Die Ergebnisse von Ottawa

Der Ozean war eine Farm

Indigene Völker beklagen „Umweltrassismus“nach der Umweltkonferenz in Ottawa – und fordern als Bewegung stärkere Anerkennung.

Kunst als Verhau: „Giant plastic tap“  –   zur Erinnerung vor dem Eingang zur soeben erst zu Ende gegangenen Internationalen Umweltkonferenz im  kanadischen Ottawa.

© AFP/DAVE CHAN

Kunst als Verhau: „Giant plastic tap“ – zur Erinnerung vor dem Eingang zur soeben erst zu Ende gegangenen Internationalen Umweltkonferenz im kanadischen Ottawa.

Von Gerd Braune

Die Ureinwohnervölker erheben ihre Stimme. Sie fordern einen starken global gültigen und rechtlich bindenden Vertrag zur Eindämmung und Beendigung der Vermüllung der Erde mit Plastik, in dem ihre Rechte und Anliegen berücksichtigt werden. Denn ihre Gemeinden sind oft besonders stark und direkt von Plastikmüll, der Förderung von Erdöl und Erdgas und von petrochemischer Produktion betroffen. Sie nennen es „Umweltrassismus und Umweltgewalt“.

Ureinwohnervölker sind enttäuscht

Über Verlauf und Ergebnis der vierten Runde der Verhandlungen über ein UN-Abkommen gegen Plastikmüll in der kanadischen Hauptstadt Ottawa äußerten sie sich enttäuscht.

Sie hatten in Veranstaltungen am Rande der Konferenz, die Mitte der Woche endete, deutlich gemacht, dass „indigene Gemeinden an den Frontlinien der Plastikkrise“ stehen. Betroffen seien sie nicht nur von der Produktion von Plastik und dem Müll, sondern bereits von der Förderung von Erdgas und Erdöl, die die Grundrohstoffe für Plastik sind und oft ihre Lebensräume stark belasteten.

„Wir haben unsere schmerzhaften Erfahrungen in Veranstaltungen am Rande der Konferenz erzählt, aber nicht in den Plenarsitzungen“, sagt Janelle Nahmabin von der Aamjiwnaang First Nation in der kanadischen Provinz Ontario. „Unternehmenslobbyisten sollten kein stärkeres Mitspracherecht haben als indigene Völker und Gemeinden an den Frontlinien, die die Hauptlast der Auswirkungen der Plastikverschmutzung tragen.“ erklärt die kanadische Umweltorganisation Ecojustice.

Die Umweltversammlung der Vereinten Nationen hatte im März 2022 beschlossen, die Plastikverschmutzung anzugehen und dazu bis Ende 2024 ein bindendes Abkommen auszuhandeln. Ende November soll in Busan in Südkorea ein unterschriftsreifer Vertrag vorliegen, der dann formal im kommenden Jahr auf einer diplomatischen Konferenz verabschiedet werden.

Menschenrechte müssen wichtiger sein

Durch ein gemeinsames Gremium, einen „Caucus der indigenen Völker“ mit Vertreter der Ureinwohnervölker der Arktis, Nord-, Zentral- und Südamerikas versuchen sie weiterhin Einfluss auf die Verhandlungen zu nehmen. Ziel müsse ein Vertrag sein, der Menschen und Menschenrechte in den Vordergund stelle, nicht ökonomische Interessen, meint eine Sprecherin des Indigenous Peoples Caucus.

Indigene Völker an Küsten leben traditionell bis heute sehr stark vom Fischfang. Plastik aber verschmutzt die Meere und zersetzt sich zu Mikroplastik, Kleinstpartikel, die in die Nahrungskette gelangen. Chemikalien, die in der Plastikproduktion verwendet werden, können dadurch in den menschlichen Körper gelangen.

Selbst die Arktis ist inzwischen ähnlich stark mit Plastik vermüllt wie dicht besiedelte Regionen, berichtet das in Bremerhaven ansässige Alfred-Wegener-Institut (AWI). Hohe Konzentrationen von Mikroplastik fänden sich im Wasser, am Meeresboden, an unbewohnten Stränden, in Flüssen und selbst in Eis und Schnee, sagt AWI-Forscherin Melanie Bergmann. Ein Großteil des Plastikmülls im europäischen Teil der Arktis kommt den Studien zufolge aus der Fischerei: Netze und Seile würden absichtlich im Meer entsorgt oder gingen verloren. Müll gelange aus arktischen Siedlungen ins Meer, komme aber auch von weit her.

Flüsse brächten Plastik mit, unter anderem aus Sibirien. Luft trage kleines Mikroplastik nach Norden. Der Inuit Circumpolar Council als Sprachrohr der Inut Kanadas, Alaskas, Grönlands und Sibiriens unterstreicht die Rechte indigener Völker und fordert, das Ökosystem der Arktis als besonders „vulnerabel“ und empfindlich anzuerkennen.

Plastik ist allgegenwärtig

„Mikroplastik verunreinigt global unsere Wassersysteme und ist nun in unseren Körpern zu finden“, erklärt Tori Cress von „Keepers of the Water“. „In allen Phasen seinen Lebenszyklus ist Plastik ein allgegenwärtiger Schadstoff, der menschliche Gesundheit und die Umwelt bedroht“, meint Melissa Gorrie von Ecojustice. Weil die Arktis, etwa an der Küste Alaskas und in Sibirien, ein Zentrum der Erdöl- und Erdgasförderung ist, sehen die arktischen Völker ihre Umwelt von Ölförderung und petrochemischer Industrie bedroht. „Mehr als 13 Millionen Menschen aus mehr als 40 ethnischen Gruppen leben in der circumpolaren Region rund um den Nordpol und werden durch Plastik, Chemikalien und Klimawandel gefährdet“, berichten die Alaska Community Action on Toxics (ACAT) und das International Pollutants Elimination Network (IPEN).

Die arktischen Völker gehörten zu den „am stärksten kontaminierten Völkern der Erde“, sagte Vi Pangunnaaq Waghiyi, eine ältere Frau aus dem Volk der Yupik in Sivuqaq in Alaska. „Mein Volk nennt den Ozean ,unsere Farm’, denn er liefert uns Nahrung.“ Nun aber fänden sich im Eismeer Plastik und Mikroplastik mit 16 000 verschiedenen Chemikalien. „Wir rufen dazu auf, die stärksten Maßnahmen zu beschließen, damit künftige Generationen geschützt werden. Für meine Generation ist es schon zu spät“, sagte sie. Aber „dieser Umweltrassismus muss enden“.

Zum Artikel

Erstellt:
2. Mai 2024, 17:04 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

 Mobile_Footer_1

DEV Traffective Mobile_Footer_1

Footer_1

DEV Traffective Footer_1

Interstitial_1

OutOfPage