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Der Mensch ist mehr als eine Zahl

Aktionswoche Armut: Backnanger Allianz kritisiert Wohnungsknappheit und ermöglicht die Kinovorstellung „Slumdog Millionär“

Die landesweite Aktionswoche gegen Armut trägt dieses Jahr den Titel „Der Mensch ist mehr als eine Zahl“. Vertreter der Stadt Backnang, des Vereins Kinder- und Jugendhilfe, des Kreisdiakonieverbands, des Kreisjugendamts, der Caritas und der Erlacher Höhe wollen in diesen Tagen darauf aufmerksam machen, dass hinter jeder Zahl ein Schicksal steht. Dank ihres Engagements kann der Film „Slumdog Millionär“ im Backnanger Universum-Kino gezeigt werden.

Um die Frage nach Gerechtigkeit geht es in dem Film „Slumdog Millionär“, in dem Jamal im Mittelpunkt steht. Er stammt aus ärmsten Verhältnissen.

Um die Frage nach Gerechtigkeit geht es in dem Film „Slumdog Millionär“, in dem Jamal im Mittelpunkt steht. Er stammt aus ärmsten Verhältnissen.

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Das gesamte Jahr über kümmern sich die verschiedenen Stellen, Organisationen und Verbände um jene Menschen in der Stadt, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Alte, Kranke, Alleinerziehende, Schwangere, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, Wohnungslose oder Flüchtlinge. Speziell zur Aktionswoche gegen Armut, die vom 14. bis 20. Oktober geht, wollen die Mitglieder dieser besonderen Allianz gegen Armut allen Interessierten ein bemerkenswertes Angebot ermöglichen: Sie haben dafür gesorgt, dass der Film „Slumdog Millionär“ im Backnanger Kino Universum zu sehen ist. Die Familie Eppler stellt für diese besondere Veranstaltung ihre Räume zur Verfügung. Denn Annegret Eppler meint: „Das Ansprechen und Sichtbarmachen solcher Themen ist ein wichtiger Beitrag für die Wahrnehmung verschiedener Problematiken. Diese Wahrnehmung wiederum stellt überhaupt erst eine Grundlage für die Findung von Problemlösungen dar.“

Bei einem Pressegespräch zur Aktionswoche betonte Michael Belz von der Erlacher Höhe die große Wohnungsnot – auch in Backnang, wo zwar auf den ersten Blick eine gigantische Bautätigkeit herrscht. Das Problem aber ist laut Belz, dass dieser aktuelle Bauboom keine Entlastung für den Wohnungsmarkt von Bedürftigen bringt, sondern eher auf die Besserverdienenden abzielt. Der Sozialpädagoge betreut das Aufnahmehaus Friedrichstraße für wohnungslose Männer in Backnang. Er beklagt als größtes Problem, „dass das System verstopft ist“. Das heißt: Weil bezahlbarer Wohnraum so knapp ist, können er und sein Team die Betroffenen nicht mehr in Wohnraum vermitteln, und das, obwohl etwa die Hälfte dieser Wohnungslosen durchaus alleine leben könnte. Mit der Konsequenz, dass das Haus Friedrichstraße mit seinen zwölf regulären Plätzen und vier Notunterkünften ständig voll belegt ist. Im Gegenteil, es existiert laut Belz sogar eine lange Warteliste.

Als Lösung mietet die Erlacher Höhe inzwischen selbst Wohnungen an und vermietet sie an diese Bedürftigen weiter. Es handelt sich dabei um eine Art ambulantes, betreutes Wohnen. Der große Vorteil für den Vermieter: Er hat mit der Erlacher Höhe einen verlässlichen Ansprechpartner. Ohne diesen Zwischenschritt würde die eine oder andere Wohnung gar nicht dem Markt zur Verfügung stehen. Belz fordert von den zuständigen Behörden viel mehr Unterstützung. Diese sollte als präventive Maßnahme so ausfallen, dass es erst gar nicht zur Zwangsräumung und somit zu der beklagenswerten Notlage kommt.

Die verschiedenen Hilfsorganisationen haben zum Teil unterschiedliche Schwerpunkte. Tatjana Riekert vom Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang zum Beispiel betreut unter anderem das Projekt Weltcafé im Famfutur. Dort erfahren Menschen mit und ohne Fluchterfahrung vielfältige Angebote.

Hilfsorganisationen in Backnang verfügen über ein gutes Netzwerk

Das Besondere am Weltcafé ist, dass es sich um ein Kombiprojekt handelt. Dank des guten Netzwerks, das in Backnang geknüpft werden konnte, zählen zu den Trägern auch die Stadt Backnang, der Kreisjugendring, die Caritas und der Kreisdiakonieverband. Unterstützt wird das Projekt außerdem vom Kreisjugendamt. Im Weltcafé wird jedem geholfen: Alten, Jungen, Kranken oder Fremden. Hilfebedarf ist zum Beispiel notwendig beim Ausfüllen von Formularen.

Auch Marc Hinderer vom Caritas-Zentrum Backnang stellt die Migrationsberatung in den Vordergrund seiner Tätigkeit. Etwa 50 Prozent seiner Klientel sind Menschen mit Fluchthintergrund, die andere Hälfte EU-Ausländer. Bei der Beratung geht es um Themen wie Familiennachzug, Aufenthaltsrecht, Sprachkurse, Arbeitslosen- und Kindergeld. Vom Kreisdiakonieverband bemängelt Andreas Schwarzkopf, dass beim Teilhabepaket nur 60 Prozent des Budgets abgerufen werden, meist weil die Menschen nicht wissen, was ihnen zusteht. Er berät viele Menschen zu Themen wie Energieschulden. Oft ist die letzte Konsequenz, dass den Betroffenen der Strom abgestellt wird, was die jeweiligen Probleme nicht einfacher macht. Schwarzkopf bestätigt, dass viel Beratung nötig ist, und verweist auf die Tatsache, dass billige Wohnungen unterm Strich aufgrund der hohen Nebenkosten oft teurer sind.

Alle Mitarbeiter der Allianz sind sich einig, dass der knappe Wohnraum das größte Problem ist und zu menschenunwürdigen Zuständen führt. Die Wohnraumknappheit führt beispielsweise dazu, dass Frauen bei ihren Partnern wohnen bleiben, obwohl sie eigentlich ausziehen wollen. Mangels Alternativen sind sie weiter familiärer Gewalt ausgesetzt. Und eine Entlastung auf dem Wohnungsmarkt, so die einhellige Meinung, ist noch lange nicht in Sicht.

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Erstellt:
9. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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