Die Berlinale verpasst ihre Chancen
Die Branwenig Zugkraft.
Von Eidos Import
Wann waren Sie das letzte Mal im Kino? Vielleicht in Marcus Rosenmüllers Grillkomödie „Extrawurst“, die 1,1 Millionen Menschen gesehen haben? Oder im erfolgreichsten Film des Jahres 2025, Bully Herbigs „Kanu des Manitu“? Er erreichte mehr als fünf Millionen Besucher in Deutschland. Falls Sie Kinder haben, kommt auch „Checker Tobi 3“ mit 700 000 Besuchern in Betracht, ebenso „Die drei ???“ – Toteninsel“ mit 550 000 Besuchern. Selbst die Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ brachte es in der ersten Woche auf Anhieb auf 150 000 Besucher.
Die Nachrichten aus der Filmwelt sind aktuell erfreulich. Die Branche hofft mit dem starken Start im Januar auf ein gutes Kinojahr, Studio Babelsberg meldet endlich wieder Fast-Vollauslastung, und dann verkündet German Films auch noch Rekorderlöse für deutsche Filme im Ausland. Es scheint also alles rund zu laufen. Spiegelt sich das auch beim größten deutschen Filmfestival, der Berlinale, wider?
Die Filmfestspiele in der Hauptstadt werden am Donnerstag mit einem Film über eine Fernsehjournalistin in Kabul eröffnet. Politisch mag das höchst verdienstvoll sein, vielleicht ist es sogar ein toller Film, obendrein wurde er mit deutscher Beteiligung unter anderem im brandenburgischen Hoppegarten gedreht. Aber zeitgleich läuft die mit Spannung erwartete Emily-Brontë-Verfilmung „Wuthering Heights“ in den deutschen Kinos an, mit Musik des britischen Popstars Charly xcx und dem Traumpaar Margot Robbie und Jacob Elordi in den Hauptrollen. Das Tischtennis-Drama „Marty Supreme“ mit Hollywood-Star Timothée Chalamet folgt in zwei Wochen. Christopher Nolans Epos „The Odyssee“ wird wohl erst fürs Filmfestival von Cannes im Mai bereitstehen. Doch die ein Jahr im Voraus angebotenen Tickets für IMAX-70-mm-Vorführungen in den USA waren in Windeseile ausverkauft.
Nichts davon wird bei der Berlinale zu sehen sein. Auch nichts von den derzeit diskutierten Serienproduktionen – weder der Berlin-Thriller „Unfamiliar“ noch der Überraschungshit „Heated Rivalry“ oder der „Emergency-Room“-Nachfolger „The Pitt“. Immerhin: Marc Mundans Serienverfilmung von „Lord of the Flies“ läuft in der Special-Reihe. In Großbritannien ist sie seit Sonntag auf BBC zu sehen.
Wo soll da der „Buzz“ herkommen, den sich Festivalchefin Tricia Tuttle für die Berlinale wünscht? Vielleicht locken noch Charlie xcx, Kylie Jenner oder der britische Schauspieler Callum Turner die Teenies an den roten Teppich. Deutsche Cineasten mögen sich über Auftritte von Sandra Hüller und Lars Eidinger freuen. Wim Wenders, der verdiente Jurypräsident, ist 80, und die anderen Jurymitglieder kennt man erst gar nicht.
Ansonsten bewegen die Filmbranche Schwarzbrotthemen wie der Boykottaufruf der Synchronsprecherinnen und -sprecher, die sich über KI-Ausbeutungsklauseln bei Netflix beschweren, oder ein Kulturstaatsminister, der gerade eine Investitionsverpflichtung für Streaming-Portale und Sender vorgestellt hat und ansonsten auf freiwillige Selbstverpflichtung setzt. Der öde, durchkommerzialisierte Potsdamer Platz – nicht etwa das frisch renovierte Kino International – dient als Hauptspielort. Und der Berliner Winter zeigt sich auch noch von seiner hässlichsten Seite.
So wird das nichts mit dem Festival, von dem man sich dringend Impulse für die Zukunft wünschen würde, dazu leidenschaftliche Debatten, starke Statements und Filme, die jeder in Deutschland unbedingt sehen will. Und zwar im Kino, nicht im heimischen Wohnzimmer. Weil da sonst, „Extrawurst“ hin oder her, bald niemand mehr hingeht.
