Die Gedichte treffen mitten ins Herz
Mit viel Verve rezitiert Cornelia Schönwald Gedichte der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko im Backnanger Bürgerhaus und gibt zudem Gesangseinlagen. Vladimir Miller spielt Querflöte, Klarinetten und Akkordeon.
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Cornelia Schönwald taucht in die Welt der Mascha Kaléko ein. Foto: Tobias Sellmaier
Von Thomas Roth
Backnang. „Sei klug und halte dich an Wunder“ lautet der Titel der Lesung im „Literarischen Salon“. Es sind Worte aus dem Gedicht „Rezept“. Etwa 400 Besucher sind ins Backnanger Bürgerhaus gekommen, um in die Welt der Mascha Kaléko einzutauchen. Die Schauspielerin und freie Sprecherin Cornelia Schönwald geht konzeptionell chronologisch vor. Sie liest Gedichte aus den jeweiligen Lebensphasen dieser wunderbaren, aus einer jüdisch-russisch-österreichischen Familie stammenden Dichterin, die in klaren, berührenden Worten gerne existenzielle Themen anspricht, auch mit poetisch-sarkastischem Zungenschlag. Kaléko gilt als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit. Ihre Lyrik ist zeitlos, spricht bis jetzt die Menschen an, oft wird sie großstädtischer Gebrauchslyrik zugeordnet. Vor allem sind die Gedichte aber Zeugnisse der Lebensgeschichte Mascha Kalékos. Melancholie und (Selbst-)Ironie wechseln sich ab.
Das Leben und die jeweilige Stimmung Kalékos ziehen so vor dem geistigen Auge der Zuhörer vorbei. Intensiviert wird das Ganze von Vladimir Miller, der Schönwald meist mit Klezmer-Melodien auf Akkordeon, Querflöte sowie Klarinette und Bassklarinette vorwiegend recht zurückhaltend musikalisch unterstützt. Auch die „Berliner Luft“ weht kurz musikalisch durch den Raum. Ein besonders schöner Moment ist, als die Protagonisten so richtig gemeinsame Sache machen und Cornelia Schönwald, von Akkordeon begleitet, das jiddische Lied „Ich habʼ dich zu viel lieb“ singt. Noch einige Male kommt das Publikum in den Genuss ihrer schönen Sopranstimme.
Emotion ist ein wichtiges Thema bei und für Kaléko. Das typisch berlinerisch Schnoddrige, das übrigens von Schönwald in – auf jeden Fall für Süddeutsche –überzeugendem Berliner Slang daherkommt, hat Kaléko, so wie ihre Zeitgenossen Kästner und Tucholsky, allemal drauf. Man denke nur an „Tratsch im Treppenflur“. Doch Mascha Kaléko wirft mehr in die literarische Waagschale. Sehr treffend beschreibt dies Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: „Man hat Mascha Kaléko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht. Sie hat deren Verspieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz, aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann...“
Ihre Sprache ist sehr bildhaft
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In Galizien (heute Polen) 1907 geboren, kommt die kleine Mascha über Marburg nach Berlin, wo sie ab 1930 regelmäßig Gedichte im „Berliner Tagblatt“, der „Vossischen Zeitung“, der „Welt am Montag“ und anderen Blättern publiziert. Sie verfasst auch Lieder und Chansons und ist Stammgast im „Romanischen Café“, wo die Szene sich eben trifft. Das 1933 erschienene Werk „Das lyrische Stenogrammheft“ ist ihr umjubeltes literarisches Debüt. Die Nazis tasten es nicht an. Doch 1935 bekommt Kaléko Berufsverbot, ihr Leben gerät mehr und mehr in Gefahr, sodass sie 1938 mit dem Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, ihrem zweiten Ehemann, nach New York emigriert. 1960 übersiedeln Kaléko, ihr Mann und Sohn Evjatar nach Israel. Völlig überraschend stirbt Evjatar 1968, was die Künstlerin nie überwindet. 1973 stirbt auch ihr Mann. 1975 erliegt Mascha Kaléko auf einer Reise in Zürich ihrem langen Magenleiden.
Interessanterweise lassen sich aus den unzähligen Gedichten Kalékos ganz leicht einzelne Sätze herauspicken, die für sich alleine stehen können: „Jage die Ängste fort. Und die Angst vor den Ängsten.“ Das sind die Anfangs- und Schlusszeilen des Gedichts „Rezept“. Zuvor heißt es darin – und hier finden wir auch den Titel der Lesung wieder: „Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind schon lang verzeichnet im großen Plan.“
Die enorme Bildhaftigkeit der Sprache zeigt sich exemplarisch in „Die frühen Jahre“: „In einer Barke von Nacht trieb ich und trieb an ein Ufer. An Wolken lehnte ich gegen den Regen, an Sandhügel gegen den wütenden Wind. Auf nichts war Verlass, nur auf Wunder... Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen, fror ich mich durch die finsteren Jahre. Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“
Keinen einzigen der Texte, die an diesem Abend in Backnang vorgetragen wurden, möchte man missen. So ist es offenbar auch Cornelia Schönwald bei ihrer Auswahl der Gedichte ergangen. Und so erleben die Besucher einen außergewöhnlichen und überdies außergewöhnlich langen „Literarischen Salon“. Eine überaus passende Veranstaltung kurz nach dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.
