Alice Biehrer wagt den Sprung
Die Karriere bei Mercedes gegen das Familienunternehmen eingetauscht
Alice Biehrer beendet Mitte 20 ihre Karriere bei Mercedes und wechselt in den Handwerksbetrieb ihres Vaters. Der reagierte anfangs ungläubig. Mittlerweile ist sie Co-Geschäftsführerin.
© Biehrer
Alice Biehrer ist glücklich darüber, im heimischen Betrieb zu arbeiten.
Von Veronika Kanzler
„Ich glaube, du spinnst.“ So reagiert Anton Biehrer, als seine Tochter Alice ihm eröffnet, dass sie mit Mitte 20 ihre Karriere bei Mercedes aufgeben und in den Familienbetrieb einsteigen will. Der Vater ist stolz auf ihren bisherigen Weg im Konzern. Und er kennt die Fallstricke der Selbstständigkeit: Kein Sicherheitsnetz, Entscheidungen mit echtem Risiko, Verantwortung für Mitarbeiter. Seine spontane Reaktion entspringt seiner väterlichen Sorge.
Das Gespräch liegt mehr als fünf Jahre zurück. Heute ist Alice Biehrer 31 Jahre alt und Co-Geschäftsführerin des Unternehmens, das Anton Biehrers Vater 1960 im kleinen Ort Sexau im Schwarzwald gegründet hat. Die Firma hat sich mittlerweile weltweit einen Namen gemacht. Biehrer versteht sich als Boutique-Hersteller für maßgefertigte Bodendielen und Interior-Elemente aus Holz. Die Kundschaft ist durchaus exklusiv, Namen bleiben vertraulich – in dieser Branche gehört Diskretion zum Geschäft.
Von Stuttgart nach Sexau
Alice Biehrer macht schnell Karriere bei Mercedes-Benz und ist mit Mitte 20 Executive Assistant auf Direktorenebene im Bereich Digital Service Experience. Sie moderiert Workshops, begleitet Reorganisationen, koordiniert Projekte und wirkt an der strategischen Ausrichtung einer der größten Automobilhersteller der Welt mit. Ihr Marketingstudium kommt ihr zugute – die Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich zu kommunizieren, prägt ihre Arbeit. „Ich war sehr glücklich im Konzern, hatte großartige Chefs, Kolleginnen und Kollegen“, erzählt sie. Viele dieser Freundschaften bestehen bis heute.
Neuanfang war „keine Entscheidung gegen Mercedes“
„Es war keine Entscheidung gegen Mercedes“, sagt Alice. Der Entschluss reifte eines Nachts Ende 2019 – ein Bauchgefühl: Das ist es, ich will das. Ganz neu war der Gedanke nicht. Alice und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Marcel sind einen Steinwurf vom Firmengelände aufgewachsen. Der Betrieb war „schon immer wie ein Familienmitglied bei uns“.
Alice spricht zunächst mit Marcel. „Ich wollte nicht, dass er vor vollendete Tatsachen gestellt wird.“ Als klar ist, dass auch er sich den Schritt vorstellen kann, sagen sie es den Eltern. Die Geschwister schließen einen Pakt: Den Betrieb wollen sie langfristig weiterführen – aber nicht um jeden Preis. „Wenn wir jemals an den Punkt kommen, dass die Familie leidet, geht einer von uns wieder raus. Im Sinne der Firma und der Familie.“
Keine Schreinerlehre – dafür Ausbildung beim Vater
Damals studiert Marcel noch Wirtschaftsingenieurwesen. Es folgt ein Master in Produktionstechnik und Management sowie ein Job bei einem größeren Unternehmen in der Region. Seit Januar 2025 arbeitet auch er im Familienbetrieb – und zunächst sind die Schwester und der Vater seine Chefs. Auch Alice ist nicht sofort als Co-Geschäftsführerin eingestiegen.
„Ich wollte nicht wie eine Unternehmensberaterin reinkommen und alles über den Haufen werfen“, sagt Alice. Ihr sei es wichtig gewesen, erst den Betrieb zu verstehen und mitzuarbeiten. Zusätzlich wäre sie bereit gewesen, eine Schreinerlehre zu machen. Doch der Vater winkte ab – nicht, weil Praxis unwichtig wäre. Sondern weil vieles, was die Firma Biehrer anbietet, so speziell sei, dass es in Lehrbüchern gar nicht zu finden ist. „Deshalb kamen wir zu dem Schluss, dass ich am sinnvollsten direkt von meinem Vater lerne“, erzählt die 31-Jährige.
Der Tochter als Kollegin begegnen
Doch das Handwerk zu verstehen war nur der erste Schritt – die größere Herausforderung lag in der neuen Rolle im Team. Die Zusammenarbeit war kein Wechsel per Beschluss, sondern ein langer Weg. „Wir mussten als Vater und Tochter erst ein Team werden – vom Chef-Mitarbeiter-Modus hin zu Kollegen“, sagt Alice. „Das ist ein Prozess, der dauert Jahre.“ Anton ergänzt: „Man denkt, eine eingespielte Beziehung geht einfach so weiter. Und plötzlich wird aus der Tochter die Kollegin. Da wurde mir bewusst: Jetzt muss ich ihr auch als Kollege begegnen.“ Alice lächelt: „In einem Familienbetrieb gibt es unterschiedliche Perspektiven – da kracht es logischerweise auch mal. Mittlerweile können wir richtig gut in der Sache diskutieren.“ Heute sehen sie das als Stärke: „Zwei Generationen, zwei Perspektiven – und am Ende kommt immer etwas Besseres raus. Die Magie liegt genau dazwischen.“
Und trotzdem bleibt für Anton Biehrer klar: „Wir sind in erster Linie Eltern und erst in zweiter Linie Unternehmer.“ Seine Frau ist der Ruhepol im Familienbetrieb: „Sie ist die gute Seele – wir sind nur die Aushängeschilder.“ Nach dreieinhalb Jahren richtet Alice ihren Fokus auf ihr Spezialgebiet: das Marketing. Dort verbindet sie die Werkstatt mit der Außenwelt. Während ihr Vater hauptsächlich auf Mundpropaganda setzte, will Alice Handwerk erlebbar machen. Als 2021 eine 230 Jahre alte Eiche mit 15,4 Metern Länge und 1,6 Metern Durchmesser nach einem Sturm fällt, erkennt sie das Potenzial dieser Geschichte. Sie organisiert ein Kamerateam, das die Reise des Stamms begleitet – von der ersten Besichtigung des gefallenen Baums, aus dem das Unternehmen die flächenmäßig größte Diele der Welt herausgearbeitet hat.
Werkshalle im industrial chic
„So etwas hat es vor sechs Jahren nicht gegeben. Uns fehlten Wissen, Geschick und die Quirligkeit, so etwas überhaupt anzugehen“, lobt Anton Biehrer seine Tochter. Die Premiere des Films „Grenzgänger“ findet an einem novemberkalten Tag mitten in der Werkshalle statt: morgens noch Industrie, abends industrial chic. Mit dabei sind Geschäftspartner, Kunden und Wegbegleiter der Familie. Auch die Gäste spiegeln die beiden Generationen des Betriebs wider. Am Stehtisch berichten zwei Frauen von ihren Begegnungen mit den Biehrers: Die eine kommt aus dem Nachbarort, hat ewig nach dem „perfekten Boden“ gesucht, ist dafür sogar nach Österreich gefahren. Doch es war nie so recht das Passende, das Besondere dabei. Auf Empfehlung einer Freundin wurde sie ausgerechnet nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause fündig – bei der Firma Biehrer. Die jüngere Frau hat einen deutlich längeren Weg auf sich genommen und ist für die Filmpremiere extra von Stuttgart in den Schwarzwald gefahren. Sie kennt Alice aus dem Internet und verfolgt seit geraumer Zeit ihren Weg – und findet diesen inspirierend.
Viele mittelständische Unternehmen finden keine Nachfolge
Während in Deutschland laut der Förderbank KfW jedes vierte mittelständische Unternehmen vor dem Aus steht, weil die Nachfolge fehlt, haben Alice und Marcel Biehrer eine bewusste Entscheidung getroffen. Obwohl Anton Biehrer seinen Satz von damals heute wiederholen würde, ist er umso glücklicher, dass er Alice nicht davon abhielt, in den Betrieb einzusteigen. „Ich bin beeindruckt, wie schnell ihr in der Kürze der Zeit Wissen aufgenommen habt – ich habe länger gebraucht“, sagt Anton Biehrer an die Adresse seiner Kinder. Wann er selbst ausscheiden will, ist noch unklar. Für Alice steht jedenfalls fest, dass ihr Vater so lange einen Platz der Firma hat, bis er selbst entscheidet zu gehen.
