Der Kirchberger Wald steht gar nicht schlecht da

Im vergangenen Jahr wurde kein einziger Festmeter Holz nach Plan geschlagen, sondern nur Schadholz. Das waren 582 Festmeter.

Halt! Lebensgefahr! – solche Banner warnen an Waldwegen vor Baumfällungen. Archivfoto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Halt! Lebensgefahr! – solche Banner warnen an Waldwegen vor Baumfällungen. Archivfoto: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

KIRCHBERG AN DER MURR. Gleich der erste Tagesordnungspunkt nach der Bürgerfragestunde in der Kirchberger Gemeinderatssitzung war die „Beratung und Beschlussfassung über den Betriebsplan für das Forstwirtschaftsjahr 2021“ – kurzum, ein Bericht über den Gemeindewald. Wald ist wichtig – und man braucht bloß das Wort zu hören, um sich Sorgen zu machen, aber nichtsdestotrotz: Der Kirchberger Wald steht gar nicht schlecht da. So jedenfalls war die Grundstimmung nach der ausführlichen Präsentation, die Ulrich Häußermann, stellvertretender Leiter der Forstverwaltung im Rems-Murr-Kreis, und Stefan Grätsch, zuständiger Forstmann im Revier, dem Gremium vorstellten. So viel vorneweg und bei bekannt schwierigen Rahmenbedingungen namens Dürre und Borkenkäfer.

Konkret waren im vergangenen Jahr 582 Festmeter (fm) Holz geschlagen worden – und davon, wie Grätsch einräumte, nicht ein einziger Festmeter planmäßig: Es handelte sich durchweg um Schadholz, also Bäume, die durch Sturm, Insekten (der Löwenanteil), Dürre oder Pilzerkrankungen so geschädigt waren, dass sie prophylaktisch aus dem Wald genommen werden mussten, um nicht beim nächsten Windstoß Wege unpassierbar zu machen oder gar Spaziergänger zu erschlagen.

Wobei sich Dürre, Pilzerkrankungen und Borkenkäferbefall natürlich schlecht auseinanderrechnen lassen: Ein Baum, der durch Dürre und Hitze geschädigt ist, hat Sturm, Käfern und Krankheiten wenig entgegenzusetzen. Aus Einnahmen des Holzverkaufs von 33530 Euro und Betriebsausgaben von knapp 40000 Euro errechnete sich das Ergebnis von rund 6300 Euro – ein Minus, das die Gemeinde verschmerzen kann, zumal sie im Vorjahr über 46000 Euro an ihrem Wald verdient hat.

Es gibt einen auf zehn Jahre angelegten Hiebsatz, also den Plan, wie viel Holz insgesamt in diesem Zeitraum geschlagen werden soll – allein 30 Prozent dieses Hiebsatzes mussten im Jahr 2019 aus dem Wald geholt werden. Ein schlechtes Jahr für den Wald, aber ein gutes für die Gemeindekasse. In diesem Jahr war’s eben umgekehrt und die Räte hörten es gerne. „In der Tiefe ist der Boden immer noch trocken“, so Grätsch, „aber alles in allem hat es doch mehr geregnet als im letzten Jahr und so konnten sich sogar die Fichten ein bisschen erholen.“

Er erklärte auch, warum es vergleichsweise gut bestellt ist um die Kirchberger Wälder: „Sie haben viele Eichen in Ihrem Wald und insgesamt schon eine gute Durchmischung der Baumarten.“ Er zeigte eine Liste der Baumarten, die die Forstwissenschaft in Zeiten des Klimawandels für zukunftsträchtig hält, und siehe da: Die Eiche steht ganz vorne drauf. Fichten hingegen gibt es um Kirchberg herum nur noch 5 Prozent, „und dabei schlagen wir allein 50 Prozent des Hiebsatzes an Fichten heraus“. Die Fichte also, das kann man sich leicht ausrechnen, wird an den meisten Standorten untergehen.

Gemeinderat Erich Drexler erkundigt sich besorgt nach der Esche: Wird sie aussterben? Hier gibt Häußermann Auskunft und die heißt: Man weiß es noch nicht. „In den Klingen und an anderen Standorten, wo sie keinen Schaden anrichten, wenn sie umfallen, lassen wir sie stehen, in der Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere Baum Resistenzen entwickelt.“ Der Forstmann berichtet, dass es vor Jahren beim Ulmensterben so war: In einsamen und entlegenen Winkeln stehen noch ein paar und möglicherweise entsteht da Nachwuchs, der widerstandsfähiger gegen die Erkrankung ist.

Überhaupt stellte sich heraus, dass sich die Räte ganz gut auskennen in ihrem Wald: Sie hatten die Kalkungsaktion mit Helikopter bemerkt (das war im Staatswald, im Kommunalwald wird erst noch gekalkt, und zwar vom Boden aus) und den schlechten Zustand des Waldes im Wüstenbachtal (Privatwald), die Schutzmaßnahmen gegen Wildverbiss bei gepflanzten Bäumen und deren Fehlen bei Naturverjüngung und sie wünschten sich so bald wie möglich eine gemeinsame Waldbegehung mit ihrem Revierförster Grätsch. Der wurde nach Schlussapplaus und Danksagungen noch ganz persönlich und gestand, dass er zum 1. Januar die Stelle wechsle und schon deshalb nicht so richtig angesprungen war auf die Idee von der Waldbegehung. Wo es denn hinginge, wollte Gudrun Wilhelm bedauernd wissen. „In den Schurwald.“ „Das werden Sie bereuen,“ rief da die Rätin aus, „bei uns ist es schöner!“ Und so endete denn die Beratung trotz allem mit allgemeinem Gelächter.

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Erstellt:
26. Oktober 2020, 16:00 Uhr

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