Treffen in Toulon
Die Trump-Flüsterer müssen mit einer Stimme sprechen
Friedrich Merz und Emmanuel Macron demonstrieren in Südfrankreich große Einigkeit. Das wollen sie – das müssen sie aber auch. Aus Toulon berichtet Tobias Peter.

© dpa/Kay Nietfeld
Feiern und arbeiten: Friedrich Merz zu Gast bei Emmanuel Macron
Von Tobias Peter
Ein Satz, eine klare Botschaft. „Der deutsch-französische Motor ist wieder angesprungen“, sagt Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag bei der Pressekonferenz nach dem deutsch-französischen Ministerrat. Deutschland und Frankreich seien gewillt, gemeinsam Probleme zu lösen, so der Kanzler. Er nennt das, in Anspielung auf den Ort des Treffens, sogar „den Geist von Toulon“.
Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron haben bei einem Treffen der beiden Regierungen im Toulon die deutsch-französische Freundschaft zelebriert. Aus Deutschland war das halbe Kabinett in Südfrankreich. Die inhaltliche Botschaft: Deutschland und Frankreich wollen auf Bürokratieabbau in Europa dringen, in Verteidigungsfragen besser zusammenarbeiten und sich, wenn das Thema relevant wird, für belastbare Sicherheitsgarantien für die Ukraine einsetzen.
Das ist erst einmal viel bedrucktes Papier. Sich auf die Formulierungen zu verständigen, braucht viel Vorarbeit. Die eigentliche Herausforderung kommt aber in der politischen Praxis. Merz und Macron lassen keinen Zweifel daran: Sie wollen das gemeinsam schaffen.
Eine Festung in der Sonne
Wer arbeitet, soll auch feiern. Das können Merz und Macron. Das haben sie bereits am Vorabend bewiesen. Da hat der französische Präsident den deutschen Kanzler ins Fort de Brégançon eingeladen, eine Festung aus dem Mittelalter, die als Sommerresidenz der französischen Präsidenten dient.
Hier empfangen zu werden, gilt als besondere Ehre für einen ausländischen Gast. Helmut Kohl wurde hier 1985 von François Mitterrand begrüßt. Erst 35 Jahre später wurde mit Angela Merkel zum zweiten Mal eine deutsche Regierungschefin dorthin eingeladen – von Emmanuel Macron. Jetzt also Friedrich Merz.
Die Festung liegt auf einer Halbinsel an der Côte d’Azur. Der Ort ist an diesem Abend von einem lauen Sommerwind umweht. es ist noch fast 25 Grad warm. Um einen langen, hölzernen Tisch im Innenhof des Forts sitzen an beiden Seiten jeweils sechs Berater: die von Merz und jene von Macron. Alles Männer. Die beiden Protagonisten, die danach in die Sonne hinaustreten, geben sich locker. Der oberste Knopf am Hemd ist offen. Fast meint man ein bisschen Freizeitgefühl zu spüren.
Merz tritt vor Macron auf den Hof, lässt dann aber den französischen Präsidenten wieder höflich vorrücken. Er schüttelt die Hände von Macrons Beratern und begrüßt sie in drei Sprachen. „Ich freue mich“, sagt Merz. „Bonjour.“ Und schließlich: „Thank you.“
Als die beiden am Kopf des Tisches nebeneinandersitzen, spricht zuerst Macron. Der Kanzler sitzt daneben und lächelt breit. Er hat die Hände verschränkt und dreht die Daumen ineinander. In diesen Momenten wirkt er gelegentlich immer noch wie das kleine Kind, das zu Weihnachten endlich sein Lieblingsgeschenk bekommen hat. Friedrich Merz als Kanzler auf der internationalen Bühne mit Emmanuel Macron: Von solchen Szenen hat der heute 69-Jährige lange geträumt – auch wenn es sich sein Job jetzt, da es so weit ist – angesichts der zahlreichen internationalen Krisen als ein echter Hindernislauf entpuppt.
Bei Merz‘ Eingangsstatement dreht Macron minutenlang seinen Kopf zur Seite, um den Kanzler direkt anzuschauen. Erst sieht es ein bisschen verzückt, fast verliebt aus. Dann verdunkeln sich die Züge des französischen Präsidenten.
Der Krieg und die Folgen
Das hat sicher auch mit dem zu tun, was der Kanzler sagt. Zu den Themen, über die man sprechen müsse, gehöre „leider der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine“, sagt Merz. Der Kanzler betont: „Wir müssen uns mit diesem Thema heute erneut beschäftigen, und dies vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es offensichtlich nicht zu einem Treffen zwischen Präsident Selenskyj und Präsident Putin kommen wird.“ Merz und Macron wissen: Wenn sie den US-Präsidenten Donald Trump erfolgreich in der Ukraine-Politik auf ihrer Seite ziehen wollen, müssen sie mit einer Stimme sprechen. Die Trump-Flüsterer müssen geeint sein.
Es ist nicht so lange her, da herrschte in den deutsch-französischen Beziehungen ein ganz anderes Klima. „Der oft zitierte deutsch-französische Motor läuft nicht nur dann besonders gut, wenn er leise und kaum wahrnehmbar vor sich hin schnurrt“, sagt der damalige Kanzler Olaf Scholz vor zweieinhalb Jahren in einer Rede zum 60. Jahrestag des Élysée-Vertrags, in dem es um die Aussöhnung der einstigen Kriegsgegner ging, an der Universität Sorbonne in Paris. Eine Kompromissmaschine könne gelegentlich auch „laut und gezeichnet von harter Arbeit“ arbeiten.
Das war Scholz’ Art schönzureden, dass es im Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland ständig rumpelte. Die Chemie zwischen Scholz und Macron stimmte einfach nicht. Das ist bei Nachfolger Merz und dem Franzosen anders. Auch, weil der neue Kanzler in den ersten Monaten seiner Amtszeit eine große Begabung gezeigt hat, sich auf seine internationalen Gesprächspartner und ihre Besonderheiten einzustellen. Bei Macron gehört dazu ein gerütteltes Maß an Eitelkeit.
Das alles bedeutet nicht, dass es im deutsch-französischen Verhältnis keine handfesten Konflikte und Interessensgegensätze mehr gäbe. Der offensichtlichste Punkt: Ursprünglich wollten Merz und Macron eine Einigung zum Luftkampfsystem FCAS erzielen, einem Kampfflugzeug, das im Verbund mit Drohnen fliegen soll. Doch es hakt dabei – wegen unterschiedlicher industriepolitischer Interessen – gewaltig. Jetzt soll die Entscheidung zumindest noch innerhalb dieses Jahres fallen. Ein Scheitern wäre auch von der symbolischen Wirkung her schlimm.
Wird Merz der europäische Erbe Macrons?
Vor bald acht Jahren hat Macron im Audimax der Universität Sorbonne seine berühmte Rede gehalten, in der er für die Neugründung eines souveränen, geeinten und demokratischen Europas plädiert hat. In diesen Tagen, in denen die Regierung von Premier in Turbulenzen geraten ist, stellt sich die Frage, wie groß der Beitrag noch sein kann, den Macron selbst leistet. Auch wenn die Stellung des Präsidenten in der französischen Verfassung stark ist. Wenn in Frankreich im Jahr 2027 Macrons Nachfolger gewählt wird, muss Merz wahrscheinlich noch stärker derjenige sein, der den Zusammenhalt in Europa vorantreibt.
Doch erst einmal gibt es noch ein längeres Stück gemeinsamen Weges zu gehen. „Politik“, so betont Merz auf der Pressekonferenz in Toulon, „wird von Menschen gemacht und nicht von Institutionen.“ Er bedankt sich bei Macron, dass dieser sich in den vergangenen Monaten die Zeit genommen habe, sich gegenseitig einander so gut kennen zu lernen. Klar ist: Die beiden werden noch viel Zeit miteinander verbringen.