Medizinskandal

Der Tod von Domenico wühlt ganz Italien auf

Zweijähriger stirbt nach misslungener Herztransplantation in Neapel. Der Junge wird Opfer haarsträubender medizinischer Fehler.

Die Mutter von Domenico will die ganze Wahrheit zum Tod ihres Sohnes wissen.

© Felice De Martino/dpa

Die Mutter von Domenico will die ganze Wahrheit zum Tod ihres Sohnes wissen.

Von Dominik Straub

Als in den frühen Morgenstunden des Samstags alle lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet wurden und Domenico tot war, brachen in der Intensivstation des Monaldi-Krankenhauses alle Anwesenden in Tränen aus: Mutter Patrizia, das Ärzteteam, die Pflegerinnen und Pfleger und auch Neapels Erzbischof und Kardinal Domenico Battaglia, der dem Zweieinhalbjährigen zuvor noch die Krankensalbung gespendet hatte. Kurz darauf ließ der Klinik-Priester, Don Alfredo Tortorella, innerhalb und auch außerhalb des Spitals über Lautsprecher das Ave Maria von Schubert abspielen.

„Domenico war“, schrieb der „Corriere della Sera“ in seiner Sonntagsausgabe, „in den letzten Tagen ein wenig das Kind aller Italienerinnen und Italiener geworden“.

Das Drama beginnt in Bozen

Das Drama um Domenico, der an einem angeborenen Herzfehler litt, hatte am Abend des 22. Dezember begonnen: Das Krankenhaus rief die Eltern an, dass ein passendes Spenderherz gefunden worden sei – in Bozen in Südtirol, von einem Vierjährigen, der ertrunken war. Am Tag danach fuhr das Transplantationsteam des Monaldi-Krankenhauses nach Bozen, wo sie dem verunglückten Spender sein Herz entnahmen. Dieses wurde, und hier beginnt das zweite Unglück, in eine veraltete Kühlbox gepackt, die über keine Temperaturanzeige verfügte. Vor allem aber wurde die Transportbox statt mit normalem Eis mit Trockeneis gefüllt. Die Temperatur in der Box fiel statt auf die benötigten 4 Grad auf minus 80 Grad.

In Neapel wurde Domenico inzwischen auf die Operation vorbereitet, und als das Spenderherz eintraf, wurde ihm sein krankes Herz entnommen. Allerdings: Das neue Herz blieb während der Entnahme in der Kühlbox – und als es dann aus dem Transportbehälter genommen wurde, war es tiefgefroren. Mangels Alternativen wurde das Spenderherz in aller Eile aufgetaut und eingesetzt. Aber es war durch die Kälte zu schwer beschädigt und hat nie zu schlagen begonnen.

In der Folge wurde Domenico an ein sogenanntes ECMO-Gerät, eine Herz-Lungen-Maschine, angeschlossen. Dieser Apparat sollte den Jungen so lange am Leben erhalten, bis ein neues Spenderherz gefunden würde.

Ein solches stand dann am 17. Februar bereit – aber die Organe von Domenico waren während der fast zwei Monate am ECMO-Gerät schon zu stark geschädigt worden, um eine erfolgreiche zweite Transplantation zuzulassen. Ein Team von Herzchirurgen aus ganz Italien beschloss, dass das neue Spenderherz einem anderen Kind in Bergamo das Leben retten solle. Erst zu diesem Zeitpunkt war Mutter Patrizia klar, dass ihr jüngstes von drei Kindern dem Tod geweiht war.

Der Mutter wird lange nicht die Wahrheit gesagt

Zuvor hatte das Personal des Monaldi-Krankenhauses über Wochen hinweg nicht den Mut aufgebracht, ihr die Wahrheit zu sagen. Man habe der Mutter nach der ersten Operation lediglich gesagt, dass es „Komplikationen“ gegeben habe, was bei solchen Eingriffen vorkomme und dass man auf ein neues Spenderherz warte.

Am 7. Februar hatte die Mutter über das Fernsehen einen verzweifelten Aufruf gesendet, dass für ihr Kind dringend ein neues Herz gesucht werde. Erst da erfuhr die Öffentlichkeit von dem Drama, und erst danach kamen auch häppchenweise die schon fast unglaublich anmutenden Fehlleistungen bei der Behandlung Domenicos ans Tageslicht.

Die Anteilnahme der Italienerinnen und Italiener war enorm und wurde mit jedem Tag größer. „Domenico hat es nicht geschafft“, titelte am Samstag die Zeitung „La Repubblica“ in der Online-Ausgabe , als der Tod des Jungen feststand. In der Folge widmeten viele italienische Sonntagszeitungen dem Drama sechs bis sieben Seiten.

Ministerpräsidentin Meloni schaltet sich ein

Darin enthalten die Schilderungen der Mutter: „Ich bin bis zum Schluss geblieben, bis die Maschine abgeschaltet werden musste." Sie erklärte, dass sie nun „die ganze Wahrheit“ wissen wolle und dass sie Gerechtigkeit verlange. Sie kündigte an, eine Stiftung im Namen ihres Sohnes zu gründen, „damit Domenico nicht vergessen wird und um anderen Kindern zu helfen“.

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete den Jungen als „kleinen Krieger, den wir nie vergessen werden“; den Eltern drückte sie im Namen der ganzen Regierung ihr tiefes Beileid aus. „Ich bin sicher, dass die Behörden diese schreckliche Geschichte lückenlos aufklären werden“, so Meloni. Die Staatsanwaltschaft von Neapel hat bereits entsprechende Ermittlungen eingeleitet.

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Erstellt:
22. Februar 2026, 14:54 Uhr

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