„Die Herzlichkeit der Sulzbacher überwältigt mich“

Bürgermeisterin Veronika Franco Olias ist seit 100 Tagen im Amt. Die 30-Jährige ist im Rathaus von Sulzbach an der Murr und in der Gemeinde sehr gut „angekommen“ und freut sich über die vielen positiven Rückmeldungen. Die Arbeit geht der Rathauschefin vorerst nicht aus.

Veronika Franco Olias stört sich nicht sehr daran, dass sie nur noch wenig Freizeit hat, da ihre Arbeit ihr Leben ist. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Veronika Franco Olias stört sich nicht sehr daran, dass sie nur noch wenig Freizeit hat, da ihre Arbeit ihr Leben ist. Foto: Alexander Becher

Von Ute Gruber

Sulzbach an der Murr. Im Sulzbacher Rathaus weht seit dem Amtsantritt von Bürgermeisterin Veronika Franco Olias vor 100 Tagen zweifelsohne ein frischer Wind. Am augenscheinlichsten wird dies im Bürgermeisterbüro und im Besprechungsraum: Hier kann man die frische Farbe sogar noch riechen, mit der Wände, Türen und Einbauschränke weiß gestrichen wurden. Unerwartet hell und freundlich ist es daher neuerdings in diesem ehrwürdigen Raum, in dem viele Sulzbacher Paare sich das Jawort gegeben haben; ein luftiger Store gibt den Blick auf den Marktplatz frei – auf dem es bald auch grüner werden soll. Kubische Schallschutzpolster an der Wand muten wie moderne Kunst an und ersetzen in ihrer Funktion den jahrzehntealten dunkelgrünen Teppichboden, der eigentlich einem Vinylboden weichen sollte. „Aber dann kam ein wunderschönes Parkett zutage“, erzählt die neue Rathauschefin, „das haben wir natürlich gelassen und neu versiegelt.“

Gut angekommen sei sie seit ihrem offiziellen Dienstbeginn am 1. Februar. Davor war sie zwar auch schon regelmäßig vor Ort, um die Mitarbeiter und Projekte kennenzulernen, hatte ja aber keine Entscheidungsbefugnis. Gut angekommen und vor allem auch angenommen, und dies nicht nur vom Verwaltungsteam, sondern auch von der Bürgerschaft. „Diese Herzlichkeit überwältigt mich heute noch. Ich spüre eine große Offenheit für Veränderungen und das macht es mir natürlich viel leichter, neue Themen und Ideen einzubringen.“ So wird jetzt etwa ein digitales Ratsinformationssystem eingeführt, durch welches Gemeinderäte und auch Bürger Zugriff auf Tagesordnung, aber auch Sitzungsvorlagen haben. Vorbei sind dann stundenlanges Ausdrucken und Austragen von Papierbergen. Auch die Homepage soll besser strukturiert werden. Die junge Frau ist mit moderner Technik auf dem Laufenden, Neuerungen postet sie nebenbei auf Social Media. „Das Amtsblatt bleibt natürlich auch erhalten, es ist ja nicht jeder digital unterwegs.“

Erstaunlich viele Großprojekte für die relativ kleine Gemeinde

Etwas unterschätzt habe sie im Vorfeld die Fülle an Projekten und damit Terminen, die hier in Sulzbach anstünden. „Ich muss mir tatsächlich eigene Arbeitszeit blockieren, um auch E-Mails beantworten zu können und Ähnliches.“ Die unter den Stauferbergen aufgewachsene 30-Jährige, die mit ihrem Ehemann in Backnang wohnt und nach ihrem Verwaltungsstudium unter anderem schon in Bittenfeld Ortsvorsteherin war, stellt fest: „Für diese kleine Gemeinde sind das erstaunlich viele Großprojekte.“

Da man finanziell und personell an Grenzen stoße, müssten zunächst Prioritäten gesetzt werden. An allererster Stelle stehe aktuell die Ganztagsbetreuung an den Schulen: „Für die Grundschule besteht da ja ab 2026 ein Rechtsanspruch – mindestens acht Stunden an fünf Tagen der Woche.“ Dafür sei man gerade in Abstimmung mit den Schulleitungen und Sozialarbeitern: Wie viel Bedarf besteht? Welche Räumlichkeiten sind vorhanden? Wie macht man das mit dem Mittagessen?

Nach dem Bauhof-Umzug wird eine attraktive, zentrale Fläche frei

An zweiter Stelle stehe das Landessanierungsprogramm, in dessen Rahmen es noch bis April 2028 Fördermittel für Gebäudesanierungen (öffentliche und private) im Ortskern gibt. Am Dienstagabend konnte sie dazu ganz aktuell im Gemeinderat verkünden, dass ein Aufstockungsantrag für das Sanierungsprogramm über eine halbe Million Euro genehmigt wurde.

Vor allem der Umzug des Bauhofs vom alten Farrenstall ins ehemalige Weidner-Fabrikgebäude an der Murr sei dringend, womit dann auch eine attraktive, zentrale Fläche frei werde. Das Rathaus als Arbeitsplatz und Aushängeschild der Gemeinde soll zügig attraktiver gestaltet werden, ebenso wie an einer Lösung für das benachbarte Gasthaus Ochsen gearbeitet werde.

Die Pflicht zur zeitnahen Unterbringung von Flüchtlingen ist eine Herausforderung

Als drittes Projekt soll ein digitales Kommunikationssystem für die Kindergärten eingerichtet werden – Anmeldungen, Mitteilungen oder Elternbriefe laufen dann via Internet und werden automatisch verarbeitet. Darüber hinaus gebe es auch Themen, die sie sich nicht selbst ausgesucht habe, wie die Pflicht zur zeitnahen Unterbringung von Geflüchteten, die vom Landratsamt angemahnt wurde (wir berichteten).

Dankbar ist sie ob der vielen Aufgaben für die bei der Amtsübernahme vorgefundenen Mitarbeiter: „Das ist echt ein engagiertes Team, die kommen notfalls auch mal am Wochenende.“ Da dies natürlich keine Dauerlösung sei, arbeite man daran, Arbeitsabläufe effizienter aufzustellen. Dass auch sie selbst wenig Freizeit hat, stört sie nicht, da ihre Arbeit ihr Leben ist.

Weitere Themen

Auch den Gemeinderat lobt sie in höchsten Tönen: „Da wird sehr sachlich diskutiert, da gibt es keine politischen Grabenkämpfe oder Selbstdarstellungen.“ Das hatte sie anderswo auch schon ganz anders erlebt. „Die Leute sind wirklich an der besten Lösung für ihre Gemeinde interessiert.“

Für ihre Sitzungsleitung erntet die neue Bürgermeisterin Lob vom Gemeinderat

Das Lob kommt aus dem ehrenamtlichen Gremium prompt zurück: „Frau Franco Olias macht das prima als Sitzungsleiterin. Jeder sagt ausführlich seine Meinung, dann wird abgestimmt und zum nächsten Tagesordnungspunkt übergegangen.“ Keine ermüdend fruchtlosen Diskussionen bis Mitternacht, wie das anscheinend andernorts vorkommt.

Vielleicht ist dies neben den vielen spannenden Projekten auch der Grund für das große Interesse an der anstehenden Kommunalwahl. „Die Sulzbacher können sich glücklich schätzen, dass sie so eine große Auswahl an Kandidaten haben“, stellt die Bürgermeisterin fest, „und zwar aus allen Alters- und Berufsgruppen.“

Einmal im Monat gibt es ein formloses „Schwätzle mit der Bürgermeisterin“

Für die Sulzbacher Bürger gibt es jetzt auch deutlich mehr Möglichkeiten zur Teilhabe: Die Themenliste im öffentlichen Teil der Gemeinderatssitzungen ist deutlich länger und immer gibt es den Tagesordnungspunkt Bürgerfragen. Einmal im Monat gibt es ein formloses „Schwätzle mit der Bürgermeisterin“ in einer Sulzbacher Wirtschaft. Der nächste Termin ist am Donnerstag, 16. Mai, um 18 Uhr im Gasthof Zur Eisenbahn.

Im Treppenhaus des Amtssitzes trifft man jedenfalls auf strahlende Gesichter: „Es ist so erfrischend nach der langen Durststrecke mit nur sporadisch anwesendem Bürgermeister“, meint eine Mitarbeiterin, auch wenn die Umstellungen aktuell noch mit Mehrarbeit verbunden seien.

Nicht alles war aber eitel Sonnenschein in diesen 100 Tagen, denn vor gerade einmal einem Monat kam ein jüngerer Forstarbeiter der Gemeinde bei einem tragischen Arbeitsunfall ums Leben. „Der Schock sitzt uns allen noch in den Knochen“, erzählt Veronika Franco Olias. Ihre bewegende Ansprache für den beliebten Mitarbeiter hätte sie sicher lieber zu einem anderen Anlass gehalten als zu dessen Beerdigung.

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Erstellt:
10. Mai 2024, 06:00 Uhr

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