Die Faszination einer Allerweltspflanze

Die Entdeckung der Brennnessel brachte Mechtilde Frintrup zu sich selbst. Die Autorin aus dem Münsterland lebt in Burgstall. Für ihr „Brennnessel-Buch“ hat sie den zweiten Platz beim Deutschen Gartenbuchpreis in der Kategorie bestes Pflanzenporträt erhalten.

Tut das nicht weh? Mechtilde Frintrup hat keinerlei Berührungsängste mit der Brennnessel. Sie knabbert das frische Grün direkt vom jungen Busch weg. Fotos: M. Frintrup

© Mechthilde Frintup

Tut das nicht weh? Mechtilde Frintrup hat keinerlei Berührungsängste mit der Brennnessel. Sie knabbert das frische Grün direkt vom jungen Busch weg. Fotos: M. Frintrup

Von Carmen Warstat

und Pia Eckstein

BURGSTETTEN. „Die Brennnessel ist eine Pflanze, deren Bekanntschaft wohl jedes Kind macht.“ Mit diesem Satz beginnt Mechtilde Frintrups mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2021 durch Schloss Dennenlohe ausgezeichnete „Brennnessel-Buch“ und spielt auf Erfahrungen mit dem sehr anpassungsfähigen Kraut an, das überall wachsen kann und eben besonders in der Natur herumstromernde Kinder manchmal ärgert.

Die Vielseitigkeit der Brennnessel, ihre sagenhafte Heilkraft und kulturelle Bedeutung sowie die schier unendlichen Möglichkeiten ihrer Nutzung für den Alltag waren zwar fast in Vergessenheit geraten. Inzwischen aber wächst das allgemeine Interesse an der Natur wieder, und gerade oft verschmähte „Unkräuter“ werden heute als faszinierende Lebewesen wahrgenommen. Sogar die Gourmetküche ist aufmerksam geworden!

Mechtilde Frintrup behandelt die Brennnessel in ihrem Buch in drei Blöcken aus unterschiedlichen Perspektiven. „Der wissenschaftliche Blick“ verrät alles über die botanische Einordnung und Inhaltsstoffe der Pflanze und stellt unter anderem „Die Brennnessel als Heilpflanze“ vor. Das Gewächs hat einen Mineralstoffwert, der den eines Rindersteaks um mehr als das Doppelte übersteigt. In Sachen Vitamin C hat die Brennnessel fast das Siebenfache der Zitrone zu bieten. Die Brennnessel wirkt blutbildend, entzündungshemmend, regt den Stoffwechsel an, löst Schleim und Krämpfe und soll sogar den Haarwuchs fördern.

Es folgt „Der kulturelle Blick“ mit Einsichten in die Spuren, die das uralte Kraut in Literatur und Mythologie hinterlassen hat, mit Erläuterungen zur Symbolik der Pflanze und Ausflügen in die Welt der Märchen und Legenden sowie der Poesie. Die „Signatur der Brennnessel“ wird vorgestellt und reiht ihre wichtigsten Eigenschaften aneinander: neben Geruch, Farbe, Form und Geschmack etwa auch Volksnamen und Rhythmus, Standort und Lebensdauer.

Schließlich der dritte Block trägt den Titel „Der praktische Blick“ und betrachtet die Pflanze im Jahreslauf, reiht Hinweise zum Anbau und Verzehr aneinander, listet Speisen- und Getränkerezepte auf und beschäftigt sich mit der Brennnessel als Textilpflanze. Ist die Brennnessel die Faser der Zukunft? Geschichte und Gegenwart der Pflanzenfaser werden untersucht, ihre Gewinnung und Aufbereitung bis hin zum Färbeprozess und Papierschöpfen werden vorgestellt und schließlich ausgewählte Handarbeiten für „beseelte Utensilien“ und „Textilien mit Energie“ gezeigt.

Sie macht aus der Pflanze Saft und Tee, rührt Pesto, röstet Chips, kocht Curry, strickt Schals oder Mützen.

Mechtilde Frintrup weiß, wovon sie spricht, ist sie doch ausgebildete Phytopraktikerin (Heilpflanzenpraktikerin) und seit einer Nierenerkrankung von der heilenden Wirkung der Brennnessel überzeugt. Fachfrau ist sie außerdem in Sachen Buchherstellung. Neben den Texten hat sie auch die Illustrationen und Grafiken im „Brennnessel-Buch“ selbst entwickelt. Sie hat Werbung studiert, Schriftsetzerin und Illustratorin gelernt, zeichnet unheimlich gern, und ging mit dem Buch „zurück zu den Wurzeln“, wie sie sagt. 20 Jahre lang war sie in einem Verlag tätig und hat die Mühlen des alltäglichen Arbeitslebens kennengelernt. Von jeher kreativ veranlagt, kann Mechtilde Frintrup ihren Traum vom Leben im Einklang mit der geliebten Natur heute weitgehend ausleben. Sie gestaltet Kräuterwanderungen und Bennnesselfaser-Seminare im Tipi.

Und hat keinerlei Berührungsängste. Sie knabbert das frische Grün direkt vom jungen Busch weg, sie macht aus der Pflanze Saft und Tee, rührt Pesto, röstet Chips, kocht Curry und strickt Schals oder Mützen. Nein, sie kommt nicht blätterbekrönt und rot bepustelt daher. Sie hat das benötigte Garn aus der Pflanzenfaser gewonnen. Die Faser gilt’s im Herbst zu ernten, wenn die Brennnessel längst vertrocknet ist und nur noch die Stängel in die Luft ragen. Dieses wertvolle Material holt sie sich dann aus der Natur, spinnt und strickt. Umweltfreundlicher geht es nicht. Mechtilde Frintrup erklärt das Brennnesselfeuer zum angenehmen Gefühl und empfiehlt Menschen, die zu Verspannungen neigen oder unter Arthrose leiden, doch mal mit Brennnesseln über die schmerzenden Stellen zu streichen. Mechtilde Frintrup ist eine Brennnesselverrückte.

Was sie neben der heilenden Wirkung dieser Pflanze fasziniert, ist auch ihr Charakter: „Die Brennnessel gehört zur Pflanzenordnung der Rosenartigen. Sie hat etwas ganz Feines“, findet die Autorin und weiß: „Die Brennnessel muss sich schützen. Sie gilt als Pflanze der Not, weil sie gerade in oder nach Kriegszeiten Geflüchtete zum Teil ernährt hat.“ Und: Die Brennnessel hat bewusstseinserweiternde Wirkung, ohne halluzinogen oder rauschauslösend zu wirken. „Im Gegenteil – es ist die Pflanze des Hier und Jetzt, denn sie schärft die Wahrnehmung des Realen. Wer eine Brennnessel berührt, ist sofort im Körper – über den Schmerz, der sich in ein angenehmes Kribbeln wandeln kann.“ Mechtilde Frintrup glaubt, dass Menschen mit einer intensiven Brennnesselerfahrung deshalb sehr gut fokussiert sind auf die eigenen Wünsche und Möglichkeiten.

Sie selbst schließt sich da ein. Immer wieder entdeckt sie Neues. Sie kommt – im besten Sinne – nicht zur Ruhe. Demnächst steht ein Austausch mit zum Teil künstlerischen Brennnesselprojekten in Peru und Nepal an, diverse Kontakte sind zu knüpfen, eine Fortbildung „Nomadische Erzählkunst“ will absolviert werden, und auch ein neues Buch ist in Arbeit: „Ich mach ein Kinderbuch – die Leute warten schon“, erzählt sie lachend.

Mechtilde Frintrup: Das Brennnessel-Buch. Die magische Nahrungs-, Heil- und Faserpflanze. Mit Rezepten und praktischen Anleitungen. AT Verlag, 25 Euro.

Die Faszination einer Allerweltspflanze
Mechtilde Frintrup

Frintrup wurde 1967 geboren und ist auf einem Bauernhof in Freckenhorst, Ostwestfalen, aufgewachsen. Sie ist Grafikerin, Buchautorin, Kräuterpraktikerin und Naturkünstlerin.

Sie absolvierte verschiedene Ausbildungen im gestalterisch-kreativen Bereich, unter anderem eine Ausbildung als Typografin und ein Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Frintrup arbeitete in einer Werbeagentur in Buenos Aires, als Kunsthandwerkerin in den Anden Argentiniens sowie als Buchherstellerin. Nebenbei absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpflanzenpraktikerin. Außerdem nahm sie an verschiedenen Fortbildungen zu Natur-Coaching und Entspannungstechniken teil. Schließlich machte sie sich als freischaffende Naturkünstlerin mit Seminaren selbstständig.

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Erstellt:
7. Juni 2021, 11:30 Uhr

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