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Die energische Dramatik der Trauer

Beim Konzert „Trost für die Untröstlichen“ im Bürgerhaus wurden themenbezogene Werke von Mahler und Schubert aufgeführt

Das Stuttgarter Orchester „musica viva“ unter Dirigent Reiner Schulte führte Mahlers Werk mit der gebotenen Empfindsamkeit auf. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Das Stuttgarter Orchester „musica viva“ unter Dirigent Reiner Schulte führte Mahlers Werk mit der gebotenen Empfindsamkeit auf. Foto: J. Fiedler

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. Jeweils ein Werk von Gustav Mahler und Franz Schubert wurden beim Konzert unter dem Titel „Trost für die Untröstlichen“ am Sonntagabend im Backnanger Bürgerhaus aufgeführt – ein ernsthaftes, in weiten Teilen sakrales Programm, welches das Publikum forderte, aber nicht überforderte. Der Abend wurde von der katholischen Chorgemeinschaft, dem Stuttgarter Orchester „musica viva“ und fünf Solisten unter der Gesamtleitung von Regionalkantor Reiner Schulte gestaltet.

In der ersten Hälfte standen die Kindertotenlieder von Gustav Mahler, welche in den Jahren 1901 bis 1904 entstanden waren. Sie thematisieren den Verlust unschuldigen Lebens, die Einsamkeit der Zurückgebliebenen. Elegisch umwinden sich Oboe und Horn zu Beginn des ersten Lieds; die Einsamkeit der Angehörigen ist eine doppelte: nicht nur der Verlust des Kinds, sondern auch der oft damit einhergehende Rückzug in brückenlose Trauer und brüchig werdende Beziehungen sind in Anschlag zu bringen. Mahler nähert sich seinem Gegenstand (den fünf Gedichten von Friedrich Rückert) sensitiv und pietätvoll. Ein feinstes Gespinst von Linien hat er gewoben und nebenbei mit diesen Liedern die neue Gattung des Orchesterlieds geschaffen.

Das Totenglöcklein

überklingt alles

Reiner Schulte geht als Dirigent behutsam und präzise an seine Aufgabe, mit gebotener Empfindsamkeit führt er die Musiker von „musica viva“, die hoch konzentriert und motiviert einen sehr transparenten Kammerorchesterklang aufweisen. Das Totenglöcklein überklingt am Ende des ersten Lieds in schaurig-eisiger Verlorenheit alles. Mahlers Tonsprache ist stets flexibel und durchlässig für subtilste Emotionsverschattungen und -aufklarungen. Dem trägt die Solistin Anna Haase (Mezzosopran) Rechnung, indem sie eine sehr breite Ausdruckspalette bietet: mal kernig und zupackend artikulierend, dann die benötigte Dramatik entfesselnd, vor allem aber die lyrischen Episoden auskostend. Das quasi-barocke Holzbläserkontinuum im dritten, das Wiener Kolorit im vierten Lied und der spukende Hexenritt im fünften ist zu nennen, welcher in eine völlig entrückte Apotheose mündet, die vom Diktat der weitereilenden Zeit entbunden ist. Hier spätestens ist er, der „Trost für die Untröstlichen“.

Nach der Pause bezog der knapp 80 Sängerinnen und Sänger umfassende Chor Aufstellung. Franz Schubert schrieb in seinem kurzen Leben sechs lateinische Messen, von denen die letzte in Es-Dur am Sonntagabend in Klang gesetzt wurde. Dem immensen Gesamtklangkörper gelang ein zauberhaft schwebender Beginn, gleich im „Christe eleison“ aber energische Dramatik. Die Backnanger katholische Chorgemeinschaft ist bestens präpariert, extrem homogen und perfekt auf den Punkt da. Ihnen gelingt die andächtige Anbetung und der überschäumende Jubel im „Gloria“ sehr authentisch und strahlkräftig; sie füllten die Luft mit der Weichheit eines Schneefalls.

Immer wieder sind es die Passagen schwerelosen Gleitens, die Trost bieten, Durchatmen von der Verfallsdiktatur alles Geschöpflichen. Schulte gelingt es, die Massen zu bändigen und er zaubert immer wieder eine frappierende Schlankheit des Klangs hervor. Und was gab es noch darüber hinaus zu erleben; gleißender Trompetenglanz der k.u.k. Monarchie, gehaltene Trauermärsche, die Posaunen des Jüngsten Gerichts und sich machtvoll aufbauende Fugen. Ein liedhaftes, schlichtes „Credo“ und dann natürlich immer wieder Schuberts Harmonik, die scheinbar in jedem Augenblick in eine andere Tonart abbiegen kann, um auf dieses Weise der Musik die Würde der Unverfügbarkeit zu verleihen. Auch schwindelerregende, gähnende Abgründe tun sich bisweilen auf, das „Cruzifixus“ gelingt den Beteiligten eindringlich und schmerzhaft-plastisch.

Im „Sanctus“ wird Gottes Heiligkeit als eine dem Menschen fremdartige und nicht in menschlichen Kategorien zu fassende, andersartige Heiligkeit dargestellt, in kolossal-gewaltigen Klangsäulen, zwischen denen das Individuum beinahe unhörbar hin und her huscht. Ist das Trost? Ist es Lachen? Ist es Weinen?

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Erstellt:
13. November 2018, 06:00 Uhr

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