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Der Mann in Schanghai sitzt nun fest

Unternehmen im Rems-Murr-Kreis zeigen sich im Kampf gegen das Coronavirus gut gerüstet – Unterschiedliche Auswirkungen

„Insgesamt reagieren die Unternehmen in unserem Bereich sehr besonnen und überlegt“, bilanziert Markus Beier die Lage aus seiner Sicht. Als leitender Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für die Bezirkskammer Rems-Murr (IHK) hat Beier qua Beruf immer den Finger am Puls der Zeit, was die Belange der Firmen hier angeht.

Auch bei Murrelektronik – im Bild das Entwicklungszentrum des Unternehmens in Oppenweiler – ist man in Sachen Coronavirus gerüstet und setzt unter anderem auf sachliche Informationen für die Firmenmitglieder. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Auch bei Murrelektronik – im Bild das Entwicklungszentrum des Unternehmens in Oppenweiler – ist man in Sachen Coronavirus gerüstet und setzt unter anderem auf sachliche Informationen für die Firmenmitglieder. Foto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG. Und die Unternehmer wiederum richten sich derzeit verstärkt an die IHK, um verschiedenste Fragen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu erörtern. Für die Unternehmen sei es nun zum einen wichtig, die eigenen Mitarbeiter zu informieren und zu schützen, etwa was hygienische Fragen angehe oder auch verstärkte Zugangskontrollen für die Beschäftigten. Andererseits stünden nun rechtlich Fragen für die Firmen im Fokus, beispielsweise was den Aspekt der höheren Gewalt bei Auftragsstornierungen betrifft.

„Es ist nicht so, dass das Telefon bei uns pausenlos klingelt, aber wir bekommen doch schon sehr viele Anfragen dazu derzeit“, so Beier weiter. Denn einige Unternehmen haben durchaus Auftragsrückgänge zu verzeichnen oder sind von Einschränkungen im Materialtransport innerhalb der zum Teil weltweiten Lieferketten und von Beschränkungen im Reiseverkehr betroffen. Man habe es mit einer dynamischen Entwicklung zu tun, insofern gelte jede Bestandsaufnahme im Grunde nur für kurze Zeit.

Bereits jetzt schon sei aber absehbar, dass das Coronavirus noch als zusätzliche Belastung zum gegenwärtigen Strukturwandel in der Automobilindustrie dazukomme. Um den vergangenen Jahreswechsel herum habe die Konjunktur eine Stabilisierung erfahren, die durch Corona nun einen deutlichen Dämpfer erfahren werde. Um das zu kompensieren und die Firmen hier zu unterstützen, sieht Beier eine Vereinfachung des Steuerrechts als dringend notwendig an. Beier: „Das ist längst fällig, und darüber wäre eine Entlastung auch kurzfristig möglich.“

Beim Unternehmen Harro Höfliger in Allmersbach im Tal hat das Thema Corona derzeit oberste Priorität. Dort wurde nun eine Task Force gebildet, also eine spezielle Arbeitsgruppe, die sich ab sofort regelmäßig trifft und sich um die Information der Mitarbeiter sowie um die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen kümmert. Einige erste Maßnahmen wurden bereits eingeleitet, wie Uwe Amann als Leiter des Personalwesens im Gespräch mit unserer Zeitung schildert.

Demnach werden sogenannte Hygienespender errichtet, in denen Hygienetücher und Desinfektionsmittel vorgehalten werden. Da solche Spender zurzeit im Handel vergriffen sind, werden sie von Höfliger-Mitarbeitern im Eigenbau hergestellt und installiert. Auch werden fortan zweimal täglich die Türklinken in der Firma gereinigt, um das Infektionsrisiko zu verringern. Außerdem wurde die Devise „Lächeln statt Händeschütteln“ ausgegeben. „Der Händedruck, der sonst bei uns im Unternehmen an der Tagesordnung war, muss nun leider unterbleiben“, so Amann über diese Einschränkung in der Umgangskultur bei Harro Höfliger. Dort orientiert man sich an den Hinweisen des Auswärtigen Amts. Wenn eine Warnung für ein bestimmtes Land besteht, reisen die Mitarbeiter dort nicht hin. Das sei – Stand Mittwoch – bei China, Italien, Iran und Südkorea der Fall. Rund 70 Länder seien aktuell betroffen, so Amann. Zusätzlich achten er und seine Kollegen auf die Mitteilungen des Robert-Koch-Instituts. Davon hänge ab, ob Höfliger Mitarbeiter beispielsweise zur Montage in andere Länder schickt. Amann: „Wir haben so gut wie keine Planungssicherheit und können immer nur von Fall zu Fall entscheiden.“ Noch schwerer sei absehbar, welche Entwicklungen auf die Firma zukommen, wenn das Virus bei einem Mitarbeiter des Allmersbacher Unternehmens nachgewiesen würde.

„Ich persönlich halte das alles für Panikmache“

Darum sei es geradezu dramatisch, dass nun ein Fall von Corona im Rems-Murr-Kreis, genauer gesagt in Rudersberg bestätigt wurde (wir berichteten). Die vorsorgliche Schließung des dortigen Schulzentrums betreffe auch Kinder von einigen Höfliger-Mitarbeitern. „Im Grunde weiß man bei den Mitarbeitern, die vom Wochenende zurückkommen und an die Arbeit gehen, auch nicht, wo sie überall waren“, benennt Amann einen weiteren Risikopunkt.

Drastischer gestaltet sich die Sachlage gerade bei der Cateringfirma Fruth mit Sitz in Backnang. Von drei Aufträgen, die kommende Woche auf der Stuttgarter Messe stattfinden sollten, seien zwei komplett abgesagt worden, ein dritter wurde auf ein Drittel des Auftragsvolumens reduziert, wie der Unternehmer Sebastian Fruth im Telefonat berichtet. Außerdem habe eine große Firma aus dem Rems-Murr-Kreis, deren Kantine viermal die Woche von Fruth beliefert wird, das Catering vorerst gestrichen. Der Grund sei wohl, dass die Auftraggeber größere Zusammenkünfte und eine damit verbundene erhöhte Ansteckungsgefahr vermeiden wollen. Fruth, der in seiner Cateringfirma sieben Festangestellte und rund 40 Aushilfen beschäftigt, hat sich auch schon zum Thema Betriebsausfallversicherung sachkundig gemacht. „Aber eine Kundenabsage wird nicht abgedeckt“, so Fruths Zusammenfassung des Gesprächs. Besondere präventive Maßnahmen für sein eigenes Unternehmen wird Fruth nicht ergreifen. In seinem Geschäftsfeld werde Hygiene immer großgeschrieben. Das sei schon vor Corona so gewesen. „Ich persönlich meine, das ist Panikmache. Wir haben es mit einer Grippewelle zu tun, wie wir sie jedes Jahr haben“, so Fruths Einschätzung zum Thema Corona.

Bereits vor zwei Wochen haben sich Geschäftsleitung und Betriebsrat der Backnanger Firma Tesat-Spacecom GmbH&Co.KG zusammengesetzt, um den Mitarbeitern entsprechende Verhaltensregeln mit Blick auf die Coronaausbreitung zu übermitteln. Die Betriebsversammlung, die üblicherweise donnerstags im Bürgerhaus stattfindet, wurde abgesagt. Und zwar aktuell wegen des Falls in Rudersberg, wie Pressesprecherin Nina Backes auf Nachfrage berichtet. Auf Anordnung der Muttergesellschaft Airbus müssen Besucher an den Werktoren in Backnang nun in einem Formular erklären, dass sie nicht aus einem Coronakrisengebiet kommen. Etliche Kundenbesuche aus dem Ausland sowie eigene Reisen von Tesat-Mitarbeitern etwa zu Konferenzen wurden ebenfalls abgesagt. „Die Europäische Weltraumorganisation Esa hat alle ihre Konferenzen gecancelt. Und unser Mann in Schanghai kann momentan auch nicht von dort weg“, so Backes zu weiteren Auswirkungen bei Tesat. Ebenfalls noch recht unaufgeregt geht die Herrmann Erkert GmbH in Sulzbach an der Murr mit dem Coronaphänomen um. Bei der Firma, die Präzisionsteile vornehmlich an die Autoindustrie liefert, seien noch keinerlei Auswirkungen zu bemerken, wie Katja Erkert wissen lässt. Die Mitarbeiter seien zu entsprechenden Hygienemaßnahmen wie Händewaschen instruiert. Erkert: „Wir sind vorbereitet.“

Ähnlich sieht es bei der Firma Murrelektronik GmbH in Oppenweiler aus. „Wir haben keine Infektions- oder Verdachtsfälle bei uns zu verzeichnen und haben eine ganze Reihe präventiver Maßnahmen getroffen“, schildert Silke Krüger-Schubert, die Leiterin der Unternehmenskommunikation. So werde etwa mehrfach am Tag im Unternehmen durchgeputzt. Zudem wurden Reise- und Besuchsregelungen kommuniziert. Homeoffice, also das Arbeiten von zu Hause, wird nach Möglichkeit praktiziert, um Menschenansammlungen zu vermeiden, so Krüger-Schubert. Es wurde eine telefonische Hotline für Mitarbeiter eingerichtet. Durch sachliche Informationen solle Panik vermieden werden. Zudem habe Jens Steinat, der Betriebsarzt des Oppenweiler Unternehmens, die Abteilungsspitzen von Murrelektronik mit fachlichen Informationen zum Umgang mit dem Thema Corona informiert.

Markus Beier. Foto: IHK Region Stuttgart

Markus Beier. Foto: IHK Region Stuttgart

Info

Durch die Ausbreitung des Coronavirus rechnet knapp die Hälfte von rund 500 befragten Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung in der Region Stuttgart mit negativen Auswirkungen auf ihre Geschäftsergebnisse im Jahr 2020. Etwa 18 Prozent gehen von deutlichen Einbrüchen aus, weitere 27 Prozent erwarten negative, aber nicht maßgebliche Auswirkungen. Ungefähr 46 Prozent der Teilnehmer können dies noch nicht beurteilen. So die Ergebnisse einer Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart.

Des Weiteren melden knapp 36 Prozent der Befragten Schwierigkeiten in ihren Lieferketten, knapp 30 Prozent berichten von Auftrags- und Umsatzrückgängen. Der größte Anteil (etwa 52 Prozent) klagt jedoch über Einschränkungen bei Geschäftsreisen und Messeteilnahmen. Bei fast 15 Prozent der Unternehmen verzögern sich Entscheidungen für Geschäftsaktivitäten und Investitionen.

Insgesamt sagt mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen, dass sie in irgendeiner Weise von den Auswirkungen des Coronavirus betroffen sind. Weitere 20 Prozent sind es derzeit nicht, aber erwarten es. 14 Prozent können es noch nicht ausschließen. Lediglich etwas mehr als zehn Prozent sagen, sie spüren keine Folgen. Beeinträchtigungen betreffen laut der Umfrageteilnehmer nicht nur die Geschäftsbeziehungen mit China (etwa 54 Prozent) und Italien (ungefähr 37 Prozent), sondern auch die übrigen asiatischen Länder.

Jedes fünfte Unternehmen berichtet von Problemen des Geschäftsverkehrs mit den übrigen europäischen Ländern. Im Zusammenhang mit den Verzögerungen bei Handelsbeziehungen wird oft von „höherer Gewalt“ gesprochen. Die IHK berät ihre Mitgliedsunternehmen kostenlos zu rechtlichen Fragen zu den üblichen Geschäftszeiten unter der Telefonnummer 0711/ 20051455. (Quelle: IHK Region Stuttgart)

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Erstellt:
6. März 2020, 06:00 Uhr

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