Die nächsten Zerreißproben für die VfB-Abwehrkette
Die Stuttgarter verlieren in München an Stabilität und stürzen ab. Doch das Team scheint gefestigt genug für die kommenden Aufgaben.
Von Carlos Ubina
Carlos Ubina Stuttgart - Die Überzeugung hat gestimmt – und die Statistik. Vor dem Spiel. Doch beim Versuch, den Südgipfel in München mutig zu erklimmen, ist der VfB Stuttgart abgestürzt. Innerhalb weniger Minuten zerbröselten die starken Zahlen in der Allianz-Arena. Durch einen FC Bayern, der seine Übermacht in der Fußball-Bundesliga demonstrierte. Der Rekordmeister kann jede Abwehrkette eines nationalen Rivalen auseinandernehmen, wenn ihm danach ist. Die bislang 109 erzielten Tore sind der Beweis dafür. Diese Klasse hat auch der VfB zu spüren bekommen, der als Mannschaft mit der besten Rückrunden-Defensive über die A 8 zur Begegnung mit der Elf von Vincent Kompany gefahren war. 13 Gegentore hatten die Stuttgarter bis dahin nur zugelassen. Und im Teambus saßen vier der besten zehn Zweikämpfer aus der Bundesliga: Ramon Hendriks (69,3 Prozent gewonnene Zweikämpfe/Platz zwei), Atakan Karazor (66,0/Platz sechs), Jeff Chabot (65,9/Platz sieben) und Maximilian Mittelstädt (65,0/Platz neun). Nun überzeugen die Quoten immer noch. Doch der Eindruck nach der 2:4-Niederlage ist ein anderer. Die Stuttgarter Abwehr verlor nach einer halben Stunde komplett an Stabilität. Von rechts nach links, von Josha Vagnoman über Finn Jeltsch und Jeff Chabot zu Ramon Hendriks. Es gab kein Halten mehr. Auch die schwäbische Doppelsechs davor bot keinen Schutz. Jamal Musiala und Co. wirbelten durch die weiß-roten Reihen – und die Gäste ließen trotz der 1:0-Führung durch Chris Führich jegliche Sicherheit vermissen. Gut zu sehen an Jeltsch. Der Innenverteidiger spielte bei den ersten beiden Bayern-Toren eine unrühmliche Rolle. Zunächst im Verbund mit Bilal El Khannouss, kurz darauf durch einen Fehlpass. Schon schlugen Raphael Guerreiro und Nicolas Jackson mit ihren Toren zu (32./33.). Zur Halbzeit wurde Jeltsch ausgewechselt – mit Hüftproblemen, aber wohl auch um den 19-Jährigen zu schützen. „Das sind Fehler, die du in München nicht machen darfst“, sagt Sebastian Hoeneß. Der Plan des Trainers war hinfällig, da Alphonso Davies gleich nachlegte (37.). Alles Spieler, die beim alten und neuen Meister nicht zur ersten Garde zählen. Der Qualitätsunterschied ist in Summe aber immer noch so deutlich, dass sie die Gegner das Fürchten lehren. Dennoch muss man in seiner Einschätzung realistisch bleiben. Der FC Bayern ist der Bundesliga sportlich wie finanziell weit entwachsen. Er ist nicht nur das Maß der Dinge in Deutschland, sondern er steht weit über den Dingen. Der VfB gehört zum ambitionierten Feld dahinter. Beim Rennen „best of the rest“ zählen die Stuttgarter zu den vorderen Teams und spielen weiter um die Champions-League-Ränge. Für den Tabellenvierten wird das bis zum Schluss eine enge Sache. „Deshalb ging es am Ende auch um Schadensbegrenzung“, sagt Hoeneß. Das Torverhältnis sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden, es kann noch wichtig werden. Nach dem Treffer des eingewechselten Harry Kane (52.) betrieb Chema mit seinem Traumtor per Außenrist-Dropkick (88.) zum einen Ergebniskosmetik und zum anderen Selbstvergewisserung. „Wir haben weitergekämpft und sind nicht auseinandergefallen“, sagt Hoeneß. Dennoch steht die VfB-Abwehr in den kommenden Partien vor erneuten Zerreißproben. Angefangen mit dem Halbfinale im DFB-Pokal gegen den SC Freiburg am Donnerstag (20.45 Uhr/ARD). Danach geht es in der Liga noch gegen Werder Bremen, die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt. Allesamt Gegner, die sich wieder auf Augenhöhe bewegen. Sofern die Stuttgarter schnell zu ihren Stärken zurückfinden. Hoeneß mag sich aus diesem Grund nicht zu lange mit der Begegnung in seiner Geburtsstadt beschäftigen. „Mund abputzen und weitermachen“, sagt der Trainer. Doch ein Kollaps war es schon – und der VfB will seine Lehren daraus ziehen. Anschauungsmaterial dafür hat er nicht nur erhalten, sondern selbst erfahren. „Mehr Galligkeit, mehr Power, mehr Gier“, fasst Fabian Wohlgemuth zusammen, was es nach der Niederlage braucht. Der Sportvorstand verweist dabei auf die Münchner Mentalität: „Das sind alles Komponenten, die die Bayern schon die ganze Saison über auszeichnen.“ Anlass vor dem Endspurt am großen Ganzen zu zweifeln, gibt es beim VfB durch die Enttäuschung beim Südgipfel aber nicht. Das Mannschaftsgebilde ist gefestigt und das nächste Ziel des Pokalsiegers liegt klar vor Augen: das Landesduell mit den Freiburgern um den Einzug in das Pokalfinale in Berlin. Dort könnte allerdings erneut der übermächtige FC Bayern warten.
