Der KI-Hype ist vorbei

ChatGPT und Co. haben den Alltag etlicher Menschen verändert. Doch die neue Technologie hat ihre Tücken.

Von Eidos Import

Wer hat an den Jahrestag gedacht? Ende 2025 war es genau drei Jahre her, dass ChatGPT auf den Markt kam – der erste alltagstaugliche Chatbot, beruhend auf generativer Künstlicher Intelligenz (KI). Das neue Sprachmodell konnte so viel, dass einem fast schwindelig wurde. Für viele Menschen ist ein Alltag ohne ChatGPT, Gemini und Co. kaum noch vorstellbar. Die KI recherchiert, programmiert und unterhält, sie schreibt und therapiert, sie flirtet und sie tröstet.

Und doch ist das Gefühl nicht mehr dasselbe wie am Anfang. Es ist fast wie in einer Beziehung, in der nach drei Jahren die Verliebtheitshormone nachlassen. Man beginnt, heimliche Macken und Schwächen zu entdecken. Sie kennzeichnen eine neue Phase des KI-Zeitalters.

Das ist etwa an der Ernüchterung zu bemerken, die eintritt, wenn man über die Fähigkeiten der KI spricht. Lange ging es vor allem darum, was sie alles kann. Inzwischen aber liegt der Fokus darauf, was sie nicht kann: die aktuelle Nachrichtenlage zusammenfassen, den Wetterbericht abrufen, einen neuen Roman analysieren – und ihre Wissenslücken ehrlich benennen. KI-Chatbots haben eine Reihe von Schwächen.

Zur neuen Phase gehört auch die Sorge um ein mögliches Platzen der KI-Blase. Die Aktien von KI-Unternehmen sind extrem hoch bewertet, obwohl unklar ist, wann sie je Gewinne machen werden – und ob überhaupt. Denn KI ist keine Magie. Damit sie läuft, braucht es Rechenzentren. Deren Bau ist wiederum teuer. Er braucht außerdem Zeit, gerade in Europa, wo es bisher wenige Rechenzentren gibt, aber viele Hürden auf dem Weg dahin. Eine davon ist die Frage, woher der Strom für den riesigen Energiehunger der KI kommen soll. Und das, während Europa zeitgleich klimaneutral werden will.

Zugleich hat – und das kann man paradox finden – die Angst vor der KI zugenommen. Trotz ihrer Begrenztheit ist klar: Sie kann immer mehr. Das füttert die alte Sorge vor einer unbeherrschbaren Technologie. In den USA sind mit „Stop AI“ und „Pause AI“ erste politische Bewegungen entstanden, die sich gegen den Einsatz von KI engagieren. Auch in Deutschland sind die Ängste präsent. „Tödliche Intelligenz“, titelte kürzlich der „Spiegel“. Die Autoren vergleichen die Technologie mit der Erfindung der Atombombe und schreiben: „Man muss kein Apokalyptiker sein, um sich die Frage zu stellen, ob das KI-Zeitalter nicht ungleich gefährlicher ist als der Kalte Krieg.“ Und wer nicht den Weltuntergang fürchtet, der bangt zumindest um seinen Job.

Aber gibt es nicht doch einen neuen KI-Hype? Das könnten jetzt diejenigen einwenden, die sich schon mit der neusten Version von Claude beschäftigt haben – der KI des Trump-kritischen US-Unternehmens Anthropic, die anderen Modellen weit überlegen ist. Wie man bei Claude KI-Agenten einsetzen kann, begeistert viele Menschen – aber noch mehr dürften sich fragen, was KI-Agenten sind und wozu man sie braucht. Dieser neue Hype findet unter Gründern und Entwicklern statt, er ist nicht so umfassend wie der erste.

Wichtig ist nun, diese neue Realität anzuerkennen. Das gilt auch für die Bundesregierung. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) ist bei vielen Fachleuten angesehen, eine Kritik hört man aber immer wieder: dass er das Potenzial der KI zumindest kurzfristig überschätze. Niemand zweifelt daran, dass KI die Welt verändert hat und noch mehr prägen wird. Aber der Prozess ist langsamer und weniger gradlinig, als manche geglaubt haben. Das sollte jede KI-Strategie berücksichtigen. Die Technologie ist gekommen, um zu bleiben. Aber sie braucht ihre Zeit, sie hat Schwächen und Probleme. Fast will man sagen: Sie ist halt auch nur ein Mensch.

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Erstellt:
22. März 2026, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
22. März 2026, 23:57 Uhr

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