„Die Solidarität hat gelitten“

Das Interview: Wolfgang Sartorius blickt auf ein Vierteljahrhundert in der Leitung der Erlacher Höhe zurück. Vieles hat sich in dieser langen Zeit geändert, vieles ist aber auch geblieben. Sorge bereiten ihm aktuell Polarisierungen in der Gesellschaft.

„Ich vermisse zunehmend Menschlichkeit und Empathie“: Wolfgang Sartorius. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

„Ich vermisse zunehmend Menschlichkeit und Empathie“: Wolfgang Sartorius. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

Sie sind morgen auf den Tag genau seit 25 Jahren als Leiter der Erlacher Höhe tätig. Wenn Sie zurückblicken: Was hat Sie damals an dieser Aufgabe gereizt?

Es war vor allem die Herausforderung, eine traditionsreiche Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in eine gute Zukunft zu führen und mich für Menschen einzusetzen, mit denen es das Leben oftmals nicht so gut gemeint hat wie mit mir. Dazu gehört für mich bis heute eine große Portion Demut und Respekt gegenüber den hilfesuchenden Menschen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, in die Führungsaufgabe hineinzuwachsen?

Zuvor war ich alleiniger Geschäftsführer einer Jugendhilfeeinrichtung. In Erlach traf ich auf einen schon damals erfahrenen Verwaltungschef, Bernd Messinger, mittlerweile mein Vorstandskollege. Er hat es mir leicht gemacht. Meine Erfahrung ist: Es ist einfacher, schöner und letztlich auch weitaus erfolgreicher, in einem Team zu leiten.

Die Zeiten ändern sich. Haben sich die Zeiten denn geändert?

Ja, in vielerlei Hinsicht. Beispielsweise was das Thema soziale Ungleichheit angeht. Daran gab es in den 90er-Jahren wenig Interesse. Inzwischen ist der Begriff allgemein bekannt, aber das hat nicht zu weniger Ungleichheit geführt, im Gegenteil: Sie ist gewachsen. Eine langfristige Betrachtung seit 1993 zeigt einen deutlichen Anstieg. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt heute ein Drittel des gesamten Vermögens in unserem Land und die untere Hälfte fast nichts oder hat Schulden, nachzulesen beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Je nach angewandtem Untersuchungsverfahren sind inzwischen 14 bis 16 Prozent der Bürgerinnen und Bürger unseres reichen Landes abgehängt. Oder wissenschaftlich mit Ulrich Beck ausgedrückt: Modernisierungsverlierer.

Wie haben diese Veränderungen die Gesellschaft beeinflusst?

Auch im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben sich die Zeiten geändert. In den 90er-Jahren prägte Freude über die Wiedervereinigung unser Land, obwohl es wirtschaftlich schwierige Zeiten waren. Nach der Wiedervereinigung schienen demokratische Werte fast allen erstrebenswert, viel Solidarität war spürbar. Zuletzt haben wir eine wirtschaftlich höchst prosperierende Dekade erlebt, dabei hat nach meiner Wahrnehmung die Solidarität gelitten. Aktuell sind in der Gesellschaft starke Spaltungstendenzen in mehrfacher Hinsicht wahrzunehmen, deren Auslöser bereits die sogenannten Hartz-Gesetze waren, und jetzt sind es vor allem die Kontroversen um Corona. Dabei vermisse ich zunehmend Menschlichkeit und Empathie. Aber die aktuellen Entwicklungen sind nicht das Ende der Geschichte, es wird eine Zeit nach Corona geben.

Wie hat sich die Erlacher Höhe in den vergangenen 25 Jahren entwickelt – was ist geblieben, was neu gekommen?

Geblieben ist unser diakonischer Auftrag, für Menschen in sozialen Notlagen einzutreten. Es ist ein doppelter Auftrag: Zum einen geht es immer um die konkrete Hilfe. Zum anderen hat Diakonie die Verpflichtung, Finger in Wunden zu legen und auf die Verbesserung von Verhältnissen zu drängen, wo diese ungerecht sind oder Menschen das Leben schwermachen. Geblieben ist auch, dass wir damals wie heute viele hoch engagierte Mitarbeitende haben. Dafür bin ich dankbar. Besonders schön finde ich, dass wir inzwischen Mitarbeitende aus zwölf Nationalitäten haben, die bei der Erlacher Höhe erfolgreich gute, diakonische Arbeit leisten. Ihnen allen gilt mein besonderer Dank.

Welche Schwerpunkte haben Sie in Ihrer Arbeit gesetzt?

In der Leitungsverantwortung einer sozialen Organisation geht es ganz zentral darum sicherzustellen, dass Hilfe bei den Menschen rechtzeitig ankommt, die Hilfe brauchen. Mitarbeitende sollen möglichst gute Arbeitsbedingungen haben, dazu gehört auch wirtschaftlicher Erfolg. Und es sollte hie und da gelingen, sich in zivilgesellschaftliche Diskurse und in Sozialpolitik einzumischen und Lobbyarbeit im Sinne benachteiligter Menschen zu machen. Das sind mir sehr wichtige Aspekte und Motivatoren. Daneben gilt es im Dialog in vielfältigen Netzwerken aufmerksam gesellschaftliche Entwicklungen zu verfolgen, um möglichst rechtzeitig agieren zu können, sobald sich neue Nöte abzeichnen. Ich bin dankbar, dass dies manchmal gelungen ist.

Welche Enttäuschungen mussten Sie – bei allen Erfolgen in Ihrer Arbeit – einstecken?

Was mich sehr enttäuscht, sind Entscheidungen wie zuletzt die der Bundesregierung, trotz vieler Hundert Milliarden, die man zur Bewältigung der Coronapandemie zu Recht in die Hand nimmt, die Regelsätze für die Armen im Lande nicht wenigstens einmalig aufzustocken, um so den Menschen das Leben etwas leichter zu machen in dieser schweren Zeit. Für die Menschen wäre das enorm wichtig, für die politische Meinungsbildung auch. Die dafür nötigen Mittel wären in der Summe der pandemiebedingten Aufwendungen kaum mehr als eine Rundungsdifferenz gewesen. Fakt ist: Corona zementiert soziale wie gesundheitliche Ungleichheit, und der Staat gleicht das nach meiner Auffassung zu wenig aus. Ganz schlechte Karten haben etwa Leute, die ihren Minijob verloren und jetzt keine Ansprüche auf Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld haben.

Welche Beobachtungen zum sozialen Klima haben Sie gerade im zurückliegenden Jahr gemacht – steuern wir eher auf mehr Wärme oder aber auf mehr Kälte zu?

Natürlich besorgen mich die gegenwärtigen Polarisierungen und Spaltungstendenzen im eigenen Land, in Europa und vor allem auch in den Ländern des Südens, über die ich durch mein Ehrenamt bei Brot für die Welt vielerlei Informationen bekomme. Beispielsweise habe ich aktuell die Sorge, dass bei den erwartbaren Verteilungsdebatten um Coronaimpfstoffe die Menschen in ärmeren Ländern einmal mehr unter die Räder geraten und sich dort postkoloniale Tendenzen verstärken.

Wo sehen Sie positive Tendenzen?

Hoffnung macht mir, dass ich mein ganzes Berufsleben lang auch Solidarität in unserer Gesellschaft wahrnehme, allerdings zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich ausgeprägt. Corona hat ja durchaus nicht nur polarisiert, sondern auch neue Formen von Solidarität, von praktischer Nächstenliebe erzeugt. Wir haben zum Beispiel in der ersten Pandemiephase erlebt, dass sich junge Menschen in Kurzarbeit meldeten und fragten: Wie können wir euch helfen? Wo können wir anpacken? Oder dass Menschen uns Spenden anvertrauen und darum bitten, damit ganz gezielt Einzelpersonen in der Krise zu unterstützen. Aber auch Institutionen taten sich hervor, wie unsere Landeskirche und das Diakonische Werk Württemberg. Mit ihrer „Mutmacher-Soforthilfe“ konnten wir alleine bei der Erlacher Höhe innerhalb weniger Tage 500 Menschen mit einem Geldbetrag unterstützen, um damit ein bisschen die durch Corona entstandene Geldnot zu lindern. Und ich sehe mit großem Respekt Mitarbeitende, die auch während der Pandemie selbstlos einspringen, wenn es klemmt. Für mich sind das ermutigende Zeichen der Hoffnung.

Wie haben Sie persönlich die Umstände durch die Coronasituation bewältigt?

Mit intensiver Arbeit. Es war für uns alle ein anstrengendes und herausforderndes Jahr. Ich bin meinem Herrgott dankbar, dass ich bisher gesund bleiben und arbeiten konnte.

Welche Pläne und Projekte wollen Sie in nächster Zeit in Angriff nehmen?

Krisen brauchen Kraft zu ihrer Bewältigung. Daher lautet unser Jahresziel 2021, möglichst viele der Menschen bei der Erlacher Höhe unbeschadet durch die Pandemie zu bringen. Ich hoffe und bete, dass niemand bei der Erlacher Höhe an Covid-19 stirbt, wie es bislang Gott sei Dank der Fall war. Darüber hinaus prüfen wir aktuell den Bau eines neuen Pflegeheims, weil hier ein Bedarf wächst bei Menschen, die sich mit konventionell bürgerlichen Einrichtungen eher schwertun. Und dann gibt’s ganz viele andere Baustellen, beispielsweise brennt uns die Wohnungsnot unter den Nägeln. Bestimmt kommt auch 2021 keine Langeweile auf.

Ihr Alltag besteht zu einem großen Teil aus Büroarbeit, Besprechungen und dergleichen. Das ist mit Corona bestimmt nicht weniger geworden. Wie schaffen Sie für sich einen Ausgleich, um frisch und fit zu bleiben?

Mein Ziel ist es, jeden Tag fünf Kilometer an der frischen Luft zu laufen. Das schaffe ich meistens. Und natürlich sind mir meine Familie und Beziehungen zu Freunden wichtig, auch wenn diese gerade massiv eingeschränkt sind. Kulturelle, kirchliche und politische Veranstaltungen sind für mich auch wichtig zum Ausgleich, aber derzeit eben nicht möglich. Das Gleiche gilt für Reisen.

Haben Sie nicht auch bei „Laufend BKZ“ mitgemacht?

Ja, das habe ich zweimal gemacht. Es hat mir Freude gemacht, tatsächlich einmal zehn Kilometer am Stück zu joggen, und das in fortgeschrittenem Alter nach Jahrzehnten weitgehender Sportabstinenz. Leider habe ich mir dabei aber eine Knieverletzung zugezogen. Mit dem tollen Backnanger Silvesterlauf wird’s wohl nichts mehr in diesem Leben. Ein kleiner Waldlauf auf weichem Untergrund klappt ganz gut, und ich steige in der warmen Jahreszeit gerne aufs Rad.

Zur Person

Wolfgang Sartorius, geboren 1962, ist von Beruf Diakon und Sozialarbeiter/Sozialpädagoge. Er engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand der Evangelischen Obdachlosenhilfe in Deutschland und als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Diakonie Deutschland/Brot für die Welt (EWDE e.V.).

Der Vater von vier erwachsenen Kindern ist zugleich glücklicher Großvater dreier Enkelkinder. Er stammt aus Bönnigheim, wo er mit seiner Frau lebt.

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Erstellt:
31. Dezember 2020, 11:30 Uhr

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