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„Die größten Schäden richtete die Wehrmacht an“

Das Interview: Stadtarchivar Bernhard Trefz erklärt die historischen Zusammenhänge und schildert die Vorgänge am Kriegsende vor 75 Jahren

Heute vor 75 Jahren, am 20. April 1945, zogen amerikanische Einheiten in Backnang ein. Für die Stadt und ihre Bewohner war damit der Zweite Weltkrieg quasivorbei. Die Bürger hatten für eine friedliche Übergabe gesorgt. Über die dramatischen Vorgänge in diesen Tagen spricht Stadtarchivar Bernhard Trefz.

Das erst 1938 eingeweihte Murrtalviadukt wurde von der deutschen Wehrmacht vor ihrem Abzug aus der Stadt gesprengt.

Das erst 1938 eingeweihte Murrtalviadukt wurde von der deutschen Wehrmacht vor ihrem Abzug aus der Stadt gesprengt.

Von Armin Fechter

Wie hat sich die militärische Lage Mitte April in Württemberg entwickelt?

Die Kämpfe auf dem Boden des heutigen Bundeslands Baden-Württemberg dauerten vom 26. März bis 30. April 1945. Sie wurden auf alliierter Seite von den Franzosen und den Amerikanern geführt. Der Landkreis Backnang wurde zwischen dem 18. und 21. April 1945 von amerikanischen Truppen besetzt. Sie rückten dabei aus verschiedenen Richtungen auf Backnang zu: zum einen über das Bottwartal, Oberstenfeld, an der Burg Lichtenberg sowie Klein- und Großaspach vorbei, zum anderen von Löwenstein durch das Lautertal sowie über Murrhardt und Sulzbach das Murrtal entlang.

In Backnang war man gewarnt – durch Luftangriffe auf die Stadt selbst, aber auch durch Kampfhandlungen andernorts. Wo hat es dabei schwere Zerstörungen gegeben?

Fünf Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner musste Backnang den schwersten Luftangriff erleiden. Am 15. April wurde die Stadt zweimal kurz hintereinander von Fliegerbomben getroffen. Dabei verloren insgesamt 25 Menschen ihr Leben – darunter sechs Kinder im Alter von elf bis 13 Jahren. Außerdem dürfte sich auch herumgesprochen haben, dass die nicht allzu weit entfernten Ortschaften Löwenstein, Fornsbach und Kirchenkirnberg schwer zerstört wurden. Dadurch war klar: Wenn ein Ort auch nur den Anschein erweckte, verteidigt zu werden, drohten heftige Luftangriffe und Artilleriebeschuss.

Wie sollte nach dem Willen der deutschen Führung versucht werden, die vorrückenden amerikanischen Truppen aufzuhalten?

Die militärische Führung der Wehrmacht in Backnang wollte zweierlei: Zum einen sollte die Stadt komplett geräumt werden, damit man von außerhalb dann die Amerikaner hätte beschießen können. Dies hätte unweigerlich die Zerstörung der Stadt bedeutet. Zum anderen wollte man durch Sprengung der Brücken einen allzu raschen Durchmarsch der amerikanischen Truppen verhindern. Die Alliierten hatten übrigens während des Kriegs vergeblich versucht, das Murrtalviadukt zu zerstören – am 20. April sprengte dann die Wehrmacht das erst 1938 eingeweihte Bauwerk.

Welche Überlegungen stellten dagegen die Widerstandskräfte in der Stadt an? Wie wollte man die Zerstörung der Stadt verhindern?

Innerhalb der 2. Kompanie des im November 1944 eingerichteten Backnanger Volkssturms hatte sich um Richard Coppenrath – Direktor bei der Spinnerei Adolff – und Karl Bruder – Lehrer an der Oberschule für Jungen – eine Widerstandsgruppe gebildet. Deren Ziel war es, eine Kompletträumung Backnangs unbedingt zu verhindern und den Amerikanern zu signalisieren, dass man die Stadt kampflos übergeben wird.

Was ist unmittelbar vor der Ankunft der amerikanischen Truppen in der Stadt geschehen?

In der Nacht des 20. April überschlugen sich die Ereignisse. Während die Amerikaner immer näher Richtung Backnang vorrückten, sprengte die Wehrmacht gegen 4 Uhr die Brücken in Backnang und richtete dabei mehr Schäden an als die gesamten Luftangriffe in den beiden Jahren zuvor. Verschont blieb einzig die Eisenbahnbrücke über die Stuttgarter Straße, da man die dafür eingeteilten Soldaten in der benachbarten Gaststätte „Sonne“ betrunken gemacht hatte. Die Sulzbacher Brücke wurde nur verhältnismäßig leicht beschädigt, da Mitglieder der Backnanger Widerstandsgruppe die angebrachten Sprengladungen manipuliert hatten. Diesen Übergang nutzten dann die amerikanischen Streitkräfte, um in die Stadt und dann weiter Richtung Stuttgart zu gelangen.

Wie hat man versucht, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass sie in Backnang kein militärischer Widerstand erwarten würde?

Am 20. April um 2 Uhr nachts schickte der Backnanger Widerstand zwei Parlamentäre mit dem Fahrrad los: Sie sollten den Amerikanern entgegenfahren und ihnen mitteilen, dass die Stadt kampflos übergeben würde. Es handelte sich dabei um den Schreiner Fritz Munz und den Kunstmaler Hermann Krimmer. Munz fuhr bei Sulzbach auf eine Mine und verlor sein Leben, während Krimmer die Amerikaner in der Nähe von Bernhalden im Lautertal erreichte und später unbehelligt mit ihnen in Backnang einzog. Durch diese mutige Tat wurde letztlich verhindert, dass Backnang noch kurz vor Kriegsende beschossen oder bombardiert wurde.

Wie haben sich die NS-Funktionäre in der Stadt in dieser Lage verhalten?

Die NSDAP-Kreisleitung und die örtliche Parteispitze hatten Backnang am 20. April gegen 2 Uhr in der Nacht verlassen – „nach gehöriger Stärkung mit Alkohol und unter Mitnahme erheblichen Proviants und Benzin“, wie Bürgermeister Albert Rienhardt nicht ohne Bitterkeit bemerkte. Die lokalen Nazigrößen hatten also auf den von ihnen eigentlich propagierten heroischen Kampf verzichtet und waren schlicht und einfach abgehauen.

Wie ist die Befreiung im Backnanger Umland verlaufen?

Fast alle Ortschaften im Backnanger Umland wurden am 20. April noch vor der Stadt selbst besetzt. Dabei gab es durchaus auch Zerstörungen durch vereinzelten Artilleriebeschuss – vergleicht man das Ganze aber mit Fornsbach oder Kirchenkirnberg, kam man doch relativ glimpflich davon.

Was war nach dem Einzug der Amerikaner noch an Kampfhandlungen in Backnang zu spüren?

Da die Stadt kampflos übergeben worden war und sich kein deutsches Militär mehr in Backnang befand, war der Einzug der Amerikaner eher ruhig vonstatten gegangen. Allerdings schoss am 21. April noch deutsche Artillerie von Hertmannsweiler nach Backnang hinein, was mehrere Zivilopfer forderte. Anschließend blieb es ruhig, von nun an herrschte die Militärregierung in Backnang.

Wie lässt sich das Geschehen in Backnang in den Gesamtverlauf des zu Ende gehenden Kriegs einordnen – welche Bedeutung hatte insbesondere die friedliche Übergabe?

Für Backnang und seine Einwohner war der Krieg mit dem Einmarsch der Amerikaner am 20. April, übrigens Hitlers letztem Geburtstag, quasi vorbei – sieht man von dem Artilleriebeschuss am kommenden Tag ab, der „nur“ noch die südlichen Teile der Stadt betraf. In anderen Teilen von Deutschland sollte das Sterben noch mehrere Wochen weitergehen, etwa in der bis zum 2. Mai dauernden Schlacht um Berlin. Durch die friedliche Übergabe der Stadt blieb Backnang vor weiteren großen Opfern und Zerstörungen verschont und konnte sich auf die Zeit der Besatzung vorbereiten, die schwer genug werden würde.

„Die lokalen Nazigrößen verzichteten auf den propagierten heroischen Kampf. Sie sind schlicht und einfach abgehauen“: Stadtarchivar Trefz bei einem Vortrag. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

„Die lokalen Nazigrößen verzichteten auf den propagierten heroischen Kampf. Sie sind schlicht und einfach abgehauen“: Stadtarchivar Trefz bei einem Vortrag. Archivfoto: E. Layher

Info
Gedenkveranstaltung wird um ein Jahr verschoben

In Westdeutschland dürfen Menschen seit 75 Jahren in (zumindest äußerem) Frieden leben – so lange wie in keinem der letzten Jahrhunderte. Daran gedenken und erinnern, dafür danken und für den Frieden beten, das wollte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) Backnang mit einer Veranstaltung am 8. Mai. Diese wird nun auf Samstag, 8. Mai 2021, verschoben.

Dem Initiator Klaus Herberts ist wichtig, dass die ACK auch in die Stadt hinein wirkt. So hat der ACK-Vorsitzende schon Veranstaltungen zum Gedenken an die Reichspogromnacht 2014 und 2019 angestoßen. Mitstreiter fand er in Kunstlehrer Tobias Dieterle, Politiklehrer Armin Dobler, Rolf Idler (Neuapostolische Kirche), Uli Roock (Biblische Gemeinde), Viktor Petkau (Baptisten) sowie Wilfried Braun und Johannes Koch (evangelische Gesamtkirchengemeinde). Beratend steht Stadtarchivar Trefz zur Seite.

Geplant waren zwei Blöcke. Der erste Teil sollte – und wird 2021 – auf dem Stadtfriedhof stattfinden. Schüler präsentieren Aussagen ihrer Großeltern, wie sie das Kriegsende erlebt haben. Kunstlehrer Tobias Dieterle führte Schüler der Schickhardt-Realschule heran, das Kriegsende in Bildern darzustellen. Diese werden dann ausgestellt. Um 12 Uhr läutet die Glocke der Friedhofkapelle, und Wilfried Braun spricht ein Gebet. Roland Idler führt zu stillen Zeugen des Kriegs auf dem Stadtfriedhof.

Um 18 Uhr, so war geplant, sollten alle Backnanger Glocken läuten, zum Frieden mahnen und zum Beten einladen. Der zweite Teil sollte danach an der Sulzbacher Brücke beginnen. Zeitzeuge Ewald Tränkle sollte erzählen, wie er den Einzug der Amerikaner in Backnang am 20. April erlebte. OB Frank Nopper sollte eine Gedenkrede halten und die Jugendmusikschule die Veranstaltung umrahmen. Daran sollte sich ein Gedenkweg anschließen: zur Christofstraße – Gedenken an die fünf spielenden Kinder, die dort bei einem Tieffliegerangriff umgekommen sind, und an die Parlamentäre Hermann Krimmer und Fritz Munz – und zur Christkönigskirche, wo ein ökumenischer Friedensgottesdienst unter Leitung von Klaus Herberts – Thema: „Friede den Menschen auf Erden“ – geplant war. Zuletzt sollte Friedensmusik für Orgel mit Dekanatskirchenmusiker Reiner Schulte ertönen.

Auch wenn die Veranstaltung verschoben ist, darf heute, am 20. April, und am 8. Mai jeder für sich oder in der häuslichen Gemeinschaft innehalten, dankbar sein und um äußeren und inneren Frieden bitten. Die Glocken laden um 18 Uhr dazu ein.

Der Arbeitskreis Erinnern und Gedenken im Heimat- und Kunstverein hatte in der Friedhofkapelle ebenfalls eine Veranstaltung geplant, die jetzt nicht stattfinden kann.

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Erstellt:
20. April 2020, 06:00 Uhr

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