„Der Lastwagen ist ein Überraschungsei“

Menschen bei der Polizei (5):Andreas Brieden arbeitet im Verkehrskommissariat, zieht Laster aus dem Verkehr und filmt Drängler

Wenn auch nur eine Schraube am Lastwagen locker ist – Polizeihauptkommissar Andreas Brieden findet sie. Der 56-Jährige arbeitet bei der Verkehrspolizei. Sein Steckenpferd ist der Schwerlasttransport. Der Lastwagen sei ein Überraschungsei und „irgendwas findet das geschulte Auge immer“.

Polizeihauptkommissar Andreas Brieden im Polizeitransporter mit Spezialausrüstung: Allerhand Werkzeug befindet sich unter anderem in den Schubladen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Polizeihauptkommissar Andreas Brieden im Polizeitransporter mit Spezialausrüstung: Allerhand Werkzeug befindet sich unter anderem in den Schubladen. Foto: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG. Zur Verkehrspolizei wollte er eigentlich nie. Jetzt sei er froh, dass er dort gelandet ist, sagt Andreas Brieden überzeugt. Der 56-Jährige trägt einen Overall über seinem Polizeioutfit und gleicht eher einem Mechaniker in der Autowerkstatt als einem Beamten. Er arbeitet seit 2016 im Verkehrskommissariat Backnang. Schwerpunkt: Kontrolle von Schwerlasttransporten.

Brieden hat 1981 den Polizeidienst angetreten: „Ich habe an einem Rosenmontag angefangen“, sagt er lachend. Nach Bereitschaftspolizei in Biberach und zwei Jahren bei der Einsatzhundertschaft kam er 1985 zum damaligen Verkehrsdienst nach Waiblingen. Dort arbeitete er im Schichtdienst in der Verkehrsunfallaufnahme.

„Nebenher war ich noch in der Verkehrsüberwachung tätig.“ Irgendwie habe sich der Schwerlasttransport „und alles, was damit zusammenhängt“, zu seinem Steckenpferd entwickelt. „Das war alles so groß und mächtig“, erzählt der Beamte. Immer mehr fand er den Einstieg in die Materie, machte selbst den Führerschein Klasse 2. „Ich bin gerne Polizist, es ist für mich nicht nur ein Beruf. Jeder Tag bringt etwas anderes, kein Tag gleicht dem anderen.“ Andreas Brieden und seine Kollegen sind viel auf den Straßen unterwegs, stehen in Parkbuchten von Bundesstraßen, wie der B14 oder B29, oder im Bereich der Autobahn. Mit wachen Augen scannen sie das äußere Erscheinungsbild eines Lastwagens ab. „Zuerst achten wir natürlich auf die äußeren Mängel, die sofort sichtbar sind, beispielsweise an den Reifen“, erklärt Brieden. Wird was Auffälliges entdeckt, werde der Laster sofort angehalten. Wenn er und seine Kollegen einmal einen Lastwagen auf einen Parkplatz winken, stehen die Chancen neun zu eins, dass das Fahrzeug stillgelegt werden muss. Manipulierte Fahrtenschreiber, Bremsen ohne Beläge und hoffnungslos überladene Schwertransporte – die Spezialisten wissen, was auf den Straßen unterwegs ist. „Man findet immer was“, sagt der leidenschaftliche Rennradfahrer. Fachwissen in mehreren Bereichen ist gefragt: Über den Transport von Gefahrgut müsse man Bescheid wissen, ebenso über das Abfall- und Lebensmittelrecht.

Worauf die Polizisten bei den Kontrollen achten? „Erfahrung und Bauchgefühl“, meint Brieden. Die Erfahrungswerte spielen eine große Rolle, denn diese zeigen, dass die Mängelhäufigkeiten hauptsächlich an Lastern mit einem ausländischen Kennzeichen zu finden sind.

Es gebe nichts, was er nicht schon gesehen hätte, sagt der Polizeihauptkommissar. Eine Kontrolle könne auch schon mal drei bis vier Stunden dauern. Dann sei es unter Umständen nur ein Lastwagen, den man auseinandernehmen müsse. „Aber wir machen auch Quickies“, sagt Brieden und lacht. Will heißen: Es gibt auch kurze Kontrollen, indem man bei einem Fahrer beispielsweise nur die Papiere und den Fahrtenschreiber kontrolliert.

Am Kontrollstandpunkt sind die Beamten auf ihren Polizeitransporter angewiesen, der mit einer Spezialausrüstung aufwartet: Neben einem riesigen Drucker für Papierkram, Schubfächern, Laptops und Messgeräten sind das eine Radlastwaage nebst Ausgleichsmatten, damit diese richtig funktioniert, ferner unter anderem ein Akkuschrauber, eine Säge und sogar eine Bohrmaschine, um festgerostete Nummernschilder abzunehmen. „Wir können uns bei der Arbeit auch mal hinlegen“, sagt Brieden schmunzelnd und klärt auf: „Nämlich dann, wenn wir auf diesen fahrbaren Liegen unter das Fahrzeug rollen müssen.“

Chefs und Fahrer sind

trickreicher geworden

Dass auch Lastwagenfahrer oder deren Chefs trickreicher geworden sind, wissen die Polizisten. Im Moment stehe die sogenannte AdBlue-Manipulation hoch im Kurs. Bei manchen Lastwagen manipulieren Halter oder Fahrer die Abgasreinigung. Die Manipulation soll den Verbrauch der Abgasreinigungsflüssigkeit AdBlue begrenzen und somit die Betriebskosten bei Langstreckenlastwagen senken. Als Resultat erhöht sich der NOx-Ausstoß der Fahrzeuge deutlich. „Mithilfe von Elektronikbauteilen namens Emulatoren sparen eine Vielzahl an Speditionen den Zusatzstoff AdBlue und erzielen dadurch illegale Mehrgewinne, betrügen bei Mautzahlungen und stoßen vermehrt giftige Stickoxide aus“, erklärt Brieden. AdBlue sei ein Zusatzstoff, den moderne Dieselmotoren zur Abgasreinigung in die Auspuffanlage einspritzen. Eine absolut saubere Technologie, die Lastwagen besser dastehen lässt als viele moderne Dieselfahrzeuge. Im Internet verkaufen Anbieter Geräte, die dem Lastwagen vorgaukeln, mit AdBlue zu fahren. Tatsächlich aber wird die Anlage schlicht lahmgelegt und sogar die Bordelektronik ausgetrickst, sodass bei oberflächlichen Kontrollen nichts Auffälliges zu sehen ist.

Bei den Kontrollen sei häufig Fingerspitzengefühl gefragt: „Wir kennen unsere Pappenheimer“, sagt der Beamte. Immer die Ruhe bewahren, das gehöre in dem Job dazu. Und Vorsicht sei auch geboten: „Ein wichtiges Gebot für uns: Nie nah dran sein, wenn man die hinteren Türen des Lastwagens öffnet.“ Wenn da eine Ladung nicht richtig gesichert sei, könne das unter Umständen böse ausgehen. Diskussionen mit den Fahrern gebe es, ja. Aber: „Aggressiv werden sie nie.“ Es komme sogar vor, dass die Fahrer froh seien, wenn jemand ihren Chef dazu bringe, ihren Arbeitsplatz verkehrstauglich zu machen. „Es ist immer eine Frage der Kosten, das sehen wir an den Mängeln immer wieder.“ Haarsträubende Sachen sind Brieden im Kopf geblieben. Ein Beispiel steht sogar in der Garage des Verkehrskommissariats: eine manipulierte Abgasanlage. „Die haben wir beschlagnahmt. Die Sicherheitsleistung betrug da rund 22000 Euro.“

Die Beamten des Verkehrskommissariats suchen nicht nur nach Lastern mit Mängeln. Sie sind Spezialisten, die normale Streifenbeamten zum Beispiel nach schweren Verkehrsunfällen unterstützen. „Dafür sind wir speziell geschult, auch unsere Ausrüstung für solche Fälle ist besser“, so Brieden. Manchmal sitzt er auch im „Wagen mit der Lichtschranke“. In der Garage des Verkehrskommissariats, neben dem Mercedes, stehen noch ein Video-BMW und Polizeimotorräder. Auch damit ist Brieden unterwegs. „Aber meine Leidenschaft bleibt der Schwerlasttransport“, unterstreicht er am Ende nochmals mit einem zufriedenen Lächeln.

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Erstellt:
3. November 2018, 06:00 Uhr

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