Die Konfirmandenarbeit hat sich sehr verändert

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Konfirmandenarbeit stark verändert. Beispiele aus der Region zeigen, dass der Unterricht längst nicht mehr als reine Unterweisung mit Auswendiglernen gesehen wird.

Die Jugendlichen der Matthäuskirche singen beispielsweise auch beim interaktiven Konfirmandenunterricht. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Die Jugendlichen der Matthäuskirche singen beispielsweise auch beim interaktiven Konfirmandenunterricht. Foto: Alexander Becher

Von Uta Rohrmann

Rems-Murr. Es ist viel mehr als ein schönes Fest an der Schwelle zum Erwachsenwerden. „70 Prozent der evangelischen Erwachsenen in Deutschland sagen, dass ihre Haltung zu Kirche und Glaube wesentlich durch die Konfirmandenzeit geprägt wurde“, weiß Steffen Kaltenbach, Beauftragter für Konfirmandenarbeit im Kirchenbezirk Backnang. 84 Prozent der Getauften ließen sich auch konfirmieren. Wobei der Anteil noch nicht getaufter Jugendlicher steige, für die die Konfizeit gleichzeitig auch eine Taufvorbereitung sei, erklärt der Pfarrer von Fornsbach-Kirchenkirnberg, der zwischen 2004 und 2023 Mitglied im Beirat der landeskirchlichen Konfirmandenarbeit war.

Gläubige feierten im vergangenen Jahr das 300-jährige Bestehen der Konfirmation in Württemberg. Im April 1723 bekannten erstmals junge Menschen feierlich ihren Glauben vor der Gemeinde. Damit waren sie zum Abendmahl zugelassen und durften das Patenamt für Täuflinge übernehmen. Landesweit etablierte sich die Konfirmation unter dem Einfluss des Pietismus – jener zweiten großen Reformbewegung in der evangelischen Kirche nach der Reformation, die bis heute Wert auf eine eigene Entscheidung zum Glauben und persönliche Frömmigkeit legt.

Wenn Steffen Kaltenbach anlässlich einer goldenen Konfirmation mit Männern und Frauen spricht, bei denen das kirchliche Fest 50 Jahre zurückliegt, dann ist da oft eine positive Atmosphäre in Erinnerung geblieben – auch damals gehörten schon Ausflüge oder ein Konfirmandenwochenende dazu. Allerdings sei das Aufsagen auswendig gelernter Texte aus dem Katechismus der Reformatoren Martin Luther und Johannes Brenz vor Pfarrer und Gemeinde oft angstbesetzt gewesen, so der 63-Jährige. Obwohl bereits die 70er-Jahre einen Modernisierungsschub brachten – weg von weitgehend ausschließlicher Unterweisung hin zu mehr Gespräch.

Mit der neuen landeskirchlichen Rahmenordnung zur Konfirmandenarbeit im Jahr 2000 wurde den Veränderungsprozessen entsprochen. Theologen haben darin ihren Perspektivwechsel festgehalten: „Wir fragen heute, was die Jugendlichen brauchen, was sie interessiert, und nehmen sie ernst in dem, was sie bereits mitbringen an Glauben. Das kann man dann vertiefen und auch über Zweifel und Unsicherheiten ins Gespräch kommen“, so Kaltenbach. „Theologisieren“ nennt sich die Gesprächsmethode, die nicht mehr belehrt und bei denen auch Leitende Lernende in gemeinsamen Frage- und Erkenntnisprozessen sind. Zudem werde stärker nach der Lebensrelevanz gefragt. „Ich erzähle dann zum Beispiel, wie das Vaterunser oder Psalm 23 eine Hilfe sein können, um den Opa beim Sterben zu begleiten“, sagt der Pfarrer.

Steffen Kaltenbach, Pfarrer von Fornsbach-Kirchenkirnberg: „Wir fragen heute, was die Jugendlichen brauchen, was sie interessiert, und nehmen sie ernst in dem, was sie bereits mitbringen an Glauben.“

© Jörg Fiedler

Steffen Kaltenbach, Pfarrer von Fornsbach-Kirchenkirnberg: „Wir fragen heute, was die Jugendlichen brauchen, was sie interessiert, und nehmen sie ernst in dem, was sie bereits mitbringen an Glauben.“

Die Jugendlichen gestalten die Gottesdienste selbst mit

Auswendig lernen brauchen die Konfis in Fornsbach-Kirchenkirnberg nur noch das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser – und auch das wird nicht abgefragt, sondern gemeinsam als Gruppe und mit der Gemeinde im Konfirmationsgottesdienst gesprochen. Auch der wird von den Jugendlichen mitgestaltet – das ist in der novellierten landeskirchlichen Rahmenordnung von 2018 festgehalten. „Ich frage: Welches Thema interessiert euch? Und dann stricken wir gemeinsam daran: Welche Bibeltexte passen dazu? Was bedeutet das für unser Leben? Bereiten wir ein Anspiel vor oder eine Fotostory?“

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Zunehmende Bedeutung gewinnt erlebnisorientierte Konfiarbeit: klettern gehen, gehalten werden, vertrauen. In einer Höhle Beklemmung und Befreiung erfahren. Einen Friedhof oder Bestatter besuchen. Verschiedene Gebetshaltungen ausprobieren. Nach „Kirche in der Stadt“ suchen, so wie es die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Matthäusgemeinde tun, und in Backnang die Vielfalt von Kirchengebäuden, diakonischen Einrichtungen, biblisch inspirierter Kunst und mehr entdecken. Oder am Konfisamstag mit dem Rad unterwegs sein und die eigene und die Nachbarkirche zu inspizieren: in Ober- und Unterbrüden, in Unterweissach.

Etwa die Hälfte der Jugendlichen findet Gottesdienste langweilig. Und: Je häufiger sie während der Konfizeit gezwungenermaßen hingehen, desto seltener besuchen sie danach freiwillig die Kirche. Das gehört zu den Ergebnissen soziologischer Studien zur Konfiarbeit, die die württembergische evangelische Kirche in Auftrag gegeben hat. Pfarrer Steffen Kaltenbach setzt daher auf Gottesdienste, die alle sechs Wochen von den Teenagern für die Gemeinde vorbereitet werden – dazwischen sei der Gottesdienstbesuch freiwillig. Allerdings räumt er ein, dass damit kaum ein Plus beim Kirchenbesuch zu verzeichnen sei.

„Wir helfen den Jugendlichen, sich im Gottesdienst zurechtzufinden“

Für die Teens in der Backnanger Matthäusgemeinde sind 14 Gottesdienstbesuche vorgegeben, die auf einem klassischen Unterschriftskärtchen bestätigt werden, erklärt Pfarrerin Tamara Götz. Unterschreiben könnten aber nicht nur sie und ihr Pfarrkollege Tobias Weimer, sondern auch am Gottesdienst beteiligte Laien. „Das schafft kleine positive Begegnungen“, so die 42-Jährige. „Wir helfen den Jugendlichen, sich im Gottesdienst zurechtzufinden, indem wir am Konfinachmittag Verbindungen aufbauen, zum Beispiel durch ein Lied“, so die Pfarrerin, für die die gemeinsame Arbeit mit ihrem Kollegen und allen 23 Matthäus-Konfis ein Plus ist. Bereits seit der Erprobungsphase vor etwa 15 Jahren nimmt die Gemeinde außerdem an Konfi 3 teil – in Anlehnung an die katholische Kommunion werden Kinder bereits in der 3. Klasse grundlegend mit Kirche, Taufe und Abendmahl vertraut gemacht; die Konfizeit während des 8. Schuljahrs wird entsprechend verkürzt. Auswendig gelernt wird an der Matthäuskirche mehr als in Fornsbach-Kirchenkirnberg und weniger als in Oberbrüden-Unterbrüden.

Der dortige Pfarrer, Dietmar Schuster, findet es wichtig, dass die Grundtexte des Glaubens abrufbar sind – knapp zwei DIN-A4-Seiten, die im Lauf des Jahres gelernt werden sollen und gemeinsam gesprochen, aber nicht einzeln abgefragt werden. Und dass die zeitlosen Worte später wieder vorkommen und im Leben tragen, vielleicht auch in Verbindung mit den Spielen und erlebnispädagogischen Elementen. Zu den 20 zu besuchenden Gottesdiensten zählen alle Formate, beispielsweise auch eigene und auswärtige Jugendgottesdienste, Beerdigungen oder Hochzeiten. „Wenn man das nicht fördert, hat man nichts erreicht. Ziel ist auch, die eigene Gottesdienstform zu finden“, so Schuster.

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Erstellt:
19. April 2024, 11:00 Uhr

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