Der Unmut der Kurve

Die Fanproteste rund um den internen Machtkampf beim VfB Stuttgart erreichen einen neuen Höhepunkt am Wochenende. Wie reagiert der Verein?

Die Cannstatter Kurve protestierte am Sonntag vehement.

© Pressefoto Baumann/Volker Müller

Die Cannstatter Kurve protestierte am Sonntag vehement.

Von David Scheu

Stuttgart - Die Blicke schwankten. Vom Rasen in die Kurve, von der Kurve auf den Rasen und wieder zurück: In der Anfangsphase der Partie des VfB Stuttgart gegen den 1. FC Heidenheim (3:3) zog nicht nur das Geschehen auf dem Platz das Interesse der 60 000 Zuschauer auf sich, sondern auch der vehemente Fanprotest auf den Rängen.

Der Hintergrund: Die Cannstatter Kurve machte ihrem Unmut über die Abwahl von Vereinspräsident Claus Vogt als Aufsichtsratschef der ausgegliederten AG unübersehbar Luft – zunächst mit etlichen Plakaten, die an allen Ecken und Enden im Minutentakt nach oben schossen. Zwei Gruppen standen dabei im Fokus der Kritik. Als Vereinsgremien das Präsidium und der Aufsichtsrat, weil sie den Machtwechsel im Kontrollgremium nicht verhindert hatten. Zudem Investor Porsche, weil er eben auf jenen gedrungen hatte. „Aufsichtsrat, Investoren, Präsidium: Es reicht!“ war dauerhaft auf einem Banner zu lesen. Es folgten Sprechchöre und schwarze Rauchwolken, die dem VfB eine Geldstrafe einbringen dürften. Kurzum: Es ist längst mehr als nur ein Brodeln in Bad Cannstatt.

Was zur Frage führt: Wie reagiert der Verein? Zumindest auf der Tribüne gab er am Sonntag kein zerstrittenes Bild ab. AG-Vorstandschef Alexander Wehrle und Vereinspräsident Claus Vogt – die zuletzt öffentlich scharfe Worte gewählt hatten – verfolgten das Spiel nebeneinander, wie es die Sitzordnung generell vorsieht. Für den Protest zeigte Wehrle dabei Verständnis: „Es ist das Recht der Fans zu demonstrieren. Wir leben in einem freien Land.“ Nur: Dass die 50+1-Regel beim VfB verletzt werde, wonach die Mehrheit der Anteile einer ausgegliederten Profiabteilung in den Händen des Muttervereins liegen muss, sehe er mitnichten: „Da bin ich mehr als irritiert. Der e. V. hat über die Hauptversammlung immer die Mehrheit und kann die Aufsichtsräte besetzen.“

Intern ist das Thema längst mit hoher Dringlichkeit auf dem Tisch. Am Dienstag steht die nächste Sitzung der Arbeitsgruppe unter der Leitung von Vizepräsident Rainer Adrion an, die der AG-Vorstand initiiert hat und in der alle Vereinsgremien vertreten sind. Kernthema: der Aufsichtsratsvorsitz. Lassen sich verbindliche Regeln festzurren, was die Besetzung des Amts angeht? Unter Wahrung der Mitsprache des Stammvereins und seiner Mitglieder?

Das alles wird nun in der gebotenen Gründlichkeit, aber auch mit Priorität diskutiert. Am 28. Juli soll die vorgezogene ordentliche Mitgliederversammlung über die Ergebnisse entscheiden, auch Abwahl-Anträge wären dann keine Überraschung. Seit gut einer Woche schon fordert ein Zusammenschluss zahlreicher Ultra-Gruppen und Fanclubs den Rücktritt des aktuell amtierenden Präsidiums und die Rückführung des Aufsichtsratsvorsitzes an den Vereinspräsidenten – dieses Bündnis „Cannstatter Kurve“ hatte auch am Sonntag den Protest organisiert. Mit den Fans ist der VfB indessen schon im Vorfeld der Versammlung im Austausch. Der findet regelmäßig im Fanausschuss statt, auch im April noch. In ihm sitzen auch Vertreter der Ultras, etwa vom Commando Cannstatt.

Die Mannschaft versucht das alles nicht an sich heranzulassen. Dass der anfängliche zehnminütige Stimmungsboykott – über den die Spieler informiert waren – die Leistung negativ beeinflusst habe, verneinte Trainer Sebastian Hoeneß ausdrücklich. Dennoch hört man ihm den Unmut über die Nebenschauplätze inmitten der entscheidenden Saisonphase deutlich an. „Das ändert nichts daran, dass wir uns wünschen, von der ersten Sekunde an unterstützt zu werden und dass wir Ruhe brauchen im Verein.“ Noch etwas deutlicher wurde Sportdirektor Fabian Wohlgemuth: „Trotz der verschiedenen Interessenlagen sollte das gemeinsame Ziel nie aus dem Fokus rutschen.“ Die Mannschaft brauche die Unterstützung aus allen Bereichen des Vereins. „Deswegen sollten schon die gemeinsamen Anstrengungen an die Stelle von Egoismen rücken.“ Die Arbeit daran hat begonnen.

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Erstellt:
1. April 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2024, 21:58 Uhr

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