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Die Grünen feiern, die Roten sind entsetzt

Öko-Partei ist bei der Europawahl auch im Rems-Murr-Kreis der große Gewinner – SPD stürzt auf 13,5 Prozent ab

Jubel bei den Grünen, Katzenjammer bei CDU und SPD. Die Sieger und Verlierer der Europawahl sind im Rems-Murr-Kreis dieselben wie in ganz Deutschland. Wobei die SPD ihr bundesweites Ergebnis an Rems und Murr sogar noch unterbietet. Die CDU schneidet hingegen etwas besser ab. Erfreulich ist die Wahlbeteiligung: Sie lag mit 65 Prozent deutlich höher als bei der Europawahl vor fünf Jahren (52,9 Prozent).

Jörg Ulver und Manuela Duboc leeren die Wahlurne im Backnanger Rathaus. Der Auszählmarathon startete gestern Abend mit den Stimmzetteln zur Europawahl. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Jörg Ulver und Manuela Duboc leeren die Wahlurne im Backnanger Rathaus. Der Auszählmarathon startete gestern Abend mit den Stimmzetteln zur Europawahl. Foto: J. Fiedler

Von Kornelius Fritz und Christine Schick

BACKNANG/WAIBLINGEN. Im „Wohnzimmer“ herrscht eine entspannt-ausgelassene Stimmung: Etliche Mitglieder von Bündnis 90/Grüne Backnanger Bucht haben sich in der Kneipe getroffen, um den Wahlabend gemeinsam zu verbringen. Auf den Bildschirmen der Kneipe laufen Analysen, Kommentare und Interviews, draußen und drinnen sitzen Grüppchen mit gelösten Mienen, in angeregte Gespräche vertieft. An der Bar bekommen Melanie Lang, Christine van Ofen und Willy Härtner von der Barfrau eine Runde „Sauren“ ausgeschenkt, der durch seine mintgrüne Farbe signalisiert, was hier gefeiert wird. Die drei lassen sich ihr Mix aus Zitronen- und Limettensaft sowie Waldmeister schmecken.

„Das ist ein megagutes Ergebnis“, sagt Grünen-Kreisvorsitzende Christine van Ofen. Die Backnanger Stadträtin Melanie Lang nickt, sie ist gerade erst von einer Theateraufführung dazu gestoßen, Fraktionskollege Willy Härtner spickelt immer mal wieder auf sein Smartphone, auf das er Zwischenergebnisse aus dem Backnanger Rathaus von Parteimitstreitern geschickt bekommt.

Es wirkt fast ein bisschen so, als könnten sie das spektakuläre Abschneiden noch nicht richtig fassen. „Man hat das natürlich geträumt, aber rechnen konnten wir damit ja nicht“, meint Melanie Lang. Selbst wenn die Endergebnisse im Rems-Murr-Kreis nicht ganz die bundesweiten 20,7 erreichen, fühlen sich die Mitglieder bestätigt. „Wir freuen uns einfach“, sagt Willy Härtner. Gleichzeitig wolle man sich nicht über den grünen Klee loben, wie andere, sondern einfach sachliche Politik machen.

Im Backnanger Rathaus verfolgen einige Bürger die Auszählung live auf großen Monitoren. Im Sitzungssaal, wo sonst die Ausschüsse des Gemeinderats tagen, sitzt das Backnanger SPD-Urgestein Heinz Franke und blickt ungläubig auf die Großleinwand, wo der rote Balken seiner Partei bei 14 Prozent hängen bleibt. In manchen Stadtteilen sieht es sogar noch düsterer aus: In Unterschöntal kommen die Genossen gerade noch auf 8,3 Prozent. „In etlichen Wahlbezirken sind die Braunen stärker als die SPD. Das entsetzt mich“, sagt der Stadtrat mit Blick auf das Ergebnis der AfD. „Soziale Politik ist nicht mehr im Trend“, sagt Franke. Grün zu wählen, sei hingegen chic geworden, erst recht nach der Fridays-for-future-Bewegung und der aktuellen Debatte um den Klimaschutz: „Überzeugende Antworten habe ich dazu von den Grünen bis jetzt aber auch noch nicht gehört“, sagt Franke. Auch Ute Ulfert ist enttäuscht: „Ich glaube, es ist keine gute Idee, die Europawahl mit der Kommunalwahl zu verbinden“, sagt die CDU-Fraktionsvorsitzende im Backnanger Gemeinderat. So habe man sich im Wahlkampf vor allem auf die kommunalen Themen konzentriert, Europa sei dabei zu kurz gekommen.

AfD in Backnang überdurchschnittlich

Es dauert bis 23.15 Uhr, bis endlich das vorläufige Endergebnis für den Rems-Murr-Kreis vorliegt. Die Ergebnisse aus Weinstadt und Waiblingen lassen lange auf sich warten. Als sie endlich da sind, zeigt sich: Die SPD ist die große Verliererin dieses Abends. Gerade noch 13,5 Prozent der Wähler haben den Genossen ihre Stimme gegeben, bei der Wahl vor fünf Jahren waren es noch 22,6 Prozent. Auch die CDU geht gerupft aus der Wahl hervor, wenn auch auf höherem Niveau. Von 38,3 Prozent bei der Wahl 2014 stürzt sie auf 30,4 Prozent ab.

Die größten Stimmenzuwächse verbuchen auch im Rems-Murr-Kreis die Grünen: Von 11,3 Prozent vor fünf Jahren verbessern sie sich auf 19,7 Prozent. Auch die FDP kann zulegen: Nachdem sie 2014 dramatisch abgestürzt war und selbst in ihrer einstigen Hochburg nur noch auf 5,1 Prozent kam, holt sie jetzt immerhin wieder 8,4 Prozent. Auch die AfD gewinnt Stimmen und verbessert sich von 10,1 auf 11,5 Prozent.

Das Ergebnis in Backnang unterscheidet sich vom kreisweiten nur marginal. Hier kommt die CDU auf 30,7 Prozent, zweitstärkste Kraft sind auch hier die Grünen mit 19,9 Prozent. Die SPD liegt mit 14,3 Prozent nur noch knapp vor der AfD, die in Backnang mit 13,0 Prozent besser abschneidet als im gesamten Landkreis. Ihr kreisweit bestes Ergebnis fährt die AfD übrigens auch diesmal in Spiegelberg ein. Mit 23,6 Prozent sind sie dort zweitstärkste Kraft, nur knapp hinter der CDU (26,4 Prozent).

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Erstellt:
27. Mai 2019, 06:00 Uhr

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