Der Spion, der aus Backnang kam

Johannes Willy Eppler hat ein abenteuerliches, ja schillerndes Leben geführt: Geboren im ägyptischen Alexandria, aufgewachsen an der Murr, im Zweiten Weltkrieg als Geheimagent für Rommels Afrikakorps in Kairo – eine Geschichte, die Stoff für Bücher und Filme lieferte.

Eppler in englischer Uniform in Kairo. Beide Fotos stammen aus Epplers Büchern.

Eppler in englischer Uniform in Kairo. Beide Fotos stammen aus Epplers Büchern.

Von Armin Fechter

BACKNANG. Als der kleine John W., wie er später auch genannt wurde, 1914 in der prosperierenden, multinational geprägten Millionenstadt an der Mittelmeerküste als uneheliches Kind von Johanna Eppler zur Welt kam, deutete nichts auf seinen späteren Werdegang hin. Überhaupt gibt es nur spärliche Informationen über die familiären Hintergründe, wie Stadtarchivar Bernhard Trefz bei den Recherchen für einen Beitrag im Backnanger Jahrbuch 2021 feststellen musste. Eppler selbst äußerte sich dazu in seinen beiden Büchern „Rommel ruft Kairo“ und „Geheimagent im Zweiten Weltkrieg zwischen Berlin, Kabul und Kairo“ nur sehr knapp. So ergaben Trefz’ Nachforschungen, dass es Epplers Mutter, eine geborene Backnangerin aus der Aspacher Straße, offenbar nach Alexandria verschlagen hatte, wo sie in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitete. Schon dies mutet ziemlich exotisch an, da sie einer streng gläubigen Baptistenfamilie entstammte. Vater des Jungen war wohl der Hoteldirektor Willy Webb, der wenig später starb.

Johanna – nun 26 Jahre alt – heiratete darauf 1915 den einflussreichen und hoch angesehenen Kairoer Richter Saleh Bey Gafaar und gebar 1916 einen weiteren Sohn, den sie aber in Deutschland, in Feuerbach bei Stuttgart, zur Welt brachte. Nach seinem Stiefvater erhielt Johannes später den Namen Hussein Gafaar. Vorerst aber wuchsen die beiden Buben bei ihrer Großmutter in Backnang auf. Die Mutter konnte unterdessen weiterhin berufstätig bleiben, wechselte öfter den Wohnort und kehrte 1924 zu ihrem Mann nach Kairo zurück. Die Söhne absolvierten in Backnang Kaufmannslehren, traten Arbeitsstellen an, folgten aber 1932 beziehungsweise 1933 der Mutter.

In Beirut wurde Eppler vom deutschen Geheimdienst angeworben

In der Nil-Metropole scheint sich Johannes in Sprachen und im Handelswesen weitergebildet zu haben. Zudem näherte er sich offenbar der ägyptisch-islamischen Lebensart an und nahm unter anderem an einer Pilgerreise nach Mekka teil. 1937 kehrte er jedoch nach Deutschland zurück. Zuvor hatte sich der mit der arabischen Welt vertraute Eppler vom deutschen Geheimdienst anwerben lassen. Die Kontaktaufnahme erfolgte nicht irgendwo in einem verschwiegenen Büro, sondern bei gutem Essen und feinem Wein in einem mondänen Hotel in Beirut, damals das Paris des Nahen Ostens. James Bond lässt grüßen, wie Stadtarchivar Trefz diesen Moment kommentiert. Trefz zitiert zugleich auch Eppler, der diesen Schritt nicht aus Vaterlandsliebe getan haben will, da er sich mehr als Ägypter denn als Deutscher gefühlt habe, sondern weil sich daraus Möglichkeiten ergeben hätten, die für die in Ägypten neu erwachsenden Ideen nützlich sein könnten. So stand Eppler auch bereits mit ägyptischen Offizieren in Kontakt; es ging dabei offenbar um Wege, den britischen Einfluss zurückzudrängen und das Land – seit 1922 formal eine selbstständige Monarchie – umzukrempeln.

Während seines Deutschlandaufenthalts 1937 erhielt Eppler in Berlin und Brandenburg eine Schulung in den Grundtechniken des Spionierens, von Chiffrieren bis Funken, sowie in militärischen Belangen. Zudem traf er – Trefz: „quasi als letzte Weihe“ – den Leiter der deutschen Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris. Nachdem Eppler bestätigt hatte, „nach bestem Wissen und Gewissen arischer Abstammung“ zu sein, erhielt er seinen Vertrag. Ein kurzer Backnangbesuch folgte, dann trat er das abenteuerliche neue Leben an.

Erste Missionen führten den frischgebackenen Spion in den Nahen und Mittleren Osten: Türkei, Persien, Afghanistan. Eppler sollte Kontakt zu Leuten herstellen, die möglicherweise Aufstände gegen die Briten anzetteln konnten. Für das Ziel, „den Kern einer Rebellion zu legen, die man in Berlin ausgebrütet hatte“, machte sich der Deutsch-Ägypter den weitverbreiteten Ruf von Lawrence von Arabien zunutze. Der britische Offizier war zum Mythos geworden, weil er im Ersten Weltkrieg einen arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich forciert hatte.

Epplers große Stunde aber sollte, so führt Trefz aus, 1942 schlagen, als er im Zusammenhang mit dem deutschen Afrikafeldzug für eine Mission in Kairo ausgewählt wurde: das Unternehmen „Salaam“. Der Auftrag lautete: „Aufklärung im Rücken des Feindes.“ In Begleitung von Hans-Gerd Sandstede als Funker sollten „aus dem Hauptquartier der britischen Mittelostkräfte laufend Informationen“ über Bewegungen und Planungen beschafft und an General Erwin Rommel gemeldet werden. Zunächst galt es, die beiden Spione an den britischen Linien vorbei nach Kairo zu bringen – „3000 Kilometer quer durch unbewohntes, einsames Land“, wie Eppler schrieb. Der Konvoi unter Führung des ungarischen Saharaforschers Ladislaus Almásy kam jedoch nicht weit: Weil einige Beteiligte krank wurden, musste die Kolonne umkehren. Erst im zweiten Anlauf gelang das riskante Vorhaben, wobei das Agentenduo den letzten Teil der Strecke von Assiut nach Kairo allein bewältigte. Damit begann das Unternehmen „Condor“.

Ausgestattet mit einem Koffer voll englischer Pfundnoten und einem nagelneuen Funkgerät trafen Eppler und Sandstede in Kairo ein. Die beiden suchten sich zunächst Zimmer in separaten Pensionen, und Sandstede fing sofort zu funken an. Die Kontaktaufnahme klappte auch auf Anhieb – das sollte aber die Ausnahme bleiben, denn danach kam aus Rommels Hauptquartier keine Antwort mehr, wie eifrig Sandstede auch funkte. Was die Agenten nicht wussten: Bei einem überraschenden Kommandounternehmen war den Briten die Gegenstelle in die Hände gefallen. Alle übermittelten Nachrichten aus Kairo liefen nun also ins Leere.

Eine umschwärmte Bauchtänzerin

warb Eppler als Informantin an

Die beiden Geheimdienstler zogen derweil alle Register, um Erkenntnisse zu gewinnen: Ganz im Stil der amourösen Abenteuer eines 007 warb Eppler beispielsweise in der Kit-Kat-Bar die umschwärmte Bauchtänzerin Hekmat Fahmi, die er schon von früher kannte, als Informantin an. Zugleich nahm er Kontakt zum ägyptischen Untergrund auf und traf unter anderem mit Anwar el-Sadat zusammen, dem späteren Staatspräsidenten von Ägypten, einem guten Bekannten seines Stiefvaters. Um besser senden und empfangen und auch eine richtige Antenne anbringen zu können, mieteten Eppler und Sandstede ein Hausboot an, das Platz für leidenschaftliche Partys bot – eine perfekte Tarnung, denn auf einem benachbarten Hausboot hatte die Gegenseite, ein wichtiger britischer Geheimdienstler, ihr Domizil.

Nach zwei Monaten eifrigen Sammelns und Sendens von allerlei Erkenntnissen kam aber das Aus: Eppler und Sandstede wurden auf ihrem Hausboot gefangen genommen. Den Briten, die schon den ersten Funkspruch aufgefangen hatten, war es endlich gelungen, den Code zu knacken: Die Spione hatten zum Verschlüsseln dreist den englischen Roman „Rebecca“ von Daphne du Maurier benutzt. Nach Verhören, Kriegsgerichtsverhandlungen und Internierung zuletzt im ehemaligen KZ Neuengamme wurde Eppler 1946 aus der Gefangenschaft entlassen.

Johannes Eppler, sein Stiefvater Saleh Bey Gafaar, seine Mutter Johanna und sein Stiefbruder Theofil Artur (von links). Fotos: privat

Johannes Eppler, sein Stiefvater Saleh Bey Gafaar, seine Mutter Johanna und sein Stiefbruder Theofil Artur (von links). Fotos: privat

Einer spannenden Geschichte auf der Spur

Literatur und Film Die Geschichte um den Spion Eppler lieferte Stoff für mehrere literarische und filmische Umsetzungen. Neben den zwei Büchern, die Eppler selbst veröffentlichte, erschien 1982 auch der Bestseller „Der Schlüssel zu Rebecca“, in dem Ken Follett Motive der Operation „Condor“ verarbeitete. Das Unternehmen „Salaam“ wiederum wird in dem Roman „Der englische Patient“ (1992) von Michael Ondaatje thematisiert.

Eppler in Backnang Der Film „Rommel ruft Kairo“ kam 1959 in die deutschen Kinos; anlässlich dessen Aufführung besuchte Eppler ein weiteres Mal Backnang. Seinen Lebensabend verbrachte Eppler in Nordrhein-Westfalen. Nach seinem Tod 1999 erinnerte sich seine Vermieterin noch an den älteren Herrn, der „immer edle Anzüge trug und Frauenkontakte hatte“.

Recherchen Bernhard Trefz hat bei seinen Recherchen über Eppler den Eindruck von einem „Lebemann“ gewonnen, für den die Begleiterscheinungen des Geheimagentendaseins – das Reisen in komfortablen Zügen, der Umgang in illustren Kreisen, das Dinieren in eleganten Häusern – im Vordergrund standen. „Es hat ihm gefallen, es war ein großes Abenteuer.“ Was sein Verhältnis zum NS-Regime angeht, sei er „sicher kein Überzeugungstäter“ gewesen. Dass ihm nach der Festnahme nicht viel passiert ist, habe einerseits wohl damit zu tun, dass seine Spionage so gut wie nichts bewirkt hatte, andererseits aber auch damit, dass die smarte Unverfrorenheit, mit der er zu Werk gegangen war, eher Respekt und Bewunderung hervorgerufen habe.

Hinweis Auf Epplers Spur gekommen war Trefz nach einem Hinweis von Heiner Kirschmer. Der Heimatkundler wiederum war von Daniel Waack darauf aufmerksam gemacht worden. Waack sammelt Ansichtskarten und bekam ein Exemplar in die Hand, das zwei Partien der Aspacher zeigt und von Backnang nach Kairo, an Epplers Stiefvater, gegangen war. Das lieferte den Anstoß, den Umständen auf den Grund zu gehen.

Jahrbuch Das Backnanger Jahrbuch 2021, Band 29, mit dem Bericht über Johannes Willy Eppler ist im Fr. Stroh Verlag, Backnang, erschienen und für 18,50 Euro zu haben (ISBN 978-3-927713-66-6).

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Erstellt:
29. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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