Der Neckar bleibt ein Sorgenkind

Zu wenig Sauerstoff, zu viel Abwasser: Der Strom der Schwaben ist alles andere als naturnah. Doch es gibt auch gute Nachrichten.

Der Neckar ist gerade in der Region Stuttgart vielen Belastungen ausgesetzt.

© Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Neckar ist gerade in der Region Stuttgart vielen Belastungen ausgesetzt.

Von Thomas Faltin

Stuttgart - Vor Kurzem hat selbst Umweltministerin Thekla Walker von den Grünen den Neckar als Sorgenkind bezeichnet – so sei der Sauerstoffgehalt im vergangenen Sommer zeitweise so niedrig gewesen, dass man den Fluss habe belüften müssen, um einem Fischsterben vorzubeugen. Aber warum genau ist der Neckar eigentlich solch ein Problemfall?

Uwe Bergdolt, Gewässerexperte bei der Landesanstalt für Umwelt (LUBW), kann das gut erklären. Erstens sei der Neckar beinahe ein stehendes Gewässer: Wegen der 27 Staustufen zwischen Plochingen und Mannheim sei die Fließgeschwindigkeit sehr gering. „Bei Niedrigwasser braucht ein Tropfen drei Wochen bis zur Mündung in den Rhein“, so Bergdolt. Es gibt deshalb wenig Turbulenzen im Wasser, durch die Sauerstoff in den Neckar gelangen könnte. Außerdem heizt sich stehendes Wasser sehr viel schneller auf. Im August vergangenen Jahres lag die Temperatur zeitweise über 25 Grad.

Zweitens leben sehr viele Menschen am Fluss, vor allem natürlich in der Region Stuttgart. Dadurch gelangt sehr viel Abwasser in den Neckar. Die größte Menge wird zwar geklärt. Aber es ist schon so, dass nach dem Klärwerk Mühlhausen, dem größten in Baden-Württemberg, der Neckar bei Niedrigwasser zu 37 Prozent aus Abwasser besteht, bei mittleren Pegelständen immerhin noch zu 13 Prozent.

Zudem gelangen nach stärkeren Regenfällen, wenn die Klärwerke überlastet sind, immer auch ungeklärte Abwasser in den Fluss, obwohl dieses meist zunächst noch in Regenüberlaufbecken aufgefangen wird. Oft reicht aber auch ihre Kapazität nicht aus. Laut einer früheren Aussage der Stadtverwaltung sei es in Stuttgart im Jahr 2019 bei der Hälfte der Becken mehr als zehn Mal zu „Entlastungen“ gekommen, wie das etwas beschönigend offiziell genannt wird. Der Spitzenwert lag bei 52 Überläufen, weil das betroffene Becken gerade saniert wurde. Im Schnitt geht das Umweltministerium von 20 bis 30 Vorfällen pro Jahr pro Becken aus, überall in Baden-Württemberg.

Das Baden im Neckar ist deshalb verboten, weil teils doppelt so viele Kolibakterien im Wasser vorkommen, wie für Badegewässer erlaubt ist. Mit Sensoren, die gerade an alle Becken angebracht werden, will das Land das bisher unbekannte Ausmaß dieser Einleitungen feststellen und dann im besten Fall mithilfe digitaler Steuerung minimieren. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Aber zurück zum Sauerstoff. Wenn der Neckar unter den kritischen Wert von 4,5 Milligramm Sauerstoff pro Liter sinkt, dann stellen das zehn Messstellen relativ schnell fest und schlagen Alarm. In dem Fall rückt aber nicht die Feuerwehr an, die mit Schläuchen Luft ins Wasser pumpt. Vielmehr werden an den Staustufen die Wehre abgesenkt, damit mehr Neckarwasser darüber hinweg fließt und beim Fallen Sauerstoff aufnimmt. Teilweise wird auch über die Turbinen der Wasserkraftwerke Luft angesaugt. Beides führt aber zu Mindereinnahmen bei den Betreibern, die das Land ausgleichen muss.

Es sei auch nicht so, sagt Uwe Bergdolt, dass die Belüftungsmaßnahmen durch den Klimawandel kontinuierlich zunähmen. Der Rekord von 19 „Belüftungstagen“ stammt aus dem Jahrhundertsommer 2003 und ist bis heute nicht mehr erreicht worden. Im vergangenen Jahr waren es 13 Tage, 2022 blieb der Neckar zum Glück ganz von Eingriffen verschont. Ein regionaler Hotspot bei diesen Maßnahmen sei schon der Neckarabschnitt von Mühlhausen bis Besigheim, so der Gewässerexperte weiter. Da trage das Klärwerk Mühlhausen einen großen Teil dazu bei. Kraftwerke, die Kühlwasser entnehmen, müssen übrigens ab 25 Grad Wassertemperatur ihre Leistung senken, um den Neckar nicht übermäßig weiter aufzuheizen.

Ein weiteres Problem, dem alle Flüsse zunehmend ausgesetzt sind, liegt in den Spurenstoffen, etwa Arzneimitteln, Chemikalien oder Pestiziden, die in geringen Mengen in den Flüssen vorkommen. Sie können teils in den Kläranlagen noch nicht herausgefiltert werden, teils gelangen sie allerdings auch auf diffusen Wegen in die Gewässer. Danach wurden insgesamt nur fünf von 90 untersuchten Stoffen gar nicht gefunden, seit der ersten Untersuchung 2014 habe sich nichts grundlegend verbessert, so der Bericht. In geringen Dosen – häufig liegen die Werte unter einem Viertel des Schwellenwerts – gelangen diese Spurenstoffe auch ins Trinkwasser. Mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe in den Klärwerken können Spurenstoffe zumindest zu größeren Teilen eliminiert werden. Auch das Klärwerk Mühlhausen plant dies.

Insgesamt aber hat sich bei den Schadstoffen in den Flüssen vieles getan in den vergangenen Jahrzehnten. Stellvertretend sei Phosphor genannt, das in Seen und Flüssen wie Dünger wirkt und etwa das Algenwachstum beschleunigt. In den 1970er Jahren lag der Phosphorgehalt im Neckar noch bei 1,1 Milligramm pro Liter, heute ist er nur noch ganz knapp über dem angestrebten Wert von 0,07 Milligramm pro Liter. Uwe Bergdolt: „Das ist eine Erfolgsgeschichte, die den Neckar robuster macht.“ Allerdings deute vieles darauf hin, dass der Klimawandel manche Bemühung konterkariere. Insgesamt stuft das Land den ökologischen Zustand des Neckars ab etwa Heilbronn als schlecht ein, in der Region Stuttgart ist er „unbefriedigend“ (das ist die drittschlechteste von vier Kategorien). Die Flüsse Donau und Rhein sind besser bewertet.

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Erstellt:
11. März 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
12. März 2024, 22:05 Uhr

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