„Der VfB ist so überragend wie Bayer Leverkusen“

Christoph Daum, als Trainer mit der Werkself dreimal Zweiter, spricht über die anstehende Meisterschaft – und analysiert die Situation in Stuttgart.

Trainerlegende:  Christoph Daum 
         
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            dpa/Leonhardt, Baumann, imago/
           Rauthner

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Trainerlegende: Christoph Daum Fotos: dpa/Leonhardt, Baumann, imago/ Rauthner

Von Marco Seliger

Stuttgart - An diesem Sonntag ist es so weit: Bayer Leverkusen kann gegen Werder Bremen (17.30 Uhr) erstmals deutscher Meister werden. Christoph Daum, der mit der Werkself als Trainer zwischen 1997 und 2000 dreimal Zweiter wurde, redet über den Leverkusener Höhenflug – und vor der Partie gegen Eintracht Frankfurt (Samstag, 18.30 Uhr) auch über jenen des VfB Stuttgart, mit dem er 1992 die Schale holte.

Herr Daum, im Oktober 2022 haben Sie Ihre Lungenkrebserkrankung öffentlich gemacht – die wichtigste Frage also vorneweg: Wie geht es Ihnen derzeit?

Danke, mir geht es gut. Ich komme gerade aus der Onkologie, aus meiner 30. Chemotherapie. Wir machen eine Infusionstherapie, die gut anschlägt. Das Ziel war, den akuten Krebsprozess zu stoppen und den Krebs in eine Art chronischen Zustand zu bringen. Das läuft gut, denn die Krebszellen wachsen gerade nur minimal. Man kann sich das vielleicht ein bisschen wie bei einem Diabetiker vorstellen, der sich Insulin spritzen muss – so ähnlich läuft das in diesem chronischen Krebszustand, den wir angestrebt haben.

Sie können es also genießen, wenn Bayer Leverkusen am Sonntag zum ersten Mal Meister werden sollte?

Absolut! Wir werden mit ein paar Freunden auf Mallorca sein und uns dort am frühen Abend das Spiel gegen Werder anschauen. Und wir wollen vorher schon den ganzen Sonntag zu einer Art Festtag machen. Ich empfinde eine unheimliche Freude für alle Beteiligten in Leverkusen – und darüber, dass der Begriff Vizekusen bald Geschichte sein wird (lacht).

Ihr Sohn Marcel ist als Co-Trainer Analyse an der Quelle im Trainerteam von Xabi Alonso, Sie tauschen sich oft aus – hätten Sie diese Leverkusener Saison so für möglich gehalten?

Ich weiß, dass sie bei Bayer in die Champions League wollten. Dass das so überragend wird, kann niemand vorhersagen – aber es spricht für die tolle Arbeit aller Beteiligten.

Trainer Alonso ist in aller Munde. Was berichtet Ihnen Ihr Sohn so über ihn?

Xabi hat sich in Leverkusen stetig weiterentwickelt. Am Anfang etwa war er eher noch mit sich und seinen spanischen Kollegen beschäftigt, heute bezieht er den ganzen Trainerstab mit ein. Er integriert auch alle Mitarbeiter, sei es aus dem Marketing oder der Medienabteilung. Er ist eine komplett positive Figur und schafft eine gute Stimmung im ganzen Verein – weil er die Leute mitnimmt.

So wie die Spieler im Training – teils auch durch eigene Aktionen am Ball, wenn er die Dinge als ehemaliger Weltklassekicker demonstriert.

Genau. Es gibt wohl oft Situationen, in denen die Spieler Xabi fragend anschauen, wenn der ihnen gerade gesagt hat, was er von ihnen will. Dann demonstriert er es selbst und zaubert halt mal einen Pass aus dem Fußgelenk, als sei es nichts. Das ist beeindruckend für die Spieler und ermutigt sie immer neu, auf diesem Level selbstbewusst zu sein.

So selbstbewusst, dass sie womöglich schon am Sonntag Meister werden – 24 Jahre nach Ihrem Drama bei der SpVgg Unterhaching, als Sie am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielten. Hinterher sind Sie im Kabinengang gestanden: mit Ihrem Sohn Marcel im Arm, der geweint hat. Jetzt schließt sich der Kreis: Ihr Sohn könnte mit Bayer Meister werden. Eine Wahnsinnsgeschichte.

Ja, das ist natürlich sehr emotional für uns, eine tolle Sache. Marcel war damals in Haching 13 Jahre alt. Das alles aus der Nähe zu erleben, all die Eindrücke und Emotionen, das hat ihn natürlich zutiefst beeindruckt.

Und geprägt?

Ja, definitiv. Ich glaube, unser Scheitern in Haching hat ihn in seiner Schulzeit, der Studienzeit und im Berufsleben in der Art beeinflusst, als dass er weiß, immer bis zum Schluss alles investieren zu müssen, um profitieren und gewinnen zu können. Ich musste die vergangenen Tage ein bisschen schmunzeln, weil Marcel – wenn überhaupt – nur sehr zurückhaltend über den Gewinn der Meisterschaft gesprochen hat. Das will er erst tun, wenn das Ding unter Dach und Fach ist. Er kennt die Irrationalität des Fußballs, das lässt ihn immer fokussiert bleiben.

Immer fokussiert ist auch der VfB Stuttgart, Ihr zweiter Ex-Club, in dieser Saison. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Bad Cannstatt?

Was der VfB leistet in dieser Runde, ist genauso hoch zu bewerten wie der Erfolg von Bayer Leverkusen, der VfB ist so überragend unterwegs wie Bayer. Das sind die beiden Mannschaften der Saison – und Xabi Alonso und Sebastian Hoeneß sind die Trainer der Saison. Es ist unglaublich, was Hoeneß und seine Mannschaft in Stuttgart leisten.

Was genau meinen Sie?

Was der VfB auf dem Platz für einen Druck aufbauen kann, wie und wo das Team nach vorne verteidigt, wie dominant das Spiel ist, all das ist extrem beeindruckend. Der VfB spielt einen zielstrebigen Ballbesitzfußball – und verfügt neben dem perfekt austarierten System noch über eine hohe individuelle Klasse, denken wir nur an Serhou Guirassy, Deniz Undav oder Chris Führich.

Der VfB hat dazu den von Ihnen schon erwähnten Trainer, der sich ähnlich wie Alonso bei Bayer zu einem der begehrtesten auf dem Markt entwickelt hat.

Ich fand Sebastian Hoeneß schon zu seiner Zeit bei der TSG Hoffenheim überragend. Da sind teils zwölf oder 13 Stammspieler ausgefallen, und er hat die Mannschaft mit vielen unerfahrenen Profis stabil gehalten. Er hat nie gejammert – da gibt es andere Kollegen, die gerne mal nach Ausreden suchen.

Jetzt steht Hoeneß mit dem VfB vor dem Einzug in die Champions League. Wie geht man nun als gesamter Verein in die nächste Saison, mit dem neuen Wettbewerb und neuen Herausforderungen?

Wichtig ist, dass man beim VfB nicht erwartet, dass man wieder in die Königsklasse einziehen muss. Man sollte mit gepflegtem schwäbischen Understatement das Ziel ausrufen, immer um die internationalen Plätze mitspielen zu wollen, mehr nicht. Zu hohe Erwartungen wären jetzt Gift. Und die Verantwortlichen sollten das Team mit Augenmaß verstärken, ohne die Kaderstruktur durcheinanderzubringen. Aber da sehe ich den VfB auf einem guten Weg.

Auf dem Holzweg ist Ihr Ex-Club dagegen mal wieder mit all seinen Streitigkeiten und Konflikten auf der Führungsebene. Kommt denn da nie Ruhe rein?

Da scheint irgendwie ein Fluch über dem Verein zu liegen. Ich kann mich erinnern, dass wir zu meiner Zeit als Trainer gegen irgendeinen Gegner geführt haben im damaligen Neckarstadion und ein tolles Spiel gemacht haben – plötzlich hat die Kurve dann unvermittelt eine Viertelstunde lang „Vorfelder raus!“ gebrüllt. Und das ist ja so oder so ähnlich nicht nur einmal passiert, wie Sie wissen. So scheint das zu sein beim VfB – es gab immer schon Unruhe und Proteste gegen die Personen auf der Führungsebene.

Heute haben die Fans unter anderem Claus Vogt, Gerhard Mayer-Vorfelders jüngsten Nachfolger als Präsident, auf dem Kieker. Was muss passieren, dass wieder Ruhe einkehrt beim VfB?

Die Auseinandersetzungen ziehen sich ja durch die vergangenen Jahre. Die Führungskräfte müssen endlich wieder mit einer Stimme sprechen.

Mit Verlaub: Es gibt wohl einfachere Ziele rund um den VfB.

Ja, aber man kann ja unterschiedlicher Meinung sein – nach außen muss man Einigkeit demonstrieren. Schauen Sie doch mal, was für eine Einheit Fans und Mannschaft gerade bilden, was für eine Euphorie in Stuttgart herrscht und was man mit gegenseitiger Wertschätzung alles erreichen kann. Diese Einheit sollte man sich als VfB-Vereinsvertreter zum Vorbild nehmen und nicht durch Streitereien vielleicht sogar noch gefährden.

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Erstellt:
12. April 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
13. April 2024, 21:55 Uhr

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