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Die Grünen auf der Welle des Erfolgs

Kreisvorstände van Ofen und Schmidt sagen: Die Jugend war es, die zu dem guten Ergebnis für die Grünen geführt hat

Kreisvorsitzende Christine van Ofen und Schatzmeister Rolf Schmidt. Foto: G. Schneider

© Gaby Schneider

Kreisvorsitzende Christine van Ofen und Schatzmeister Rolf Schmidt. Foto: G. Schneider

Von Martin Winterling

WAIBLINGEN. Von wegen Erfolgsrausch. Nüchtern, sachlich und pragmatisch wollen die Grünen im Rems-Murr-Kreis an die Themen herangehen, für die sie bei den Europa- wie auch bei den Kommunalwahlen gewählt wurden. Bis zu 29 Prozent erzielten grüne Listen bei den Gemeinderatswahlen; im Kreistag sind sie mit fast 18 Prozent drittstärkste Fraktion und in der Regionalversammlung stellen sie die größte Fraktion.

Die Streiks der Schüler „Fridays for Future“, alarmierende Berichte des Weltklimarats, das Artensterben...„Jeder hat erkannt, dass etwas getan werden muss“, sagt Rolf Schmidt. Nicht zuletzt aus diesen Gründen schwimmen die Grünen auf einer Welle des Erfolgs. Der Schatzmeister der Grünen im Rems-Murr-Kreis fühlt sich bestätigt für sein 40-jähriges Engagement bei den Grünen. „So langsam hört man auf uns.“ Und doch bleibt ein gewisses Misstrauen, ob sich nicht so mancher Wähler auf einen Ablasshandel eingelassen hat und mit seiner Stimme das eigene Nichtstun in Sachen Klimaschutz entschuldigt.

„Der YouTuber Rezo hat den Nerv getroffen“

Das gewachsene Interesse am Klima- und Umweltschutz mag das Stimmenplus bei den Europawahlen erklären. Überraschend war für Rolf Schmidt und die Kreisvorsitzende Christine van Ofen, dass die Grünen aber auch in den Städten und Gemeinden, im Kreistag und vor allem in der Regionalversammlung punkten konnten. Für die beiden Vorstandsmitglieder ist es keine Frage, dass es die Jugend war, die zu dem guten Ergebnis für die Grünen geführt hat. Und nicht nur das Video des YouTubers Rezo („Die Zerstörung der CDU“) kurz vor der Wahl. Schon bei der Debatte im Europäischen Parlament über den Urheberschutz im Internet und die Uploadfilter zeichnete sich eine Politisierung der jungen Leute ab, wie sie lange Zeit nicht für möglich gehalten worden sei. Über das Video des Influencers Rezo sagt van Ofen: „Er hat den Nerv getroffen.“ Der Rezo-Effekt zeige sich auch darin, dass Kinder auf ihre Eltern zugehen und politische Fragen stellten.

Bei allen Erfolgsmeldungen für die Grünen: Die Mehrheiten in den kommunalen Gremien haben sie nicht. „Im Kreistag ist man weit von einer progressiven Mehrheit entfernt“, sagt Schmidt und setzt auf Landrat Richard Sigel. „Er hat den Schuss gehört“, vermutet Schmidt, dass Sigel ein Ohr für grüne Themen hat. Sei es in der Flüchtlingspolitik, beim Artensterben oder bei der Wohnungsnot. Gerade die Wohnungspolitik müsse ein Schwerpunkt der kommunalen Arbeit der Grünen werden. Zwischen Rems und Murr fehlten 5000 Wohnungen. Die Kreisbaugruppe könnte allenfalls 500 Wohnungen selbst bauen. „Man braucht die Kommunen“, betonen van Ofen und Schmidt. Ohne Unterstützung der öffentlichen Hand sei sozialer Wohnungsbau nun einmal nicht finanzierbar.

In der Wohnungsnot liege enormer sozialer Sprengstoff. Sie sei ein Thema, das den Menschen ebenso unter den Nägeln brennt wie der Klimaschutz. Dass Familien heute die Hälfte ihres Einkommens für die Miete ausgeben müssen, sei untragbar, sagt Schmidt. Fast mit Wehmut erinnert sich der 68-Jährige, dass er einst als Alleinverdiener seine Familie ernähren und ein Haus bauen konnte. Heute kommen Familien nur mit zwei Verdienern so über die Runden und könnten von eigenen vier Wänden nur träumen. Eine Folge sei, dass Arbeitnehmer immer weitere Strecken zu ihrer Arbeit auf sich nähmen. Das sei nicht nur Vergeudung von Lebenszeit, sondern auch aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll.

Die grüne Welle in der deutschen Politik spüren die Kreisgrünen in ihrer Mitgliederkartei. Fast täglich treten Leute der Partei bei und das nicht nur junge Leute, sagt Christine van Ofen, 38. Sie spüre den „neuen Spirit“. Es seien Leute aller Altersstufen, die Lust zeigten, anzupacken und etwas zu machen. Wie zum Beispiel bei den Gemeinderatswahlen in ihrem Ort mit einer eigenen Liste anzutreten.

Der Wahlerfolg der Grünen Ende Mai ist nicht zuletzt auf Kosten der Sozialdemokraten gegangen, sagt Schmidt. In der Vergangenheit verhielt es sich bei Grün- und SPD-Wählern wie bei kommunizierenden Röhren. Was die SPD verlor, gewannen die Grünen. Angesichts des Debakels für die Sozialdemokratie überkommt den Gewerkschafter Schmidt keinerlei Häme. Im Gegenteil. Der Verschleiß der SPD an Vorsitzenden erinnert Christine van Ofen beinahe an die Rotation der Grünen in ihren Anfangsjahren.

Neuwahlen im Bund, darin sind sich van Ofen und Schmidt einig, dürfe es keine geben. Für die SPD wären sie zum aktuellen Zeitpunkt politischer Selbstmord und auch für die CDU ist ein Urnengang derzeit nicht verlockend. „Die Große Koalition soll ihren Job machen“, fordert Schmidt Union und Sozialdemokraten auf. Der erstarkten AfD im Kreistag gegenüber müssten die Grünen „Haltung zeigen und bei den Fakten bleiben“, sagt Christine van Ofen. Sich auf die Empörungsspiele einzulassen, bringe nichts. Zu provozieren, dann einen Rückzieher zu machen und sich zu Opfern zu stilisieren, das habe Methode. Bei der AfD ebenso wie bei anderen rechtspopulistischen Bewegungen in Europa.

Info
Vorstandswahl 2018

Bündnis 90/Die Grünen haben im Sommer 2018 einen neuen Kreisvorstand gewählt. Mit Brigitte Seiz und Christine van Ofen als Sprecherinnen leiten wieder zwei Frauen den Kreisverband. Rolf Schmidt gehört als Schatzmeister dem geschäftsführenden Vorstand an.

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Erstellt:
7. Juni 2019, 06:00 Uhr

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