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Der Vorzeige-Unternehmer

FamilienunternehmenMustafa Baklan ist in Mannheim stadtbekannt – Als Migrant schuf er ein Lebensmittelimperium

Onkel, Neffen, Nichten, Brüder und Kinder: 35 Familienmitglieder zählt der Großhändler Suntat, dessen Waren sich in fast allen Supermärkten finden. Hinter dem Aufstieg Mustafa Baklans zum Vorzeige-Unternehmer steckt eine schweißtreibende deutsch-türkische Geschichte.

Mannheim Gefüllte Weinblätter aus der Dose, Ayran, türkischer Kaffee, Lokum mit Erdbeere: Beim Einkauf von internationalen Produkten stößt man in den Regalen auch auf die Waren, die in Deutschland unter dem Namen Suntat und europaweit unter Baktat vertrieben werden. Manchmal ist auf den Produkten auch die Eigenmarke des Discounters etikettiert. Doch dahinter steckt die Marke mit der aufgehenden Sonne – das typische Kennzeichen von Suntat. Mustafa Baklan (63) hat das Unternehmen mitgegründet und führt mit seinem Bruder Kadir von Mannheim aus ein Lebensmittelimperium, das sich von Deutschland aus über ganz Europa erstreckt. 35 Familienmitglieder arbeiten mittlerweile in dem Unternehmen, das mehr als 1500 Beschäftigte zählt. Es sind Onkel, Neffen und Nichten, ein Sohn und eine Tochter. Mustafa Baklans Brüder Halil und Ali führen die Produktionsunternehmen in der Türkei.

Als 1972 der Vater den 16-jährigen Mustafa aus Anatolien nach Deutschland holte, war die Erfolgsgeschichte noch nicht zu erahnen. Mustafa jobbte in einer Metallfabrik und lernte abends Deutsch. Später arbeitete er als Übersetzer in einem türkischen Großmarkt, dann auch als Verpacker und Verkäufer. Er absolvierte eine Fortbildung als Elektroschweißer und machte den Führerschein Klasse 2, um gebrauchte Fahrzeuge in der Türkei zu verkaufen und Waren zu liefern. „Bei uns heißt es, dass jeder Beruf ein goldenes Armband ist“, sagt Baklan. Und er meint, dass sich auch die jüngere Generation mehr damit schmücken und ihre Chancen besser nutzen solle. So wie er selbst: Mustafa Baklan gründete mit seinen Brüdern Halil und Muharrem ein großes Einzelhandels­geschäft und arbeitete sich in die deutschen Standards und Normen ein, um die aus der Türkei importierten Waren fachgerecht anzubieten. „Das war das Erfolgsgeheimnis“, sagt er.

Den Appetit seiner Landsleute auf Lebensmittel aus der Türkei machten die Brüder zu ihrer Geschäftsidee. Um sich mehr Marktanteile zu sichern, sprachen sie auch bei Vertretern der Lebensmittelketten vor. In Deutschland lebten drei Millionen Türken, dazu Hunderttausende Italiener und ­Griechen mit einem ähnlichen Essensgeschmack, argumentierten sie. Zudem gebe es Millionen deutscher Touristen, die schon in der Türkei gewesen seien. Würden sie sich nicht auch mal gerne wieder die Urlaubsküche nach Hause holen? „Warum geben Sie uns nicht ein bis zwei Regalmeter für unsere Produkte?“, fragte Baklan.

Mit sieben Filialen fing Edeka damals an und erweiterte die Palette an mediterranen Produkten, andere Supermarktketten zogen nach. Die Baklan-Brüder schlossen europaweit mit immer mehr Erzeugern Verträge und bauten Produktionsstätten in der Türkei auf. Inzwischen beliefert Suntat 9000 deutsche Lebensmittelfilialen. Hinzu kommen 30 000 kleinere und größere türkische Märkte und Ethnomärkte sowie Gastronomen, meist Dönerladen-Betreiber.

Einen Boom erlebt Suntat derzeit durch den Zuzug von Flüchtlingen, die die Marke oft aus ihrem Herkunftsland kennen. Und weil sie darauf vertrauen, dass viele Produkte halal sind, also die Speisevorschriften des Islams erfüllen, kaufen sie diese – selbst dann, wenn sie nicht zu den günstigsten zählen. Auch die deutschen Verbraucher würden häufiger zugreifen. Die Nachfrage nach manchen Produkten sei sogar höher als bei der türkischstämmigen Kundschaft, sagt Baklan. Sonnenblumenkerne etwa. „Früher haben sie viele Deutsche als ,Papageienfutter‘ bezeichnet. Jetzt sind sie ein populärer Snack.“

Mustafa Baklan gefällt es, wenn die deutsche und türkische Kultur zusammenfinden. Bereits 1995 gründete er den Verband türkischer Unternehmer Rhein-Neckar. Er hat auch die Mannheimer Hochschule für Wirtschaft und Management mitbegründet, um qualifizierte Fachkräfte auszubilden. Den Verein Bildungsbrücke baute er auf, um die Schulbildung von Kindern in Anatolien zu verbessern.

Das wird auch im Mannheimer Rathaus geschätzt: „Mustafa Baklan schafft mit ­seinem Engagement für Bildung bis zum Masterabschluss Grundlagen für den Erfolg der nachwachsenden Generation“, lobt Oberbürgermeister Peter Kurz. Außerdem zeige sein Beispiel, dass türkische Unternehmer nicht nur Schnellrestaurants, Hochzeits- und Schmuckläden oder kleine Lebensmittelgeschäfte führten, wie es oft das öffentliche Image sei. „Hinzugekommen sind mittlerweile Wissensdienstleistungen, es gibt viel mehr Anwälte, Steuerberater, Ärzte, erfolgreiche Start-ups, Investoren sowie auch viele Führungskräfte in großen Unternehmen in der Region“, betont Kurz.

Das sieht auch Baklan so.Das Potenzial türkischer Unternehmer sei leider auch heute noch nicht erkannt. Warum seien die ­Banken bei der Kreditvergabe bei türkischen Unternehmer zögerlicher als bei den deutschen? Und warum würden türkische Waren nicht immer geschätzt? Sein Appell: „Der Handel sollte die türkischen Produkte nicht in der Nische verstecken, sondern als Standardartikel verwenden.“ Suntat als eine Standardmarke – so sieht Baklan die Zukunft des Unternehmens. Endlich raus aus der Nische. „Suntat ist eigentlich eine deutsche Marke. So wie auch Ritter Sport.“

Von seiner Marke, die sein Lebenswerk ist, kann der 63-Jährige noch nicht lassen. ­Zwischen 4 und 5 Uhr stehe er auf, früher sei er sogar bereits um 2 Uhr auf den Beinen ­gewesen. Kurz nach 5 Uhr ist er auf dem Mannheimer Großmarkt. Danach geht er ins Büro. Erst gegen 20 Uhr sei er zu Hause. Seit er 16 sei, arbeite er täglich 16 bis 18 Stunden, meint Baklan. „Sehr schwer“ werde es ihm deshalb fallen, aus dem Unternehmen auszuscheiden. Wahrscheinlich werde er sich schrittweise verabschieden, entwöhnen. „Noch führe ich zwei Ehen“, sagt er. „Mit meiner Ehefrau und meiner Firma. Ich bin dankbar, dass mich meine Ehefrau so unterstützt.“

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Erstellt:
23. April 2019, 10:17 Uhr

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