Die Erinnerung an die Berge bleibt

Der Backnanger Walter Grimm ist der erste deutsche Bergführer aus dem Flachland. Schon als Kind kletterte der heute 90-Jährige auf jeden Felsen, den er entdeckt hat. Als Jugendlicher sparte er nach dem Krieg eisern, um erstmals eine Reise ins Gebirge antreten zu können.

Als junger Bursche ist Walter Grimm mit dem Fahrrad auf die Schwäbische Alb gefahren. Foto: M. Stollberg

© Martin Stollberg

Als junger Bursche ist Walter Grimm mit dem Fahrrad auf die Schwäbische Alb gefahren. Foto: M. Stollberg

Von Simone Schneider-Seebeck

Backnang. Berge wecken Sehnsüchte. Nicht nur in Menschen, die ihre Erhabenheit jeden Tag vor Augen haben. Nein, vielleicht sogar noch stärker in einem, der zunächst nur in seiner Fantasie die höchsten Gipfel erklimmen kann. So ging es auch dem kleinen Walter. Schon als Kind war er von den Bergen fasziniert. Geboren 1931 in Ellwangen an der Jagst, aufgewachsen in Aalen, war die Auswahl an Berggipfeln in seiner Kindheit recht überschaubar.

„Im Wald habe ich nach Felsen gesucht und bin auf jeden geklettert, den ich gefunden habe“, erinnert sich der mittlerweile 90-Jährige. Welch ein spannendes Erlebnis, als er, etwa zwölfjährig, einen Tagesausflug zum Felsenmeer ins Wental machte und dort immer wieder auf den markanten und etwa 20 Meter hohen Felsenturm, bekannt als Wentalweible, kletterte. Zu Fuß ging es seinerzeit hin, wohlgemerkt – eine Strecke von insgesamt gut 35 Kilometern.

„Für extreme Touren braucht man Partner, die so gut sind wie man selbst“

Als der Krieg zu Ende war, begann er zu sparen, denn er sagte sich: „Jetzt kannst du ins Gebirge.“ Der junge Walter Grimm sparte eisern, bis er sich die ersehnte Reise nach Oberstdorf leisten konnte. Ausgestattet mit einem Rucksack, einer Zeltplane, einem Laib Brot und Straßenkarten fiel ihm auf dem Aalener Bahnhof ein Mitreisender ins Auge, der einen sogenannten Trenker-Anzug trug, welcher ihn gleich als Bergfreund auswies. Später im Zug sprach er ihn an – und so fand er seinen ersten Wanderkameraden. Gemeinsam erklommen sie die Trettach-Westwand, „meine erste Bergtour“, wie sich Walter Grimm versonnen erinnert.

Die Freundschaft hielt, in den folgenden Sommern wurden noch weitere gemeinsame Touren gemacht und Grimm hat viel von seinem Kameraden gelernt. Besonders gereizt hat ihn immer das Extreme. Allerdings musste er feststellen: „Je schwerer die Touren, desto schwieriger ist es, einen Partner zu finden. Für extreme Touren braucht man Partner, die so gut sind wie man selbst und auf die man sich verlassen kann.“

Als junger Bursche zog es ihn auch auf die Schwäbische Alb. Dorthin ist er mit dem Fahrrad gefahren, für ein anderes Fortbewegungsmittel war kein Geld übrig. Und wenn er welches hatte, steckte er es lieber in seine Bergsteigerausrüstung. Er erinnert sich, wie er Kaffee von Österreich nach Garmisch geschmuggelt hat: „Für zehn Kilo Kaffee konnte ich mir ein Bergseil kaufen.“ Aus Hanf – wenn das nass wurde, war es steif und hart wie ein Drahtseil.

Sein erstes Nylonseil war Anfang der 50er-Jahre ein Geschenk von Guido Pagani. Der italienische Arzt war bei einer gemeinsamen Tour im Wilden Kaiser so beeindruckt von dem jungen Klettertalent, dass er ihm sein Seil überließ. 1954 war Pagani Teil einer italienischen Karakoram-Expedition. „Vom K2 hat er mir eine Postkarte geschickt“, erzählt Grimm.

Dass sein Hobby nicht ungefährlich ist, war ihm immer bewusst. So sind einige seiner Bergfreunde im Gebirge ums Leben gekommen. Doch Walter Grimm selbst hatte nie Angst vor dem Berg. Zweimal stürzte er ab, doch schnelle Reaktion und gute Sicherung bewahrten ihn vor dem Schlimmsten. Später als Bergführer war er nicht selten dabei, wenn es galt, Verunglückte zu bergen. „Bei meinen Touren ist nie etwas passiert, doch als Bergführer ist man verpflichtet, zu helfen“, sagt er.

1965 legte Walter Grimm die Prüfung zum Berg- und Skiführer ab, doch das Bergsteigen blieb immer ein Hobby. Später ist er viel mit seiner Frau in die Berge gegangen, da ging es vor allem auf die Viertausender hoch. 29-mal war er auf dem Montblanc, das Matterhorn hat er achtmal bestiegen, auf der Schwäbischen Alb hat er etliche Erstbegehungen gemacht.

Seit gut 20 Jahren lebt Walter Grimm nun in Backnang, vor elf Jahren verstarb seine Frau. Eigentlich kommt er gut allein zurecht, auch wenn seine Sehkraft in den letzten Jahren stark nachgelassen hat. Er bedauert, dass er nun nicht mehr fotografieren kann. Damit hatte er vor einigen Jahren angefangen, vor allem die Flora hatte es ihm angetan. „Wenn ich noch fotografieren könnte, das wäre einwandfrei“, so der Rentner, dem es auch im Ruhestand nie langweilig wird.

Eine Langzeitwirkung bekam er jedoch vor vier Jahren zu spüren. Durch die extreme Sonnenstrahlung im Gebirge entwickelte sich Hautkrebs. Glücklicherweise konnte dieser jedoch operativ entfernt werden. Dennoch – er denkt gern an seine Zeit in den Bergen zurück, das füllt ihn aus.

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Erstellt:
16. Oktober 2021, 11:30 Uhr

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