Goldreserve der Republik

Deutschlands Notgroschen lagert in New York

Manche befürchten, dass der amerikanische Präsident die deutsche Goldreserve in den USA für Erpressungsversuche nutzen könnte.

Gut  ein Drittel ihrer gesamten Goldreserven verwahrt die Bundesbank bei der Federal Reserve Bank of New York auf.

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Gut ein Drittel ihrer gesamten Goldreserven verwahrt die Bundesbank bei der Federal Reserve Bank of New York auf.

Von Ursula Weidenfeld

Die Vorstellung ist zu schön: Bundesbankpräsident Joachim Nagel reist mit einem schwer bewachten Schiff nach New York, klingelt am Liberty Place, Nummer 32, und bittet höflich um die Hergabe von 1236 Tonnen Gold. So viel Edelmetall hat die Bundesbank bei der New York Federal Reserve gebunkert. Seitdem sich die Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA und der Unabhängigkeit ihrer Notenbank mehren, werden Rufe laut, das Gold nach Frankfurt zu holen. Die Idee ist verlockend. Klug ist sie nicht.

Etwas mehr als ein Drittel ihrer gesamten Goldreserven von 3351 Tonnen verwahrt die Bundesbank bei der Federal Reserve Bank of New York auf, einer der zwölf Regionalbanken der Fed. Nach aktuellem Goldpreis haben sie einen Wert von über 164 Milliarden Euro. Der gesamte Goldbestand der Zentralbank ist zur Zeit mehr als 450 Milliarden Euro wert.

Einen Teil der Goldreserven im Ausland zu parken, war bisher sinnvoll. Sie werden nämlich nur dann gebraucht, wenn es der Gemeinschaftswährung Euro an den Kragen gehen und das europäische Zahlungssystem zusammenbrechen sollte. In einer solchen Existenzkrise könnte Deutschland das Gold an möglicherweise noch funktionierenden Finanzplätzen wie New York und London gegen US-Dollar oder britische Pfund eintauschen, und damit die Zahlungsfähigkeit Deutschlands notdürftig und für kurze Zeit sichern.

Nach einer Woche außenpolitischer Turbulenzen glauben einige Fachleute und Politiker, dass im schlimmsten Fall selbst dieser Notgroschen nicht mehr mobilisierbar wäre. Sie fürchten, dass der amerikanische Präsident die deutsche Goldreserve für alle möglichen Erpressungsversuche instrumentalisieren wird.

Dass Donald Trump, oder der von ihm bestimmte künftige US- Notenbankchef im Extremfall der Eurozone beispringen würden, ist in der Tat kaum zu erwarten. Doch selbst mit einem berechenbaren Präsidenten wäre das vermutlich nicht anders: Die Amerikaner hätten in einer solchen Lage genug mit sich selbst zu tun. Insofern haben die deutschen Goldreserven ihre strategische Bedeutung schon heute verloren – unabhängig davon, wer sie aufbewahrt.

Gegen Drohungen der USA wären Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesbankchef Joachim Nagel zwar machtlos. Doch die Finanzmärkte würden dieses Verhalten nicht hinnehmen. Nach dem sogenannten „Liberation Day“ im April 2025, als Donald Trump Zölle gegen alle möglichen Länder der Welt verhängte, brachen die Märkte ein. „Sell America“ sorgte schnell für ein moderateres Vorgehen. Ähnlich in der vergangenen Woche: Zuerst hatte der US-Präsident gedroht, Grönland notfalls auch kriegerisch einzunehmen. Die Wall Street reagierte überdeutlich, einen Tag später ruderte Donald Trump zurück.

Das Ringen der EU-Staaten um die Verfügbarkeit des eingefrorenen russischen Vermögens in Europa zeigt zudem, wie hoch das umgekehrte Risiko ist. Würde Europa das russische Vermögen konfiszieren und der Ukraine zur Verfügung stellen, müsste es mit Schadenersatzforderungen und rabiaten Gegenreaktionen rechnen. Europäisches Vermögen in Russland und bei seinen Verbündeten könnte enteignet werden. Würden die aktuellen Streitigkeiten mit den USA zu einem Vermögenskrieg, wären auch amerikanische Vermögenswerte in Deutschland nicht mehr sicher. Das Datenunternehmen Statista berechnete für 2024 den Wert von US-Direktinvestitionen in Deutschland mit 226,8 Milliarden Euro, US-Investoren halten nach einer Analyse des Wirtschaftsberatungsunternehmens EY Aktien in Höhe von knapp einem Viertel des Dax-Wertes. Dazu kommen Vermögenswerte wie Immobilien und Bankguthaben.

Nicht einmal der amerikanische Präsident wird die Kernschmelze der internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen riskieren. Insofern ist die „Operation Goldschatz“ zwar ein wirklich hübscher Gedanke. Mehr aber leider auch nicht. Und dafür muss die Bundesrepublik eine weitere Eskalation der Beziehungen nicht riskieren.

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Erstellt:
26. Januar 2026, 16:34 Uhr

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