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Die Flucht, die Jugend und die Liebe

dpa/lsw Tübingen. Die Pubertät ist eine knifflige Angelegenheit. Und wenn man sich in einem fremden Land zurechtfinden muss, dann erst recht. Ein Tübinger Projekt für junge Geflüchtete widmet sich der Gewalt in ersten Liebesbeziehungen.

Nadin Almesre und Moaaz Bunduk, Mentoren von „Love Needs Respect“, stehen in einem Klassenzimmer. Foto: Marijan Murat/dpa

Nadin Almesre und Moaaz Bunduk, Mentoren von „Love Needs Respect“, stehen in einem Klassenzimmer. Foto: Marijan Murat/dpa

Nadin Almesre ist aufgebracht. Mit einer Gruppe Jugendlicher hat die Syrerin, die vor vier Jahren nach Deutschland kam, ein fiktives Szenario diskutiert: Es dreht sich um einen Jungen und seine Freundin. Der Junge schiebt seine Hand unter ihr Shirt. Er will Sex, sie nicht. Wie reagieren? Ein Teilnehmer aus Almesres Gruppe meinte, wäre er an Stelle des Jungen aus der Geschichte, er würde weitermachen. „Das hat mich geärgert. Wie kann er so etwas sagen?“, fragt sich Almesre. Die 29-Jährige ist Mentorin in einem Tübinger Workshop für Teenager mit Fluchtbiografie.

Die ersten Schmetterlinge im Bauch junger Menschen können aufregend sein - und mitunter problematisch. Seit zehn Jahren bieten die Vereine „Pfunzkerle“ und „Tübinger Initiative für Mädchenarbeit“ (TIMA) ein Projekt zur Gewaltprävention in Liebesbeziehungen an. Mit der Zeit waren immer mehr Geflüchtete unter den jugendlichen Teilnehmern. Sprachliche Hürden und die mitgebrachten kulturellen Konventionen machten 2018 eine neue Variante notwendig.

„Love needs respect“ („Liebe braucht Respekt“) heißt nun die Spezialversion. Zehn Mentoren wie Nadin Almesre machen mit - der Pubertät längst entwachsen, aber von ähnlicher Herkunft und Sozialisation wie die junge Zielgruppe. Almesre sagt: „Ich versuche, meinen Landsleuten zu helfen, Gewalt zu vermeiden und gute soziale Beziehungen aufzubauen.“

In einer beruflichen Schule in Tübingen haben sich 13 junge Projektteilnehmer in einem Stuhlkreis versammelt. Sie tragen Turnschuhe, Kapuzenpullis, Kopftücher. Ein Plakat an der Wand zitiert das Grundgesetz, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, steht darauf. Projektleiter Timo Gögel von den „Pfunzkerlen“ fragt zu Beginn in die Runde, wer das Thema kenne. „Liebe“, antwortet ein Junge und kichert.

Vor allem für muslimische Mädchen kann die Sache mit der Liebe schwierig werden. „Eine junge Frau aus Syrien meinte, sie dürfe diesbezüglich keine Wünsche äußern, weil Allah für sie alles richte“, sagt Lara Gebhardt-Brodbeck von TIMA. Kino-Dates, Verabredungen im Café - diese für viele Teenager in Deutschland vielfach alltäglichen Dinge, kämen in ihren Heimaten nicht vor. Weil es ihre Eltern verboten hätten, hielten viele geflüchtete Mädchen ihre Beziehungen zu Jungen geheim - und lebten in Angst, dass alles auffliege, sagt Almesre.

Nach Angaben ihres Mentoren-Kollegen Moaaz Bunduk haben es die Klassenkameraden leichter. Bunduk sagt: „Für alle gelten die gleichen Verbote.“ Er sagt aber auch: „Im Prinzip.“ Jungen seien viel freier als Mädchen, so der 29-Jährige Syrer, der seit fünf Jahren in Deutschland lebt. Nicht alle kämen damit klar, dass ihre Freundinnen nicht wegen allem und jedem Bescheid geben, wie in konservativen Kulturen üblich.

Im Forschungszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gibt es nach Angaben einer Sprecherin bislang keine Erkenntnisse zum Thema Gewalt in Liebesbeziehungen geflüchteter Jugendlicher. „Jungen muslimischen Männern und Frauen werden zumeist archaische und patriarchale Geschlechterbilder zugeschrieben“, sagt Rosa Brandhorst vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Ihrer Einschätzung nach lässt sich diese kulturalisierende Perspektive aber nicht auf alle Geflüchteten übertragen. Rollenbilder würden auch in der Ankunftsgesellschaft gebildet und beruhten nicht allein auf vermeintlichen Vergangenheiten. Zudem hängen Brandhorst zufolge Vorstellungen von Sexualität und Partnerschaft auch mit dem Zugehörigkeitsgefühl zusammen - also damit, ob sich junge Migranten eher am Herkunftsland oder am Ankunftsland orientieren.

Laut Sabine Hess, Direktorin des Centers for global Migration Studies an der Universität Göttingen, schließt eine Flucht Gewalterlebnisse bereits mit ein. „Menschen, die fliehen, kommen meist aus Bürgerkriegsregionen, haben Rohheit, Brutalisierung und sexualisierte Gewalt erfahren“, sagt die Kulturanthropologin. In muslimischen Strukturen müssten Frauen gefördert und Angebote zur Stärkung ihrer Selbstbestimmung geschaffen werden. Mit einem Forschungsprojekt hat Hess Anregungen für einen gendersensiblen Umgang mit geflüchteten Frauen erarbeitet. Demnach wirken sich Stereotype wie das der „unterdrückten muslimischen Frau“ auf den Umgang mit Geflüchteten aus. Hess sagt: „Auch deutsche Mädchen haben Angst vor ihren Eltern.“

An der Tübinger Mathilde-Weber-Schule vervollständigen die „Love needs respect“-Teilnehmer eine Beziehungs-Ampel. Auf gelben Zetteln sollen sie schreiben, was in einer Liebesbeziehung zwar nicht schön sei aber kein Grund, diese zu beenden, erklärt Timo Gögel. Auf rote, was für sie Gewalt bedeute. Die grünen Zettel haben sie schon ausgefüllt. „Zuhören“ steht darauf, „Geduld“ und: „Spaß haben“.

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Erstellt:
27. November 2019, 04:55 Uhr

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