Die Osteuropa-Meisterschaft

Der Osten dominiert nicht nur beim Porsche Grand Prix in Stuttgart die Tenniswelt – und daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern.

„Wir sind Kämpferinnen“: Aryna Sabalenkaaus Belarus
         Foto: IMAGO/Michael Weber

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„Wir sind Kämpferinnen“: Aryna Sabalenkaaus Belarus Foto: IMAGO/Michael Weber

Von Gregor Preiß

Stuttgart - Wer sich in den Tagen des Porsche Tennis Grand Prix ein wenig auf den Trainingsplätzen umsieht und umhört, versteht oft nur Bahnhof. Slawische Sprachen dominieren, ob nun Russisch, Tschechisch oder Polnisch. Spielerinnen aus Osteuropa samt ihres Trainer- und Betreuerstabs geben beim Stuttgarter Turnier den Ton an – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die seit Jahren vorherrschende Dominanz der Osteuropäerinnen spiegelt sich auch im Tableau der 47. Auflage des Tennisklassikers in der Porsche-Arena wider. 16 der 28 Hauptfeldstarterinnen stammen aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Kroatien, Rumänien, Kasachstan, Lettland, der Ukraine sowie Russland und Belarus. Letztgenannte dürfen aufgrund des russischen Angriffskriegs nicht unter ihrer Nationalflagge antreten. Formal sind sie als Staatenlose auf der Tour unterwegs – de facto wurden sie von Jugend an auf ähnliche Weise in ihrem Sport sozialisiert.

So wie Aryna Sabalenka. Die Weltranglistenzweite zählt seit Jahren zu den dominantesten Spielerinnen auf der Tour. Zuletzt stand sie in Stuttgart dreimal in Folge im Finale. Ihre Karriereanfänge gehen bis zu ihrem sechsten Lebensjahr zurück, als sie mit ihrem Vater – einem früheren Eishockeyprofi – in ihrer Heimatstadt Minsk eher zufällig auf Tennis stieß. Seither steckt sie in der Mühle drin und feierte beachtliche Erfolge, zuletzt mit ihrem Triumph bei den Australian Open. Die Antwort auf die Frage nach der osteuropäischen Dominanz im Frauentennis führt Sabalenka in den Tagen von Stuttgart auf die vorherrschende Mentalität zurück: „Viele von uns sind unter harten Bedingungen groß geworden“, erzählt sie. „Wir sind Kämpferinnen. Auch ich musste mir meinen Traum hart erarbeiten.“

Tatsächlich jedoch haben sich die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West in den vergangenen Jahren mehr und mehr angeglichen. Und natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen einem Land wie Polen, der Heimat der Weltranglistenersten Iga Swiatek, und Belarus oder Russland. Gewisse Parallelen lassen sich dennoch ziehen, etwa in der Frage der Einstellung. „Diese Mentalität, ein Ziel unbedingt erreichen zu wollen, ist bei diesen Spielerinnen schon eine andere“, sagt Markus Günthardt, der Direktor des Stuttgarter Turniers. „Das ist hierzulande ein Stück weit verloren gegangen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, das spielt sicher eine Rolle.“

Unterschwellig wird den deutschen Tennis-Assen gern der Vorwurf der Bequemlichkeit gemacht. Der absolute Wille, der letzte Biss, um es nach ganz oben zu schaffen, fehlten. Die Gründe dafür liegen auch im System. In Deutschland und anderen westlichen Ländern wird mehr Wert auf eine duale Ausbildung gelegt. Der Fokus liegt neben aller sportlichen Ambition immer noch auf der Schule. Was erklärt, warum selbst die durch die Austragung von Grand-Slam-Turnieren finanziell klar bessergestellten Verbände der USA, von Frankreich, England und Australien der osteuropäischen Vorherrschaft auf dem Tennisplatz verhältnismäßig wenig entgegenzusetzen haben.

In Russland, aber auch in langjährigen EU-Ländern wie Tschechien gelten häufig noch andere Gesetzmäßigkeiten. Hier setzen die jungen Talente – häufig auf Druck der Eltern oder Trainer – schon früh alles auf eine Karte und geben dem Sport den Vorrang. Hinzu kommt, dass die Schulen dort den Spagat zwischen Lernen und Trainieren häufig besser hinbekommen, wie etwa Ex-Profi Andrea Petkovic festgestellt hat.

Zwölfjährige Talente in Serbien würden nichts anderes kennen als Online-Unterricht. Ein Ansatz, den auch die hiesigen Kultusministerien mit Blick auf eine bessere Vereinbarkeit von Sport und Schule inzwischen stärker verfolgen. In der Hoffnung, dass es künftig wieder mehr Talente in die Weltspitze schaffen.

Fürs Erste dominiert aber weiter Osteuropa die Tenniswelt. Fünf der Top-Ten-Spielerinnen haben ihre Heimat in Polen, Belarus, Kasachstan, Tschechien und Lettland. Die Weltrangliste der Juniorinnen deutet darauf hin, dass sich zumindest in absehbarer Zeit an diesem Status nichts ändert. Die aktuell Führende stammt aus der Slowakei, die Nummer zwei aus Tschechien.

Global betrachtet ist diese Uniformität für die Sportart nicht immer förderlich. Zumal sich auch stilistisch gewisse Ableitungen aus der Herkunft ergeben. Spielerinnen aus Osteuropa werden meist schon früh auf hartes Grundlinientennis gedrillt.

Zur Stuttgarter Osteuropa-Meisterschaft strömen die Fans trotzdem in die Halle. Turnierdirektor Günthardt würde sich zwar mehr deutsche Topstars wünschen, doch er betont: „Unser Ziel ist immer, die besten Spielerinnen der Welt zu verpflichten. Das haben wir geschafft. Dann ist es aus sportlicher Sicht auch egal, wo sie herkommen.“

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Erstellt:
16. April 2024, 22:16 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2024, 21:49 Uhr

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