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Der Wille zur Hässlichkeit

Der Provokateur ist zurück: Im Januar erscheint Michel Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“

Literatur - Mit einem schrillen Bekenntnis zum US-Präsidenten Donald Trump hat erdie Werbetrommel für seinen neuen Roman schon gerührt. Provokation gehört zu seinem Geschäft, fragwürdige Kulturkritik auch: Michel Houellebecq.

Stuttgart Gerade hat der amerikanische Verteidigungsminister den Bettel hingeworfen, weil US-Präsident Donald Trump zum unvermittelten Rückzug aus Syrien und Afghanistan getwittert hat. Der Streit über einen Grenzwall zu Mexiko lähmt die Regierungsgeschäfte, die Börsenkurse fahren Achterbahn – und die Zahl derer, die all dies für das Ergebnis hoher Staatskunst halten, dürfte außerhalb der einschlägigen Kreise eher überschaubar sein. Einer aber ist begeistert. „Donald Trump scheint mir einer der besten amerikanischen Präsidenten zu sein, die ich jemals erlebt habe“, schrieb der französische Autor Michel Houellebecq kürzlich in einem Artikel für das in New York erscheinende „Harper’s Magazine“. Er freut sich darin ausgiebig über einige Übereinstimmungen zwischen Trumps Politchaos und der eigenen Gedankenwildnis, was der im Text immer wieder gebrauchten Wendung „me too“ eine ganz neue Bedeutung verleiht.

Endlich konzentriere sich Amerika auf sich selbst und versuche nicht länger, den Erdball mit Demokratie zu beglücken. Aber, fragt Houellebecq, mit welcher Demokratie überhaupt? Das einzige Staatswesen, das diesen Namen verdiene, sei die Schweiz. Der Autor wettert gegen den Freihandel, die Nato, Europa, die Presse und das Kirchenschisma von 1054, bei dem die orthodoxe Kirche eigene Wege gegangen sei. Er beklatscht Trumps Bekenntnis zum Nationalismus – „me too!“ – und kommt zum Schluss, dass der Präsident, den er durchaus als „schrecklichen Clown“ wahrnimmt, für das amerikanische Volk womöglich genau die Rosskur bereithält, die es verdient.

Der Text liest sich wie eine krude Mixtur aus rechtspopulistischem Traktat, linker Kapitalismuskritik und ausgebufftem Schelmenstück. Mittlerweile muss man jede dieser Inspirationsquellen für gleichermaßen wahrscheinlich halten. Michel Houellebecq hat dem Typus des Poète maudit, des verfemten Dichters, der alle vor den Kopf stößt, ein neues Erscheinungsbild gegeben. Und damit ist nicht der lustvoll zur Schau gestellte äußere Verfall gemeint: die eingefallene, gerne auch im Profil präsentierte Oberlippe, die merkwürdig hindrapierte Antifrisur, die clochardhafte Selbststilisierung des vielfachfachen Auflagenmillionärs. Das sind Äußerlichkeiten einer auf ihre schräge Weise koketten Verweigerungsästhetik. Wo der Wille zur Hässlichkeit sich allerdings noch verstörender bekundet, sind die vermutlich nicht minder stilisierten intellektuellen Posen, mit denen der Autor sein Werk begleitet: Zusehends plündert er dabei den Fundus rechten Gedankengerümpels.

Es gab einmal eine Zeit, in der französische Intellektuelle mit ihrem „J’accuse“ der Freiheit und Aufklärung den Weg gebahnt haben. Wenn man sich überhaupt für Dichter als Kommentatoren des Weltgeschehens interessiert, dann weil sie einmal Verteidiger der öffentlichen Meinung waren, Gegner jeglicher Form des Rassismus, Vorkämpfer der Demokratie und Anwälte universaler Menschenrechte. Die Verhältnisse aber haben sich gewandelt. Für Houellebecq ist aus der Freiheit der Liberalismus geworden, also ein unerbittlicher Kampf aller gegen alle, der den Markt ebenso beherrscht wie die Liebe. Der unerfüllbare Wunsch nach immer mehr ist das Triebmittel des universalen Kapitalismus geworden, sein erfolgreichstes Produkt die Unzufriedenheit und seine infamste List die sexuelle Befreiung. Denn in der erotischen Obsession spiegelt sich nur die konsumistische wider.

Deshalb irren nicht sehr liebenswürdige Ausgeburten dieser Welt als Supermarkt und Amüsierbetrieb durch seine Romane, vereinzelt, ziellos und aller sozialen Eigenschaften verlustig gegangen. Leute wie der Biologe Michel Djerzinski, der in „Elementarteilchen“ in Swingerclubs und FKK-Resorts vergeblich nach Nähe sucht. Oder jener andere Michel im Sextourismus-Roman „Plattform“, der aus dem Siechtum der westlichen Welt seine eigene zynische Sicht auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ableitet: Der alte Norden hat das Geld, der junge Süden das Fleisch.

Um die Diagnose der lebensfeindlichen Realität zu beglaubigen, verwischt Houellebecq dabei gezielt die Grenzen zwischen seinen traurigen Helden und sich selbst. Sein öffentlicher Auftritt ist immer Diagnose und Symptom zugleich. Das ist der Schlüssel zu der eigenwilligen Provokationskunst, die dieser Autor pflegt.

Immer wenn ein neuer Roman ins Haus steht, läuft ihm wie ein Herold ein wohlkalkulierter Skandal voraus. 2015 war es in populistisch aufgeheizten Zeiten das Gerücht, Houellebecqs neues Werk schildere die islamistische Machtergreifung in Frankreich. Nun wäre es absurd, darin den Zündfunken zu sehen für das, was folgte: Das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hatte sich auf seiner Titelseite über die prophetischen Allüren des Autors mokiert, da geriet just am Erscheinungstag der „Unterwerfung“ die Redaktion ins Zielfeuer islamistischer Attentäter. Zwölf Menschen starben, darunter auch Bernard Maris, der mit Houellebecq befreundete Wirtschaftswissenschaftler und Mitinhaber der Zeitschrift.

Doch die visionären und satirischen Momente der „Unterwerfung“ verhalten sich zu den Ereignissen in Frankreich wesentlich reflektierter als eine bloß aus dem Ruder laufende Provokation – und wesentlich nuancierter auch als das schrille Kulturkampf-Getrommel der jüngsten Trump-Eloge. Das in den Strudel terroristischer Ereignisse geratene Buch ist nämlich weit davon entfernt, ein rechtes Zerrbild auszumalen, auch wenn in diesem Denkspiel der bestirnte Halbmond über der Sorbonne aufgeht und auf den Straßen dunkle Schleier die Miniröcke von Paris verdrängen. Houellebecq schürt in „Unterwerfung“ keinen Hass, sondern stellt der dekadenten westlichen Gesellschaft das Bild einer friedlichen, muslimisch regierten Nation gegenüber, deren polygame Verheißungen seinen sexuell frustrierten Schlappschwanz-Helden mit klammheimlicher Vorfreude erfüllen. Provokant genug.

Nun ist es wieder so weit. Am 7. Januar erscheint ein neuer Roman des großen Provokateurs. Nach allem, was trotz strenger Geheimhaltung an Inhalt bereits durchgesickert ist, wird es unter dem Titel „Serotonin“ Europa an den Kragen gehen. Und manche Menschen tragen darin gelbe Westen. Houellebecq gibt als Intellektueller den schrecklichen Clown. Es muss sich zeigen, ob sich aus dem, was zur Weltanschauung nicht taugt, ein diskutabler Roman entwickeln lässt. Bisher war das allemal der Fall. Mehr dazu im Januar.

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Erstellt:
29. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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