Die Pfaffenrinne trotzt dem Trend

Die Zahl der Amphibien in Baden-Württemberg ist in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. In Backnang sind die Zahlen noch stabil, allerdings sind auch im Biotop Pfaffenrinne die Voraussetzungen nicht ideal.

In der Backnanger Bucht sind Erdkröten bislang kein seltener Anblick.Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

In der Backnanger Bucht sind Erdkröten bislang kein seltener Anblick.Archivfoto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG/ASPACH. Die Amphibienbestände hierzulande schwinden. Das zeigt eine Erhebung des Vereins Amphibien- und Reptilien-Biotopschutz (ABS), der sich dafür einsetzt, die Bestände dieser Tierarten in Baden-Württemberg zu erfassen und zu schützen. An etwa 900 Stellen im Land werden Kröten, Frösche und Molche bei ihrer Wanderung zum Laichplatz und wieder zurück betreut und auch gezählt. Und die jüngsten Zahlen sind es, die Naturschützer alarmieren: Um durchschnittlich 50 Prozent ist die Amphibienpopulation zurückgegangen, an manchen Stellen seien es gar 90 Prozent. Umso erfreulicher ist es, dass das Backnanger Biotop Pfaffenrinne in dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet.

Die Nabu-Ortsgruppen in Backnang und Aspach betreuen mehrere Wanderrouten von Amphibien in der Region und verzeichnen nicht überall stabile Zahlen. Im Aspacher Fautenhau, wo in den Jahren zuvor stets die Straße während der Wanderzeiten gesperrt wurde, war diese Maßnahme 2021 nicht nötig. „Die Bestände sind eingebrochen“, bestätigt Jochen Schäufele, der Vorsitzende der Aspacher Nabu-Gruppe. Die Gewässer seien in den vergangenen Jahren zum Teil ausgetrocknet, zudem seien in der Region neue Fressfeinde hinzugekommen. Das alles führte dazu, dass kaum noch Wanderbewegungen stattgefunden haben. „Wir betreuen in Aspach sieben Laichgewässer und mussten feststellen, dass zwar die Springfrösche noch zahlreich vorkommen, Erdkröten und Grasfrösche – die eigentlich am weitesten verbreiteten Arten – dagegen drastisch weniger werden.“ Am Stiftsgrundhof gibt es keine Wanderbewegungen mehr und auch in Erbstetten sei in diesem Jahr kaum etwas los gewesen. Allerdings gebe es für diese Stelle in Richtung Neuschöntal nicht genügend Vergleichswerte, um etwas über die Bestandsentwicklung auszusagen, führt Schäufele aus.

Die Verantwortlichen sind auf der Suche nach Alternativen.

Auf der Wanderschaft zum Biotop Pfaffenrinne hingegen haben die Helfer in diesem Jahr etwa 3000 Tiere in Eimern transportiert und so vor dem Tod auf der viel befahrenen Kreisstraße nach Steinbach bewahrt, berichtet Marion Schieber-Stitz, Hauptverantwortliche für die Amphibienwanderung beim Nabu Backnang. Sie hat der Online-Veranstaltung des ABS im Mai beigewohnt und zeigt sich erschrocken angesichts des raschen Artenschwunds. „Umso wichtiger ist, dass wir zu schätzen wissen, dass wir hier in Backnang noch hohe Sammelzahlen haben.“ Jochen Schäufele verweist darauf, dass es sich beim Biotop Pfaffenrinne um ein relativ neues Gewässer handelt, in einem Gebiet, wo es zuvor keine vergleichbaren Teiche gab. Aussagen über die langfristige Entwicklung des Bestands seien deshalb auch hier noch schwierig. Anlass zur Hoffnung macht der Fall dennoch: „Wenn man den Amphibien neue Gewässer anbietet, können sich die Bestände wieder erholen“, freut sich Schieber-Stitz.

In Baden-Württemberg kommen 20 Arten an Fröschen, Kröten, Unken, Molchen und Salamandern vor. Die Hälfte davon gilt als gefährdet, es könnten allerdings bald mehr werden – denn die aktuellen Zahlen zeigen, dass vor allem bei den bislang zahlreich anzutreffenden Erdkröten der Bestand schwindet. „Selbst der Grasfrosch, den wir bei uns so häufig am Zaun vorfanden, wird in der Liste der gefährdeten Arten landen“, weiß Schieber-Stitz. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von der Zerstörung des Lebensraums über Nahrungsmangel bis hin zu Parasiten. In Backnang seien die Rahmenbedingungen in vielerlei Hinsicht besser für die Tiere. So wird in unmittelbarer Nähe der Biotope kein konventioneller Ackerbau betrieben. So gelangen weniger Pestizide ins Wasser, zudem wird den Amphibien die Nahrungsgrundlage – sprich Insekten – nicht genommen. „Und der Plattenwald bietet den Tieren recht gute Voraussetzungen, sie finden hier Ruhe und Nahrung.“

Doch auch in der Pfaffenrinne ist nicht alles rosig. Zum einen funktioniert die Amphibienwanderung nur deshalb gut, weil viele ehrenamtliche Helfer Zäune aufstellen und in Wanderzeiten täglich kontrollieren und die Tiere sicher zum Biotop transportieren. Zum anderen verlandet auch jenes Feuchtgebiet. Der Wasserzufluss aus der Murr schwemmt Sedimente in das Biotop. Im vergangenen Jahr etwa trockneten auch die letzten Tümpel aus, sodass der Amphibiennachwuchs ausblieb. In Aspach lassen Nabu und Gemeinde die verlandeten Biotope ausbaggern, das sei in Backnang allerdings nicht praktikabel, hieß es von der Stadtverwaltung. Überhaupt sei das Biotop Pfaffenrinne in seiner jetzigen Form dauerhaft schwierig zu halten, führt Baudezernent Stefan Setzer aus. Das Amt für Umweltschutz hatte deshalb auch ein Gutachten in Auftrag gegeben, das über das Amphibienaufkommen und mögliche Alternativen Aufschluss geben soll. Dieses steht allerdings noch aus. „In einigen Punkten muss das Gutachten überarbeitet und ergänzt werden. Es wird also noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis es in der Endfassung vorliegt“, teilt das Landratsamt mit. Allerdings laufe es wohl auf ein Ersatzhabitat hinaus. Dafür müssten adäquate Stellen gefunden werden. „Dies ist nicht ganz einfach, da die Amphibienpopulation in der Pfaffenrinne recht groß ist. Außerdem ist der geologische Untergrund im angrenzenden Plattenwald schwierig. (...) Ein neues Gewässer in den Murr-Auen anzulegen, birgt dagegen dieselben Probleme wie in der Pfaffenrinne: Ohne steten Durchfluss droht es immer wieder zu verlanden.“ Bei der Backnanger Stadtverwaltung will man nichts übers Knie brechen: „So ein Vorhaben braucht einige Jahre Vorlauf“, erklärt Setzer. „Wir wollen vermeiden, dass die gleichen Fehler passieren wie in der Pfaffenrinne.“

Untätig bleiben können die Verantwortlichen bis dahin allerdings nicht, „sonst bricht auch unser Amphibienbestand ein“, warnt Schieber-Stitz. Denn obwohl in diesem Frühjahr mehr Regen gefallen ist als 2020, war der Wasserstand beunruhigend niedrig. „In der Pfaffenrinne waren nur noch zwei voneinander getrennte Tümpel“, berichtet Stefan Setzer. Die Stadt habe deshalb eine wasserrechtliche Erlaubnis eingeholt und am vergangenen Samstag mithilfe des THW fünf Stunden lang Wasser aus der Murr ins Biotop gepumpt. „So haben die Amphibien ein gutes Auskommen.“ Auch wurde ein Pegel gesetzt, sodass die Verantwortlichen die Situation im Auge behalten und die Aktion gegebenenfalls wiederholen können. Das Ergebnis überzeugt auch Marion Schieber-Stitz: „Im Biotop ist derzeit alles voller Kaulquappen. Da es jetzt wärmer wird und sie genügend Wasser haben, sollten sich in etwa vier Wochen die Jungtiere zum Plattenwald aufmachen.“ Auch dann werden wieder Helfer gebraucht.

Wer bei der Jungtierwanderung helfen möchte, kann sich per E-Mail an info@nabu-backnang.de melden.

Fünf Stunden lang hat das THW Backnang Wasser aus der Murr ins Biotop gepumpt.Foto: privat

Fünf Stunden lang hat das THW Backnang Wasser aus der Murr ins Biotop gepumpt.Foto: privat

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Erstellt:
10. Juni 2021, 06:00 Uhr

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