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Die erste Pfarrerin auf einer Backnanger Kanzel

Im Jahr 1972 ist Ursula von Coffrane die erste Frau, die eine Predigt in der Stiftskirche hält – „Man muss einfach Mut haben und wissen, wer man ist“

Ursula von Coffrane war die erste Pfarrerin, die jemals von einer Backnanger Kanzel gepredigt hat. Fast 50 Jahre ist das jetzt her. Den Ruf Gottes hat die 96-Jährige erst relativ spät vernommen. Davor war ihr Leben geprägt durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, den sie als junge Frau in Berlin überlebte und dabei fast alles verlor.

Kann auf ein langes und bewegtes Leben zurückblicken: Ursula von Coffrane ist eine bemerkenswerte Frau, die viel zu erzählen hat. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Kann auf ein langes und bewegtes Leben zurückblicken: Ursula von Coffrane ist eine bemerkenswerte Frau, die viel zu erzählen hat. Foto: J. Fiedler

Von Silke Latzel

BACKNANG. „Eigentlich wollte ich Erzieherin werden“, erzählt Ursula von Coffrane. „Aber meine Eltern haben mir davon abgeraten.“ 1922 wird sie in Berlin geboren, da ist der Erste Weltkrieg gerade vorbei. Als sie kurz vor ihrem Schulabschluss steht und die Zeit gekommen ist, sich zu überlegen, wie sie in Zukunft Geld verdienen will, muss von Coffrane ihren Berufswunsch auf Eis legen – der Einfluss der Nationalsozialisten ist bereits zu groß und ihre Eltern fürchten, dass sie als Erzieherin „Ideologien lehren muss, die ich selbst nicht vertrete. Und meine Eltern auch nicht.“ Die heute 96-Jährige wächst in einem liberalen, offenen Elternhaus auf, Mutter und Vater „waren nie in der Partei oder Hitlers Politik zugewandt. Und ich war auch nie im Bund der Mädel engagiert.“ Im Gegenteil: Zu den engsten Freunden der von Coffranes gehört eine jüdische Familie.

Ursula von Coffrane entscheidet sich gegen einen pädagogischen Beruf, geht stattdessen in die Wissenschaft, genauer gesagt in einen Betrieb, der Lacke und Farben herstellt. „Wir waren keine Wehrmachtsfirma, obwohl wir neben Farben für Kleidung und Wände auch Farben für Feldgeschirr oder Soldatenhelme hergestellt haben.“ Dort lernt sie viele unterschiedliche Menschen kennen: Angestellte, Arbeiter, Vorgesetzte. „Ich habe Kontakt zu allen gesucht und mich von niemandem distanziert. Denn wenn man sein Gegenüber immer anständig behandelt und nicht hochnäsig ist, dann bekommt man das irgendwann zurück.“

Am 3. Februar 1945 verliert Ursula von Coffrane alles. Ihre Mutter und sie sitzen auf einem Trümmerhaufen, der einmal ein Haus war. Die beiden haben die Bombardierung überlebt und besitzen nur noch das, was sie am Leib tragen. Die Russen marschieren ein, kommen auch in die Firma, in der von Coffrane arbeitet. „Und dann haben sie alles mitgenommen...Farben, Maschinen... Alles mitgenommen und nach Russland gebracht.“

Plötzlich steht von Coffrane ohne Beruf da, ohne ein Zuhause, ohne eine Perspektive. Doch sie verliert nicht den Mut, arbeitet zunächst als Hilfskraft bei der Berliner Stadtmission, wäscht Wäsche, macht sauber und kocht für die Berliner, die, genau wie sie, durch die Bombardierung alles verloren haben und im Pfarrhaus untergekommen sind.

Sie selbst und ihre Mutter können bei Verwandten unterkommen, bis von Coffrane ihre Mutter in einen Zug nach Tübingen setzt, damit sie dort in Sicherheit leben kann. Sie selbst bleibt in Berlin, wohnt mittlerweile in der Mission. „Immerhin hatten wir ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen.“ Sie teilt sich das Zimmer mit einer Lehrerin. Eines Tages schenkt diese ihr eine Karte mit einem Bibelspruch. Darauf steht: Der Meister ist da und er ruft dich. „Für mich war das ausschlaggebend, es war eindeutig, dass Gott mich zu sich ruft“, erzählt von Coffrane, die zwar schon immer in die Kirche gegangen ist, aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht an eine kirchliche Ausbildung gedacht hat. „Ich habe dann ein Theologiestudium begonnen, das war relativ einfach, weil viele Menschen im Krieg umgekommen oder in Gefangenschaft geraten sind und an den Universitäten viel Platz war.“

Nach Beendigung ihres Studiums arbeitet sie in einer Berliner Kirchengemeinde mit 34000 Mitgliedern, darf aber nicht auf die Kanzel und predigen. Das ist Frauen zu dieser Zeit nicht erlaubt. Von Coffrane sammelt Erfahrungen in verschiedenen Bereichen, arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Müttern und Senioren. Für ein deutschlandweites Treffen von Gemeindediakoninnen darf sie nach Westdeutschland reisen – diese Erfahrung ist prägend. „Dort war alles freier und fortschrittlicher als in Berlin.“ Ihr Blick wandert nun immer mehr in den Westen, sie ist müde geworden von Berlin, auch durch einige „theologische und politische Kämpfe“, wie sie selbst sagt. Es ist 1970, von Coffrane weiß, dass die evangelischen Kirchen sich langsam öffnen und beginnen, auch Frauen auf die Kanzeln zu lassen. Sie schreibt an verschiedene westdeutsche Kirchengremien und fragt, „ob sie Verwendung für mich haben“. Haben sie. Und im April 1972 kommt Ursula von Coffrane nach Backnang in die Stiftskirche.

Mit alten zahnlosen Herren war die Verständigung etwas schwierig

„Ich war schon ein bisschen aufgeregt. Immerhin hatte ganz Backnang damals so viele Einwohner wie meine Kirchengemeinde in Berlin. Und die Stiftskirche ist ja nun auch keine ganz kleine Kirche.“ Sie lacht. „Hat mich aber nicht gestört, ich war ja große Kirchen gewohnt.“ Bei ihrer ersten Predigt ist die Kirche „krachend voll. Ich dachte, da kommen nur ein paar Leute, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.“ Natürlich habe es damals auch kritische Stimmen gegeben, „die gesagt haben, ,Frauen auf der Kanzel – das geht gar nicht‘. Aber ich bin immer auf alle zugegangen und wurde dann akzeptiert.“ Auch hier hilft ihr ihre offene Lebenseinstellung. „Nur bei den alten zahnlosen Herren, die zu sehr Dialekt gesprochen haben, da war die Verständigung etwas schwierig.“ Wieder lacht sie. Und noch etwas ist in Backnang anders als in Berlin: „Um in die ganzen Dörfer um Backnang herum zu kommen, musste ich meinen Führerschein machen. In Berlin habe ich kein Auto gebraucht.“

1984 hört Ursula von Coffrane auf zu arbeiten, Backnang bleibt sie aber treu, wohnt heute noch hier. Rückblickend auf ihren Lebensweg sagt sie: „Man muss einfach Mut haben und wissen, wer man ist, ohne falschen Stolz zu entwickeln.“

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Erstellt:
29. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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