Deutlich mehr Straftaten im Hauptbahnhof

Die Klett-Passage und der Hauptbahnhof haben sich zu einem heißen Pflaster entwickelt. Die Kriminalität nahm dort zuletzt massiv zu. Was sind die Gründe für die Entwicklung? Offenbar planen die Bahn, die Stadt und die Polizei Gegenmaßnahmen.

Wenig einladend – und zuletzt auch gefährlicher als zuvor: die Klett-Passage und der Hauptbahnhof

© Lichtgut/Leif Piechowski

Wenig einladend – und zuletzt auch gefährlicher als zuvor: die Klett-Passage und der Hauptbahnhof

Von Jürgen Bock

Stuttgart - Es gibt derzeit deutlich schönere und angenehmere Orte als den Stuttgarter Hauptbahnhof und die angrenzende Klett-Passage. Die zahlreichen Bauarbeiten haben für Reisende lange Wege zur Folge, viele Ecken wirken unübersichtlich und wenig einladend. Da passt die neueste Hiobsbotschaft ins Bild: Nach Recherchen unserer Zeitung ist die Zahl der Straftaten in diesem Bereich, in dem jeden Tag Hunderttausende Menschen unterwegs sind, zuletzt in die Höhe geschossen.

Zuständig sind zwei Sicherheitsbehörden: in der Klett-Passage die Stuttgarter Polizei, im Bahnhof und in den Zügen die Bundespolizei. Und bei beiden klingt die Botschaft nicht gut. Bei der Bundespolizei, also im Hauptbahnhof selbst und im S-Bahn-Bereich, lag die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr bei 1973. Im Vergleich zum Jahr zuvor ist dies ein Anstieg um rund 20 Prozent. Begründet wird das unter anderem mit dem Wegfallen der Coronabeschränkungen. Wenn man allerdings das letzte Vor-Corona-Jahr 2019 betrachtet, fällt auf, dass es damals nur 1032 Delikte gewesen sind. Die Zahl der Straftaten hat sich seit damals also beinahe verdoppelt.

Deutliche Zunahmen verzeichnet die Bundespolizei bei Drogen- und Eigentumsdelikten. Auch Raub- und Sexualdelikte kamen häufiger vor, allerdings auf niedrigem Niveau. Körperverletzungen und Sachbeschädigungen haben etwas abgenommen. Ein überproportionaler Anteil der Taten entfällt auf Tatverdächtige mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Menschen aus Nordafrika etwa machen in manchen Bereichen einen auffallend hohen Anteil aus – zum Beispiel 31 Prozent bei Eigentumsdelikten.

Besonders auffällig ist der geradezu dramatische Anstieg bei Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz. Dazu gehört zum Beispiel die unerlaubte Einreise. Der Tiefpunkt am Stuttgarter Hauptbahnhof war da im Jahr 2020 mit 190 Fällen erreicht.

Die Zahl stieg 2022 auf 906 Fälle und zuletzt auf 1138. Dabei liegt die Zahl der Tatverdächtigen aber niedriger als die Zahl der Taten, weil häufig mehrere Verstöße zusammenkommen. Warum es gerade bei diesen Delikten eine derartige Zunahme gibt, konnte die Bundespolizei zunächst nicht sagen.

Die Stuttgarter Polizei will zur Klett-Passage noch keine konkreten Zahlen nennen, bevor demnächst die offizielle Sicherheitsstatistik für das vergangene Jahr vorgestellt wird. Sie bestätigt aber Tendenzen. Gab es im Jahr 2021 dort noch 731 Straftaten, so waren es 2022 bereits 841. Für 2023 sei die Zahl insgesamt weiter „steigend“, heißt es bei der Polizei. Das gelte besonders für sogenannte Rohheitsdelikte und Diebstahl. Bei Sexualdelikten dagegen sei der Trend eher sinkend. Generell halten sich in der Passage offenbar zunehmend Gruppen auf, die Probleme machen, gerade nachts.

Bei der Deutschen Bahn weist man darauf hin, dass trotz der Entwicklung der Stuttgarter Hauptbahnhof immer noch ein sicherer Ort sei. „Täglich sind dort 225 000 Reisende und Besucher unterwegs. Gemessen an der Zahl der Menschen ist die Gefahr, Opfer einer Straftat zu werden, sehr gering“, sagt eine Sprecherin. Das gelte vor allem im Vergleich zum öffentlichen Raum in anderen Großstädten mit ähnlicher Bevölkerungszahl.

Dennoch stelle man fest, dass man sich insgesamt in einem schwierigen Umfeld befinde. „Der Druck innerhalb der Gesellschaft steigt. Damit nehmen auch Anspannung und Respektlosigkeiten zu“, so die Sprecherin. Mehr Konflikte und Übergriffe gebe es im öffentlichen Verkehr leider genauso wie gegenüber der Polizei, der Feuerwehr und dem Rettungsdienst. „Wir beobachten ebenso wie diese Behörden eine kontinuierlich sinkende Hemmschwelle für Gewalt in der Gesellschaft“, heißt es bei der Bahn. Klar sei, dass jede Straftat eine zu viel sei: „Die Sicherheit unserer Reisenden und unserer Mitarbeitenden steht für uns an erster Stelle“, sagt die Sprecherin. Die Bahn gebe bundesweit deshalb jedes Jahr mehr als 180 Millionen Euro für die Sicherheit der Menschen aus. Zusätzlich zu den 5500 Einsatzkräften der Bundespolizei seien rund 4300 Sicherheitskräfte rund um die Uhr in den Bahnhöfen und Zügen unterwegs. Man passe sich dabei der jeweils aktuellen Situation vor Ort an. Zudem würden „mehr Videokameras als je zuvor“ eingesetzt. Derzeit sind es bundesweit 9000, bis zum Jahresende soll die Zahl auf 11 000 steigen. In Stuttgart sind es „mehrere Dutzend“, auf die die Bundespolizei Zugriff hat. Es ist zu erwarten, dass es nun eher mehr werden.

Bei diesen Maßnahmen wird es wohl aber nicht bleiben. Nach Informationen unserer Zeitung beraten die Stadt sowie die Bundes- und die Landespolizei über weitere Schritte. So ist offenbar im Gespräch, speziell in der Klett-Passage und den Bereichen um sie herum die Präsenz deutlich zu verstärken. Dort sind die Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren gemeinsam unterwegs.

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Erstellt:
18. April 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2024, 22:01 Uhr

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