Die neue Tribüne ist feierlich eingeweiht

Zigmal seit der Einweihung 1933 wurde das Stadion verändert. Nun ist die Haupttribüne der MHP-Arena modernisiert worden und offiziell in Betrieb.

Die neue Haupttribüne ist am Samstag beim VfB-Spiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals richtig in Betrieb.

© Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Die neue Haupttribüne ist am Samstag beim VfB-Spiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals richtig in Betrieb.

Von Frank Rothfuss

Stuttgart - Der Zahn der Zeit nagt nicht nur an Opernhäusern, auch die Anforderungen an ein Stadion wandeln sich. So hat die MHP-Arena im Laufe der vergangenen 91 Jahre nicht nur immer wieder ihren Namen, sondern auch ihr Gesicht verändert.

Adolf-Hitler-Kampfbahn, Neckarstadion, Gottlieb-Daimler-Stadion, Mercedes-Benz-Arena, nun die MHP-Arena, die Namen sagen immer wieder auch etwas über ihre Zeit aus. Ohne Geld kein moderner Fußball, wer zahlt, schafft an und will sich auch verewigt wissen. Wichtigster Geldgeber für den aktuellen Umbau ist aber wieder mal der Steuerzahler. 140 Millionen Euro kostet jener statt ursprünglich veranschlagter 65 Millionen Euro. Auch der Zeitplan geriet aus den Fugen, eigentlich wollte man vor einem halben Jahr fertig sein. Beim Spiel am Samstag gegen Eintracht Frankfurt war’s so weit: Die Tribüne wurde eingeweiht. Wenn auch auf den allerletzten Drücker, hinten liefen die Bauarbeiter raus, vorne die Ehrengäste rein.

140 Millionen Euro also. 80 Millionen Euro trägt die Stadt, 60 Millionen Euro der VfB, respektive die Stadiongesellschaft. Für OB Frank Nopper war der Umbau „dennoch richtig und wichtig“, nicht nur im Hinblick auf die EM in diesem Jahr. „Stuttgart hat jetzt das modernste Stadion Europas“, ist er sich sicher. Auch der Vorstandsvorsitzende des VfB, Alexander Wehrle, betonte, dass es sinnvoll gewesen sei, in die Zukunft zu investieren, statt nur zu sanieren.

Neu im Bauch der Haupttribüne sind die Kabinen für Mannschaften und Schiedsrichter, Küchen und Räume für die Gäste, die besonders viel für ihre Karten zahlen. Bis zu 1300 Euro kostet etwa ein Platz pro Spiel im sogenannten Tunnelclub, da kann man die Spieler durch Glas auf dem Weg aufs Spielfeld beobachten. Diese Räume nutzt man bei Bundesliga- und Pokalspielen maximal 25-mal im Jahr. Deshalb will und muss man andere Veranstaltungen anlocken: Firmentreffen, Messen, Fortbildungen, Tagungen. In der neuen Haupttribüne könne man durch die Aufteilung der Räume bis zu neun Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden lassen.

Bis zu 1000 solcher Veranstaltungen möchte man im Jahr eine Heimat bieten, sagt VfB-Finanzvorstand Rouven Kasper, darunter auch 5 bis 6 Konzerte im Jahr. Oder Comedy. Nächstes Jahr will Teddy Teclebrhan die MHP-Arena zweimal füllen. Einen höheren einstelligen Millionenbetrag nimmt der VfB je Heimspiel alleine über die neue Tribüne ein, sagt Kasper. Trotz der gestiegenen Kosten gehe die Kalkulation für den VfB auf: „Wir verdienen Geld!“ Was Sinn und Zweck des Umbaus war.

Die Eigentümerin des Stadions ist seit dem Umbau in eine reine Fußballarena im Jahr 2009 nicht mehr die Stadt, sondern die Stadion Neckarpark GmbH. An dieser sind die Stadt Stuttgart mit 60 Prozent und der VfB mit 40 Prozent beteiligt. Die Stadiongesellschaft gibt mittels Kredit 36,25 Millionen Euro, die sie sich von der Stadt leiht und von 2024 an in sechs Jahresraten zurückbezahlen muss, und der VfB 24,75 Millionen Euro. Diesen Anteil hat die Stadt dem VfB vorgestreckt. Der VfB zahlt dies mit jährlichen Tranchen von drei Millionen Euro zurück. Zudem zahlt der VfB künftig sieben Millionen Euro fixe Pacht an die Gesellschaft. Dazu kommt eine variable Pacht, die an die Zuschauerzahlen geknüpft ist; 7,5 Prozent bei Bundesliga-Spielen, in der Champions League wären es 10 Prozent. Mit der Pacht wird der jährliche Erbbauzins fürs Grundstück an die Stadt in Höhe von 800  000 Euro bezahlt und der Kapitaldienst für das Stadiondarlehen.

Das Konstrukt ist nicht einfach zu durchschauen, und die schiere Summe von 140 Millionen ließ Stimmen laut werden, warum man denn überhaupt die Tribüne umbauen müsse, dafür könne man ja neu bauen. Dies hat auch Eberhard Becker von den ASP-Architekten erreicht. Er betont: „Für ein Stadion mit diesem Standard muss man das Zehnfache rechnen.“ Und dennoch, die 1974 gebaute Haupttribüne hat ihm Kopfzerbrechen bereitet. Die Baupläne stimmten nicht, die Fundamente standen statt tief im Neckarkies auf dem Boden. In bergmännischer Bauweise musste man sie ergänzen, was dauerte, was den Zeitplan verschob, was Arbeit fast rund um die Uhr bedeutete und damit die Kosten verdoppelte. Denn fertig werden musste es, die EM lässt sich ja nicht verschieben. Nun ist es eine Punktlandung geworden. Das Stadion ist bereit für neue Aufgaben. Was man vom Opernhaus immer noch nicht sagen kann.

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Erstellt:
14. April 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
15. April 2024, 21:51 Uhr

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