Die graue Eminenz voller Eleganz
Der Fernsehturm in Stuttgart ist ein ganz besonderes Bauwerk – auch dank seiner architektonischen Qualität und der Beharrlichkeit eines Ästheten wie Erwin Heinle.
Von Tomo Pavlovic
Stuttgart - Architekten muss man in einem Atemzug mit Fritz Leonhardt nennen, wenn es um den wahrscheinlich elegantesten Fernsehturm weltweit geht. Denn als leitender Architekt war Erwin Heinle mitverantwortlich für die formale und gestalterische Umsetzung des Fernsehturms, der prägend für das Stadtbild der Landeshauptstadt ist.
Doch dank einer besonderen deutschen Spezialität hätte es ganz anders kommen können. „Die echten Abenteuer begannen bei meiner künstlerischen, technischen und geschäftlichen Oberleitung für den Fernsehturm Stuttgart. Die Direktoren des Süddeutschen Rundfunks ließ ich wissen, dass ich aussteigen würde, wenn der Turm rot-weiß-rot gestreift gebaut werden müsse“, wird Erwin Heinle Jahre später bei einem Vortrag in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste berichten. Mehr als 15 Jahre bestimmte der 2002 verstorbene Erwin Heinle die architektonische Entwicklung der Kunstakademie mit. Der Mann war ein Ästhet, ein eloquenter Kosmopolit, der wesentlich an der Realisierung des Landtags von Baden-Württemberg beteiligt war. Zudem plante er mit seinem Kollegen Robert Wischer das Olympische Dorf in München. Vier seiner Gebäude wurden noch zu seinen Lebzeiten zu Denkmälern erklärt, das Olympische Dorf wurde im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Das von ihm und Robert Wischer gegründete Büro Heinle, Wischer und Partner, Freie Architekten arbeitet seit mehr als 50 Jahren mit der von ihm geprägten Bürostruktur.
Kein Wunder also, dass ein Mann wie Erwin Heinle beinahe seinen Leitungsjob beim Bau des Fernsehturms hingeworfen hätte, als klar wurde, dass die Landmarke einen rot-weißen Anstrich hätte bekommen sollen. Die Rede war von einer „Samba-Socke“, solche Ringelstrümpfe waren damals angeblich in Mode. Nicht etwa aus Verbundenheit zum VfB Stuttgart wollte man eine gigantische Samba-Socke, sondern aus Sicherheitsgründen. Das war die internationale Vorschrift für alle Flughindernisse. Heinle aber stellte sich quer. Man fand eine andere, technische Lösung für das Problem (unter anderem einen Xenon-Scheinwerfer). Der Fernsehturm wurde nach seinem Bau oft nachgeahmt; aber das Wahrzeichen bleibt bei dieser Gebäudeform einzigartig. Auch deswegen, weil er Technik und Natur miteinander ins Gespräch bringt. Die wohlproportionierte Gestalt ist das Ergebnis einer gelungenen Synthese von funktionalem Anspruch und baukünstlerischem Formstreben, die den Kontext einbezieht. Der Turm ragt ja aus dem Grün einer Anhöhe hervor. Wie ein Baum unter Bäumen. Die Ausbildung des Turmschaftes ist angelehnt an Formen der Natur, das hat Erwin Heinle selbst so beschrieben. Er erinnerte daran, dass Gräser ihre Stängel als hohle, kreisrunde Röhren ausbilden.
Entscheidend aber für die unverwechselbare Erscheinung des Fernsehturms ist der parabelartige Anlauf des Schaftes. Man sieht es kaum, doch die Verjüngung nach oben ist nicht mit dem Lineal gezogen, das verleiht dem Bauwerk Leichtigkeit und ein harmonisches Aussehen. Dieses Detail macht den Unterschied. Der Sentech Tower im südafrikanischen Johannesburg etwa wurde von 1958 bis 1962 erbaut und ist stark an die Bauweise des Stuttgarter Turms angelehnt. Doch der Schaft wirkt plumper, technischer.
Auch bei der Fassade des Turmkorbes waren Leonhardt und Heinle daran interessiert, dass dieser Kopf nicht gedankenschwer wirkt. Deswegen entschied man sich für eine glatte, profillose Aluminiumhaut, die je nach Tageslicht mehr oder wenig schimmert, dem Korb die Schwere nimmt und den Eindruck des Schwebens verstärkt. Das changierende Grau ist bei waberndem Nebel wie im grellen Sonnenlicht sehr schön anzuschauen.
Der Stuttgarter Turm war mal ein Modell für viele andere Fernsehtürme in aller Welt, ein architekturhistorisches, absolut schützenswertes Bauwerk. Alle gestalterischen Merkmale und Vorzüge zusammen mit dem ausgewogenen Zusammenklang von Form, Funktion und Konstruktion machen aus diesem erst umstrittenen, schließlich gefeierten Bau eine gültige, klassische Ausformung dieses Architekturgenres, unabhängig vom Verlust seiner ursprünglichen Funktion dank der Satellitentechnik.
„Mit diesem Bauwerk ist es wohl gelungen, einmal wieder zu zeigen, dass man technisch Notwendiges gleichzeitig auch schön gestalten kann, sodass es den Menschen zur Freude wird und ihnen auch unmittelbar dient.“ Das sagte Fritz Leonhardt, und er lag mit diesem Selbstlob völlig richtig. Bis heute.
