Der künftige Angstgegner?

Beim 3:3 in Stuttgart holt Fußball-Bundesligist 1. FC Heidenheim einen Zwei-Tore-Rückstand auf, zeigt seine enorme Widerstandsfähigkeit und ärgert sich am Ende mit Blick auf die Tabelle trotzdem.

Die Heidenheimer Jonas Föhrenbach, Jan-Niklas Beste, Tim Kleindienst und Patrick Mainka

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Die Heidenheimer Jonas Föhrenbach, Jan-Niklas Beste, Tim Kleindienst und Patrick Mainka

Von Jochen Klingovsky

Stuttgart - Nach nur zwei Duellen in der Bundesliga davon zu sprechen, der 1. FC Heidenheim gehöre von nun an zu den Angstgegnern des VfB Stuttgart, wäre natürlich völliger Quatsch. Bemerkenswert ist allerdings schon, was der Aufsteiger leistet – insbesondere gegen den großen Nachbarn.

Der 1. FC Heidenheim ist in dieser Saison der einzige Verein, der nach zwei Begegnungen mit dem VfB eine positive Bilanz aufweist. Einen Sieg und ein Remis, das hat sonst niemand geschafft gegen den Tabellendritten. Und beinahe wären es sogar sechs Punkte gewesen. „Meine Mannschaft“, sagte FCH-Trainer Frank Schmidt nach dem 3:3 am Ostersonntag, „ist richtig sauer, dass sie dieses Spiel noch aus der Hand gegeben hat.“ Auch das zeigt, was den Neuling ausmacht.

Der 1. FC Heidenheim ist enorm willensstark, zäh, widerstandsfähig. Und er verliert nie den Glauben an sich selbst. Beim 2:2 in Dortmund holte das Team von der Ostalb einen 0:2-Rückstand auf, in München ebenfalls, ehe das Spiel doch noch 2:4 verloren ging. Beim 3:2-Sieg gegen den SC Freiburg lag der Aufsteiger zweimal zurück, und beim Stand von 0:2 in Stuttgart sah der Außenseiter schon wie der sichere Verlierer aus, ehe er die Partie mit drei Toren drehte und erst durch Deniz Undav (90.+8) in letzter Minute den Ausgleich kassierte. „Meine Jungs haben eine unglaubliche Moral gezeigt“, sagte Trainer Frank Schmidt, „und trotzdem ist keiner glücklich.“ Auch Tim Kleindienst nicht.

Ein Drittel seiner neun Saisontreffer hat der Stürmer gegen den VfB Stuttgart erzielt, und in der MHP-Arena war es nur deshalb kein Hattrick, weil Keeper Alexander Nübel höchstselbst die Kugel nach einem eher harmlosen Kopfball von Kleindienst über die Linie bugsierte und der Treffer zum 1:2 als Eigentor gewertet wurde. Es folgte der Doppelschlag des Angreifers zur 3:2-Führung (84./85.) „Schade um den Hattrick“, sagte Kleindienst – der sich über das Ende der Partie aber noch mehr ärgerte: „Wir haben erneut unsere Comeback-Qualitäten gezeigt. Dass wir mit der letzten Aktion noch das 3:3 kassieren, ist extrem bitter.“ Auch mit Blick auf die Tabelle.

Dank ihrer Resilienz und ihrer vielen Tore nach Standardsituationen stehen die Heidenheimer auf Rang elf mit 30 Punkten aus 27 Spielen viel besser da, als es ihnen von den meisten Experten zugetraut worden war – direkt hinter dem Neuling folgen weitaus höher eingeschätzte Vereine wie Union Berlin, Borussia Mönchengladbach sowie der VfL Wolfsburg. Und trotzdem ist der 1. FC Heidenheim nicht durch, ein paar Zähler fehlen zum sicheren Klassenverbleib. „Wir sind noch kein gefestigter Bundesligist, das kann ja auch gar nicht sein“, sagte Frank Schmidt, der mit seinem Team in den beiden nächsten Heimspielen auf den FC Bayern und RB Leipzig trifft, „in der Rückrunde kennen die Gegner uns ein Stück weit besser, stellen sich auf unsere Stärken ein. Unser Ziel ist es nun, möglichst schnell in den sicheren Hafen zu kommen.“

Die Leistung in Stuttgart war zwar etwas schwankend, die Gäste hätten zur Pause mit zwei, drei Toren zurückliegen und danach vollends untergehen können. Doch in der letzten halben Stunde hatte der 1.  FC Heidenheim Oberwasser, was die Zuversicht zurecht nährte. „So ein Spiel in diesem Stadion zu drehen, ist der Wahnsinn“, sagte Jan-Niklas Beste, „wer so etwas angeboten bekommt, muss es aber auch gnadenlos durchziehen.“

Das hat der 1. FC Heidenheim getan – und damit Sebastian Hoeneß beeindruckt. „Uns hat ein bisschen etwas gefehlt, um das Spiel komplett zu entscheiden. Dieses Mindset braucht man in der Bundesliga immer, aber erst recht gegen den 1. FC Heidenheim“, sagte der VfB-Trainer, „diese Mannschaft gibt einfach nicht auf.“ Und hat deshalb beste Voraussetzungen, wirklich zum Angstgegner zu werden. Nicht nur für den VfB Stuttgart.

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Erstellt:
1. April 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2024, 21:58 Uhr

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