„Die Eschen fallen einfach so um“

Im Wüstenbachtal sind zahlreiche Bäume gefällt worden. Ohne diese Aktion hätte das Tal zwischen Kirchberg an der Murr und Burgstetten wegen mangelnder Sicherheit für Erholungssuchende dauerhaft gesperrt werden müssen. Bürger konnten jetzt bei einem Waldbegang Fragen stellen.

Ulrich Häußermann (vorne links) und Paul Bek erklären an der ersten Station, warum umfangreiche Forstarbeiten im Wüstenbachtal notwendig waren und welche Pläne danach umgesetzt wurden. Fotos: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Ulrich Häußermann (vorne links) und Paul Bek erklären an der ersten Station, warum umfangreiche Forstarbeiten im Wüstenbachtal notwendig waren und welche Pläne danach umgesetzt wurden. Fotos: Tobias Sellmaier

Von Ingrid Knack

Kirchberg an der Murr. Umfangreiche Arbeiten im Wüstenbachtal sind hauptsächlich in den Wintermonaten erledigt worden, die offenkundigen Gefahrensituationen für Erholungssuchende sind nun beseitigt, die Wege instand gesetzt und erste Neupflanzungen zu sehen. Das Wüstenbachtal hat sich dadurch stark verändert. Was genau warum geschah, dass sollte jetzt bei einem Waldbegang erklärt werden. Gerd Holzwarth, Dezernent für Forst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Vermessung beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis, sagte bei der Begrüßung der zahlreichen Interessenten: „Es sind viele Fragen gekommen, auch aus dem Backnanger Raum. Wir wollen nicht einfach etwas machen, ohne es fundiert zu erläutern.“ Jede Frage werde beantwortet.

Während der kleinen Wanderung durch das Tal vom Parkplatz bei Zwingelhausen bis zum Waldausgang bei Burgstall und an einzelnen Stationen gaben neben Holzwarth auch die Backnanger Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes und ihr Stellvertreter Ulrich Häußermann, Revierleiter Paul Bek, der für Staats- und Privatwald im Forstrevier Backnanger Bucht zuständig ist, sowie Markus Wegst vom Amt für Umweltschutz beim Landratsamt Auskunft. Allein das Aufgebot an Experten zeigt schon, wie wichtig es diesen ist, zu vermitteln, warum das Tal beispielsweise nun so licht aussieht und warum an manchen Stellen immer noch Baumstämme kreuz und quer liegen.

Damit das Tal wieder zum Erholungsort werden konnte, standen umfangreiche Arbeiten an. Dies betraf Waldgebiete der Kommunen Kirchberg und Burgstetten, zum Großteil aber Privatwald. Vor allem die privaten Waldbesitzer hatten laut Häußermann ein Problem. „Über 40 Prozent der gefällten Bäume waren Eschen, weitere über 40 Prozent Fichten“, erklärte Paul Bek. „Das heißt, über 80 Prozent des gesamten Hiebes bestehen aus Kalamitätsholz.“ Die von einem Pilz befallenen Eschen leiden unter Wurzelfäule. „Die Eschen fallen einfach so um. Da braucht es nicht einmal Wind. Das ist eine riesige Gefahr“, weiß Häußermann. Im Wüstenbachtal seien immer wieder Eschen auf Wege gefallen. Den Fichten setzen Hitze und Trockenheit zu. Der Borkenkäfer hat bei geschwächten Bäumen ein leichtes Spiel, in den Baum einzudringen. Alles in allem sei es moralisch nicht mehr vertretbar gewesen, den Istzustand zu belassen und zu hoffen, dass nichts passiert, so Häußermann. Die Waldbesitzer haben eine Verkehrssicherungspflicht. Diese müsse gewährleistet sein, sonst könnten die privaten Besitzer ihre Gastgeberrolle gegenüber den Erholungssuchenden nicht mehr aufrechterhalten, das Tal hätte dauerhaft gesperrt werden müssen. Häußermann beschrieb eine Szene, die harmlos daherkommt, es aber ganz und gar nicht ist: Kinder spielten am Bach unter Eschen. Da zuzuschauen, im Wissen um die unmittelbaren Gefahren, die von den Eschen ausgehen könnten, gehe nicht. Die Funktion Erholungswald wäre nicht mehr gegeben gewesen, hätte man nicht reagiert.

Das Waldrefugium befindet sich auf Gemarkung Burgstetten. Die Wildheit ist gewollt.

Das Waldrefugium befindet sich auf Gemarkung Burgstetten. Die Wildheit ist gewollt.

Was das Thema Nutzwald anbetrifft, versicherte Häußermann: „Wir haben den Auftrag bekommen, kranke Bäume zu fällen und zu vermarkten, und müssen das möglichst wirtschaftlich machen. Der Gedanke, dass der Groschen in den Geldbeuteln der Waldbesitzer klingelt, ist in diesem Fall völlig untergeordnet.“ Überdies haben die Forstleute den Wald als Schutzwald im Blick. Neben Boden- und Wasserschutzfunktionen geht es an dieser Stelle etwa auch angesichts des nahe liegenden Steinbruchs um Lärmschutz – doch wenn Bäume einfach umfielen, seien diese Schutzfunktionen freilich nicht mehr gegeben. Gegengesteuert wird mit Aufforstungen, zudem wird auf Naturverjüngung gesetzt.

„Eine Komponente, die uns in der Forstverwaltung extrem hart trifft, ist der Klimawandel“, sagte Häußermann. „Der Wald hier hat sich verabschiedet. Wir müssen überlegen, welche Bäume und welche Maßnahmen geeignet sind, um den Wiederaufbau des Waldes mit an das Klima angepassten Pflanzen zu gestalten. Aus einem Katastrophenszenario ergibt sich auch eine Chance.“ Nach Abschluss der Arbeiten soll das Tal in Ruhe gelassen werden. „Wir haben die Maßnahme so konzipiert, das wir die nächsten zehn bis 20 Jahre nicht mehr reinmüssen. Diese Chance haben wir nur, wenn wir einmal konsequent vorgehen.“

Als mögliche Baumarten für den Umbau des Waldes nannte Häußermann Eiche, Elsbeere/Speierling, Baumhasel, Kiefer, Edelkastanie, Nussbaum, Feld-Spitzahorn, Flatterulme, Douglasie und Atlaszeder. Neben Neuanpflanzungen gibt es aber auch ein Waldrefugium, in dem die Wildheit Programm ist. Die Natur wird sich hier bewusst selbst überlassen. Auch Biotope spielen in dem Gebiet eine große Rolle. In einer „Pfütze“ auf dem Weg machten die Besucher dann auch noch zufällig Bekanntschaft mit einer Gelbbauchunke.

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Erstellt:
14. Mai 2022, 06:00 Uhr

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