfügt, schon zur Oberklasse. Allerdings sieht es in den neuen Bundesländern, wo Pretzel auch noch einen Betrieb hat, ganz anders aus. Da seien zehn bis zwölf Meter Standard. „Das sind Maschinen, die könnte man hier gar nicht wirtschaftlich einsetzen.“ Pro Hektar kostet das Dreschen zwischen 130 und 135 Euro netto. Bei 2,5 bis 3 Hektar pro Stunde kommt man auf einen Stundensatz von 270 bis 400 Euro, allerdings Umsatz, nicht Gewinn.

„Den Düngewert des Strohs darf man nicht unterschätzen.“

Während Pretzel schon wieder eine Bahn geschafft hat und zum Drehen seines Kolosses ansetzt, fällt ihm noch ein Aspekt ein, der ganz untypisch sei: „Hier im Backnanger Raum lassen wir 80 bis 90 Prozent des Strohs lang raus fürs Vieh.“ Das heißt, es wird abgefahren und beispielsweise zu Strohballen gepresst. Andernorts, beispielsweise im Kraichgau, bleiben zwei Drittel des Strohs fein gehäckselt auf dem Feld. „Bei mir in Sachsen sogar 100 Prozent.“ Es wird dann in die Erde eingearbeitet. „Den Düngewert des Strohs darf man nicht unterschätzen.“ Da sei zum Beispiel Kali drin und Humusbildner. Der Strohwert liege bei 150 Euro pro Hektar.

Dieses Jahr geht die Getreideernte so ruhig und doch fließend voran wie schon seit vielen Jahren nicht mehr, meint der Landwirt. „Nur vor zwei Jahren, als es so trocken war, war’s ähnlich. Aber die Erträge jetzt sind richtig gut. Die Gerste war schlechter, aber die Erntebedingungen für Raps, Dinkel und Weizen waren dieses Jahr sehr gut, wobei Raps in der Backnanger Bucht leider nicht mehr die große Rolle spielt“, bedauert Pretzel. Auch die Druschfähigkeit sei in diesem Jahr sehr gut. „Der Weizen geht ganz leicht aus der Ähre. Das hat man auch selten.“ Mit den Fingern fühlt er das. Vor dem Dreschen wird nämlich eine Feuchtigkeitsprobe gemacht und das Korn in die Hand genommen. „Dann spürt man das einfach.“

Weil es in diesem Jahr bei der Ernte ein wenig ruhiger zugeht, nimmt sich der Landwirt die Zeit, das Korn zunächst während der Fahrt im integrierten 7300 Liter fassenden Korntank zu bunkern, und diesen dann hin und wieder zu entleeren. Dazu fährt er zu einem auf dem Feldweg wartenden Traktor, der einen großen Anhänger mit sich führt. „Normalerweise, wenn wir eine optimale Auslastung vom Drescher erzielen wollen, dann mache ich die Entladung nicht im Stand. Dann müssen der Landwirt oder meine eigenen Leute auf dem Feld nebenherfahren, weil ja die Arbeitszeit vom Drescher so teuer ist. Das macht zwischen 15 und 25 Prozent einer Mähdrescherleistung aus.“

Aus diesem Grund waren auch seine Arbeitstage in der Fahrerkabine nicht ganz so lang, weil immer wieder schönes Wetter zum Dreschen war und die Bestände auch nicht gleichzeitig reif waren. Das kann aber auch ganz anders laufen: „Wenn man mal zehn Tage Regen hat, wo man nicht ernten kann, und die Bestände alle reif werden und vielleicht noch mit Gewitter zu rechnen ist, dann wird gedroschen, so lange es nachts geht, bis um 1 oder 2 Uhr.“ Vor 11 Uhr kann er am Tag allerdings nicht beginnen, weil so lange noch der Tau im Getreide sitzt. Würde er vorher beginnen, seien die Verluste zu hoch. „Beim Abliefern sollte der Weizen maximal 14 Prozent Wassergehalt haben“, sagt Pretzel. Ist der Weizen zu feucht, droht er schlecht zu werden, ist er zu trocken, schrumpft der Gewinn, weil der Landwirt dann pro Dezitonne mehr Körner verkaufen muss.

Aus eigener Erfahrung weist der Weissacher Landwirt darauf hin, dass sich die Erntezeit im Kalenderjahr immer weiter nach vorne verschiebt. In diesem Jahr wurde der wesentliche Teil des Weizens bereits im Juli eingeholt. „Wie ich klein war, oder Jugendlicher, also vor 30 und mehr Jahren, haben wir oft noch bis 15. oder 20. August gedroschen.“ Das sei einerseits der Witterung, andererseits auch der Sortenzüchtung geschuldet.

„Für mich persönlich ist Mähdreschen die Königsdisziplin.“

Pretzel sieht glücklich aus, wenn er seine Erntemaschine durchs Korn lenkt. Warum? „Für mich persönlich ist Mähdreschen die Königsdisziplin. Die Getreideernte ist einmal im Jahr, das ist für mich das Highlight.“ Der studierte Landwirt muss lachen, denn auch das Spritzen mache er leidenschaftlich gern. Auf Nachfrage erklärt er, warum: „Die Feinfühligkeit und die Entscheidungskompetenz, die man braucht – was spritzt man zu welchem Zeitpunkt? Und das als Betriebsleiter selbst herauszufinden und die Kosten voll im Griff zu haben, das finde ich wichtig.“ Bei 80 Prozent der Betriebe komme der Berater und sage, was an welchem Tag zu spritzen sei. Pretzel bezieht eindeutig Stellung: „Das ist für mich keine Landwirtschaft. Landwirtschaft ist, wenn der Betriebsleiter selbst entscheiden kann, was er wie zur Ertragsoptimierung machen muss, und seine Kosten kennt.“

Auch zum Mähdreschen selbst hat der Unterweissacher seine feste Meinung: „Die Maschine optimal einzustellen zwischen Verlusten, Bruchkorn und Leistung, das macht das Dreschen aus. Man sollte im Korntank wenig Bruchkorn haben; das ist angeschlagenes Korn, das beispielsweise von der Dreschtrommel zerstört wird. Und man sollte wenig Verluste haben; das ist das Korn, das auf dem Acker zurückbleibt. Toleriert werden bis zu einem Prozent vom Ertrag. Dreschen ist also nicht gleich Dreschen.“

Ob es seine Tochter, die jetzt fünfeinhalb ist, auch mal in die Landwirtschaft ziehen wird, kann jetzt noch keiner sagen. Die Zukunft der Bauern sieht Pretzel eher wenig rosig. Und dann muss er wieder lachen: „Ich bin halt so ein Mensch: Bevor ich irgendwohin in den Urlaub fahre, dann dresch ich lieber.“

 Über 1100 Hübe pro Minute schafft das Schneidwerk. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Über 1100 Hübe pro Minute schafft das Schneidwerk. Foto: A. Becher

 Wenn genügend Zeit ist, wird der Weizen aus dem Korntank im Mähdrescher über das Korntankrohr in einen Anhänger entladen. Foto. A. Becher

© Alexander Becher

Wenn genügend Zeit ist, wird der Weizen aus dem Korntank im Mähdrescher über das Korntankrohr in einen Anhänger entladen. Foto. A. Becher

 Landwirt Werner Pretzel ist zufrieden mit der Ernte in diesem Jahr. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Landwirt Werner Pretzel ist zufrieden mit der Ernte in diesem Jahr. Foto: A. Becher

Im Kreis wird mit großem Abstand am meisten Weizen angebaut

Laut Landwirtschaftsamt des Rems-Murr-Kreises herrschten in diesem Jahr gute Erntebedingungen, da es meist trocken und beständig war. Die geerntete Weizenmenge war demnach durchschnittlich bis leicht unterdurchschnittlich, je nach Standort und Wasserversorgung. Begrenzender Faktor waren teilweise fehlende Niederschläge im Frühjahr. Die kühleren Temperaturen im Mai und die Niederschläge im Juni haben aber größere Ertragseinbußen verhindert.

„Die Weizenernte hier im Kreis war in diesem Jahr durchschnittlich, aber mit großen Schwankungen“, sagt Friedrich Müller, Geschäftsführer des Maschinenrings Rems-Murr. Der Ertrag habe heuer zwischen fünf bis zehn Tonnen pro Hektar gelegen.

Die Qualität des Weizens war ebenso durchschnittlich; wenig Probleme gab es mit Krankheiten, dank der trockenen Witterung.

Im Vergleich der Getreidearten wird im Rems-Murr-Kreis mit Abstand am meisten Winterweizen angebaut, laut Landwirtschaftsamt auf insgesamt etwa 2580 Hektar, gefolgt von Wintergerste (rund 1340 Hektar). Es folgen Körnermais (850), Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen, 325 Hektar), Hafer (300), Sommergerste (295), Dinkel (215), Menggetreide (Mischung aus Weizen und Roggen, 90) Hektar, Sommerweizen (80), Roggen (73) und Emmer, Einkorn mit rund 10 Hektar.

Zum Artikel

Erstellt:
20. August 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Walderlebnisse im Freien und im Kleinen

Der 20. Tag des Schwäbischen Waldes hat gestern coronabedingt mit reduziertem Programm stattgefunden. Rege haben die Ausflügler Themenwanderungen und andere Angebote wahrgenommen. Mit etwas Glück ist man auch der Waldfee begegnet.

Stadt & Kreis

„Wunderbare Strecke, tolle Sprünge“

Die Besucher des Großerlacher Bikeparks sind am ersten offiziellen Betriebstag begeistert. Schon am frühen Morgen herrscht reger Betrieb am Lift des einstigen Skihangs. Viele Mountainbiker nehmen lange Anfahrtswege für den Downhillkick auf sich.