Die große Chance

Noch sind 13 Partien zu spielen. Aber vor dem Re-Start der Regionalliga gibt es Argumente, die für einen Durchmarsch der Stuttgarter Kickers sprechen.

Kickers-Trainer Mustafa Ünal klatscht mit seinem Kapitän Kevin Dicklhuber ab – reicht’s am Ende zum Sprung in die dritte Liga?

© Baumann/Volker Müller

Kickers-Trainer Mustafa Ünal klatscht mit seinem Kapitän Kevin Dicklhuber ab – reicht’s am Ende zum Sprung in die dritte Liga?

Von Jürgen Frey

Stuttgart - 21 Spieltage sind in der Fußball-Regionalliga vorbei. 13 stehen noch aus. Und die Spieler von Spitzenreiter Stuttgarter Kickers wären schlechte Sportler, wenn nicht jeder einzelne alles versuchen würde, den Platz an der Sonne bis zum Saisonende zu verteidigen. Andererseits müssen sie ein Ziel „Aufstieg“ nicht aktiv nach außen hin proklamieren und so die Erwartungshaltung weiter schüren und den Druck selbst erhöhen. Wenn es den Blauen gelingt, diesen Spagat zwischen Selbstbewusstsein und Demut zu meistern, dann stehen vor dem Re-Start am Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) gegen den TSV Steinbach Haiger die Chancen für einen Durchmarsch in die dritte Liga gar nicht schlecht. Denn dafür gibt es noch weitere Gründe.

Polster Vier Punkte beträgt der Vorsprung des Spitzenreiters Stuttgarter Kickers auf die Zweitplatzierte TSG 1899 Hoffenheim II, sechs Punkte sind es auf den Tabellendritten FC 08 Homburg, bei dem die Blauen am letzten Spieltag am 18. Mai antreten müssen. Jeder weiß, dass nach dieser langen Winterpause die Karten neu gemischt werden, es noch ein langer, steiniger Weg wird und dieser Vorsprung alles andere als ein Ruhekissen ist. Aber er ist nach fast zwei Dritteln der Saison eben auch eine richtig gute Ausgangsposition.

Konkurrenz Es gibt in dieser Regionalliga-Saison eine starke Breite, aber an der Spitze nicht die dominante Mannschaft. In den vergangenen Jahren gestaltete sich dies bei den Aufstiegen des SSV Ulm 1846, der SV Elversberg, des SC Freiburg II, des 1. FC Saarbrücken oder des SV Waldhof Mannheim in den meisten Fällen anders. Auch in der neuen Saison drohen mit den abstiegsgefährdeten Drittligisten SC Freiburg II und vor allem Waldhof hartnäckige Aufstiegskonkurrenten.

Zudem könnten die Kickers Offenbach, der FC 08 Homburg oder der TSV Steinbach Haiger nach der Saison aufrüsten, weshalb es vielleicht auf absehbare Zeit nicht mehr so einfach werden dürfte, in die dritte Liga aufzusteigen wie in dieser Runde. Zwar galten die Stuttgarter Kickers auch schon in der laufenden Saison nicht als typischer Aufsteiger, doch in der Regionalliga-Saison 2024/25 wären sie die Gejagten, jeder hätte sie vom ersten Spieltag an voll auf der Rechnung.

Stabilität Die Mannschaft von Trainer Mustafa Ünal besticht durch ihre Konstanz und ihre defensive Stabilität, die sie auch im letzten Test gegen den Bayern-Regionalliga-Primus Würzburger Kickers (2:0) bestätigte. Elf von 21 Regionalligaspielen konnten die Blauen zu null gestalten, insgesamt kassierten sie nur 14 Gegentore. Torwart Felix Dornebusch strahlt eine enorme Ruhe auf seine Vorderleute aus, die Innenverteidigung ließ wenig anbrennen. Es spricht für die Ausgeglichenheit im Kader, dass selbst der wochenlange Ausfall von Stammkraft Paul Polauke im Abwehrzentrum erfolgreich kompensiert werden konnte. Etwa durch Spieler wie den vielseitig einsetzbaren, gelernten Mittelfeldmann Nico Blank, der zuletzt auch rechts in der Viererkette aushalf.

Mentalität Mannschaftliche Geschlossenheit, Homogenität, Kameradschaft, Charakterstärke, Zusammenhalt – im Team der Kickers sind dies die größten Pluspunkte. Jeder rennt für jeden. Häuptlinge und im gesunden und positiven Sinne teils auch egoistische Spieler wie Kapitän Kevin Dicklhuber ergänzen sich mit mannschaftsdienlichen Arbeitsbienen wie Nico Blank oder Lukas Kiefer.

Allen aus diesem Kreis gemeinsam ist die Erfahrung. Auch Niklas Kolbe, Luigi Campagna, David Braig und nicht zuletzt auch die von Sportdirektor Marc Stein vor der Runde dazu geholten Felix Dornebusch, Christian Mauersberger und Sinan Tekerci haben schon einiges erlebt in ihrer Laufbahn. Genauso Winterneuzugang Dennis De Sousa Oelsner. Kaum vorstellbar, dass diese Ansammlung abgezockter Routiniers auf der Zielgeraden weiche Knie bekommt, nervös wird und mit Druck nicht umgehen kann.

Trainer Seit seinem Amtsantritt in der ersten Mannschaft am 27. September 2021 hat Mustafa Ünal viel bewegt. Marschiert er mit der Mannschaft von der Oberliga in die dritte Liga durch, wäre ihm so etwas wie ein Denkmal unterm Fernsehturm sicher. Neben seiner weiter gestiegenen Reputation käme hinzu, dass ihm die Teilnahme am Lehrgang für die Uefa-Pro-Lizenz (früher DFB-Fußball-Lehrerlizenz) sicher wäre. Sein größter Pluspunkt bleibt, egal, in welcher Liga, der Umgang mit dem Team. Der 40-Jährige pflegt eine klare und direkte Ansprache, er behandelt alle Spieler gleich – unabhängig vom Status.

Fans Im heimischen Gazi-Stadion peitschen im Schnitt 4510 Zuschauer das Ünal-Team nach vorne, das ist der zweitbeste Regionalliga-Südwest-Wert hinter Kickers Offenbach (6361). Auswärts sind die Fans der Blauen gar Spitze – mit 1065 im Schnitt, was allerdings auch am formalen Auswärtsspiel gegen den VfB II auf der Waldau liegt, bei dem 5900 Kickers-Fans im Stadion waren.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Februar 2024, 22:38 Uhr
Aktualisiert:
28. Februar 2024, 21:49 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen