Der Möbelshop macht dicht

Der Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang bietet keine gebrauchten Betten, Schränke und Elektrogroßgeräte mehr an. Das Lager in der Fabrikstraße 43 ist bereits so gut wie geräumt. Gründe für die Schließung sind der Umsatzeinbruch und die Coronapandemie.

Dieser Tage wurden die angemieteten Räumlichkeiten in der Fabrikstraße 43 geräumt. Mitarbeiter waren damit beschäftigt, die Gegenstände nach Material zu trennen und sortieren – Holz, Metall, Kunststoff und Elektroschrott und so weiter. Dann wurden die Einzelteile der ehemaligen Einrichtungsgegenstände zur Deponie gefahren und dort entsorgt. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Dieser Tage wurden die angemieteten Räumlichkeiten in der Fabrikstraße 43 geräumt. Mitarbeiter waren damit beschäftigt, die Gegenstände nach Material zu trennen und sortieren – Holz, Metall, Kunststoff und Elektroschrott und so weiter. Dann wurden die Einzelteile der ehemaligen Einrichtungsgegenstände zur Deponie gefahren und dort entsorgt. Fotos: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Umzug, Todesfall oder eine Umgestaltung in der Wohnung – es gibt viele Gründe, warum man Möbel, Teppiche und Elektrogeräte ausrangieren muss, die man aber auch nicht wegschmeißen möchte, weil sie zu schade dafür sind. Was bietet sich also an als Alternative für den Sperrmüll oder die Deponie? Vielen Bürgern kam da der Möbelshop des Vereins Kinder- und Jugendhilfe Backnang wie gerufen. Ein Anruf genügte, dann kamen die Mitarbeiter des Möbelshops vorbei, sichteten die Ware, packten an und fuhren die Sachen in die Fabrikstraße 43 nach Backnang, wo sie in einer Halle aufgebaut und ausgestellt wurden. Die Kunden kamen und besichtigten das ständig wechselnde Angebot, wie in einem Möbelhaus.

„Junge Leute haben hier gekauft – kein Luxus, aber doch gute Sachen.“

„Der ursprüngliche Gedanke war, dass wir Sachen, die zu gut für die Mülldeponie sind, erst mal retten, und andererseits Menschen, die einfach nicht so viele finanzielle Möglichkeiten haben, ermöglichen, sich trotzdem vernünftig einzurichten“, erklärt Karin Kirsch. Die 58-Jährige leitet das Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien „Famfutur“ des Vereins Kinder- und Jugendhilfe Backnang und ist auch für die pädagogischen Belange verantwortlich. „Wir wurden auch viel von jungen Leuten besucht, die von zu Hause ausgezogen sind und vom Arbeitsamt einen Betrag von etwa 500 Euro für die Wohnungseinrichtung erhalten haben“, erinnert sich Kirsch. Die jungen Leute hätten sich im Möbelshop komplett einrichten können, vom Wohnzimmer übers Schlafzimmer bis zur Küche. „Natürlich kein Luxus, aber doch gut“, sagt Kirsch.

Aber das war einmal, dies Angebot, das rund 20 Jahre bestand, gibt’s nicht mehr. Im April hat sich die Vereinsspitze dazu entschlossen, ihren Möbelshop zu schließen. „Der hat sich betriebswirtschaftlich nicht mehr getragen. Aus mehreren Gründen“, wie Verwaltungschef Jürgen Olma sagt. Der 57-Jährige, der der seit 15. März im Famfutur arbeitet und am 1. Juni die Leitung der Verwaltung übernommen hat, weist auf ein verändertes Verbraucherverhalten hin. „Unser Ziel war es, ansprechende und wertige Gegenstände auf den Markt zu bringen. Dazu gehört auch, was auch hier etabliert war, dass wir Elektrogeräte – Kühlschränke, Herde und so weiter – vor dem Anbieten geprüft haben, auf Funktionsfähigkeit und Sicherheit.“ Das habe anfangs auch gut geklappt. Aber immer mehr hätten die Menschen, die Möbel abzugeben hätten, gemerkt, dass man doch noch Geld dafür erzielen könne, beispielsweise übers Internet. „Wir haben dann nur noch das bekommen, was über Ebay nicht verkauft werden konnte“, erklärt Olma. Sein Fazit: „Die Qualität unserer Ware hat zwangsläufig mehr und mehr nachgelassen.“

Gleichzeitig, so die Wahrnehmung des Verwaltungschefs, habe es immer öfter Angebote von Möbelhäusern und anderen Anbietern zu Tiefstpreisen gegeben. Diese Art von Konkurrenz habe dem Möbelshop schwer zu schaffen gemacht. Ein nachhaltiger Umsatzeinbruch seit September 2019 war die Folge.

Und dann kam Corona. „Seit 16. Dezember hatten wir geschlossen. Erst Mitte Juni durften wir jetzt wieder öffnen“, sagt Olma. Das heißt, ein halbes Jahr lang keine Anlieferung mit neuer Ware und auch Verkäufe waren nicht möglich. Denn einen Online-Auftritt hat der Möbelshop genauso wenig, wie die Möglichkeit, Ware über Click&Meet zu verkaufen. So war es laut Olma vor der Schließung auch nicht mehr möglich, waren noch günstiger oder gar umsonst an Interessenten abzugeben. Die Fixkosten aber blieben. Fazit: Der Umsatzeinbruch verschärfte sich.

Vereinsvorsitzender Heinz Franke weist noch auf einen weiteren Umstand hin. „Im Sowas haben wir außer einer hauptamtlichen Mitarbeiterin, Daniela Kramm, die die Leitung hat, sehr viele Zwei-Euro-Jobber, sehr viele Ehrenamtliche, auch Bufdis sowie Strafarbeiter, die gerichtliche Auflagen bekommen haben, Sozialstunden abzuarbeiten.“ Im Möbelshop hat der Verein dagegen nur mit Hauptamtlichen gearbeitet, jetzt zum Schluss mit vier Personen, zwar teilweise mit Leuten, wo Fördermittel geflossen sind, aber: „Wir hatten schon relativ hohe Personalkosten“, sagt Franke.

Der 71-Jährige bedauert das Aus des Möbelshops, den er selbst mit aufgebaut hat. Der Verein habe aber aus wirtschaftlichen Gründen keine andere Wahl gehabt. „Letztlich steht das gesamte Sowas und ein Stück weit auch das Famfutur auf dem Spiel, wenn wir nicht reagiert hätten. Irgendwo mussten wir Prioritäten setzen und entscheiden, wo wir die Reißleine ziehen müssen“, sagt Franke.

Nicht betroffen von der Schließung des Möbelshops in der Fabrikstraße 43 sind die Angebote im Famfutur in der Theodor-Körner-Straße 1, wie die Tafel und das soziale Warenhaus oder das Bücherlädle.

Karin Kirsch, Heinz Franke und Jürgen Olma (rechts) haben beschlossen, den Möbelshop zu schließen.

© Alexander Becher

Karin Kirsch, Heinz Franke und Jürgen Olma (rechts) haben beschlossen, den Möbelshop zu schließen.

Neue Leitungsstruktur

Seit drei Wochen ist im Verein Kinder-u. Jugendhilfe Backnang die neue Leitungsstruktur in Kraft getreten, um den wachsenden Anforderungen eines inzwischen 50 Jahre alt gewordenen Trägers sozialer, pädagogischer und therapeutischer Dienste mit über 100 Mitarbeitenden gerecht zu werden.

Für die Gesamtleitung und pädagogische Leitung im Famfutur ist jetzt Karin Kirsch zuständig, die seit zehn Jahren als Sozialpädagogin an verantwortlicher Stelle mitarbeitet.

Ihr Stellvertreter und gleichzeitig Verwaltungsleiter ist Jürgen Olma, der vielfältige Erfahrungen aus der öffentlichen Verwaltung mitbringt und der bisherigen Verwaltungsleiterin Evelyn Schibrani nachfolgte, die sich in ihren Ruhestand verabschiedet hat.

Heinz Franke, seit 1988 Vorsitzender des 1970 gegründeten Vereins, wird sich künftig auf Trägeraufgaben konzentrieren.

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Erstellt:
25. Juni 2021, 06:00 Uhr

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