Bier in der Fastenzeit
Der Mönch fastet seit dem Mittelalter mit Starkbier
Fastenzeit? Die Zeit zwischen Fasching und Ostern bedeutet nicht in jedem Fall, dass verzichtet werden muss. Alkohol hat den Glaubensbrüdern früher Kraft gegeben.
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Von Michael Weier
Der Wirt meines Vertrauens hat den unschätzbaren Vorteil, dass ich bei meiner Wortwahl nicht ach so sehr aufpassen muss. Er tut es andersrum nämlich auch nicht, was daran liegt, dass wir beide zusammen die Schulbank gedrückt haben. Wer nichts wird, wird Wirt. Oder Journalist. Diesen dummen Spruch konnte ich mir nun nicht verkneifen.
Aber kommen wir zum Genuss: Der Wirt meines Vertrauens hat noch einen weiteren Vorteil, er kennt sich nämlich wahnsinnig gut mit Bier aus. In der Hoffnung, er liest dies nicht, muss ich zugeben: Er kennt sich so gut aus mit Bier wie sonst niemand, den ich kenne. Unter dem Pseudonym Bruder Tuck führt er in der Schmiede in Fellbach in die Feinheiten der Fastenzeit ein. Mit Starkbier bei seinen Bierproben.
Ernährung mit Starkbier
Mit dem Fasten ist es so eine Sache. Die pietistischen Laien aus dem schönen Stuttgart denken sicher: Fasten, das ist Enthaltung, da trinkt man auch weniger Alkohol. Dachte zumindest ich. Wobei ich eindeutig einem Irrtum aufgesessen bin. Denn das Gegenteil ist der Fall.
Die Geschichte geht weit zurück. Im 17. Jahrhundert galten noch klare Regeln („früher war alles besser!“) – und in der Fastenzeit, zwischen der närrischen Zeit und Ostern, nahmen viele Menschen die Sache mit dem Verzicht noch sehr ernst. Besonders die Mönche, für die dies eine der härtesten Zeiten des Jahres war. Denn die Glaubensbrüder waren keineswegs dauerhaft mit Beten beschäftigt, sie mussten auch hart arbeiten. Der Verzicht auf feste Nahrung forderte den ganzen Mönch. Fleisch, Milchprodukte und reichhaltige Speisen waren verboten. Die Lösung brauten sich die christlichen Menschen einfach selbst, denn es galt der lateinische Spruch: Liquida non frangunt ieiunium. Habe ich nachgelesen, weil ich kein Latein in der Schule hatte, da können Sie meinen Wirt fragen. Übersetzt heißt das: Flüssiges bricht das Fasten nicht. Damit die armen Mönche also nicht vom Fleisch fallen, haben sie einfach extrem kräftiges Bier gebraut. Diese sogenannten Bock-Biere enthalten mehr Malz und damit mehr Kalorien. Die Paulaner-Mönche taten sich hierbei besonders hervor und brauten das Salvator, dem viele ähnlich klingende Namen folgten wie Maximator und, mein Liebling, Animator.
Fasten ist inzwischen eine eigene Wissenschaft, das starke Bier aber ist uns erhalten geblieben. Mit all den Risiken, die ein Bier mit sieben Volumenprozent Alkohol so hat. Bei manchem Konsumenten ist da die Wirkung eher unvorhersehbar. Von den Mönchen allerdings ist nicht überliefert, ob sie auch gelegentlich Ausfälle zu verzeichnen hatten wegen des Alkoholgehalts der Biere.
Mein Wirt rät mir bei seinen Spezialitäten deshalb nur zur gepflegten Dosierung. Sonst könnte mir am Ende doch ein falsches Wort rausrutschen.
