„Die Wahrheit ist unbequem“

Wissenschaftler und Umweltpolitiker Ernst Ulrich von Weizsäcker referiert bei zwei ausverkauften Veranstaltungen in Backnang und Murrhardt darüber, was uns für eine nachhaltige Klimapolitik fehlt.

Vor ausverkauftem Haus in der Backnanger Markuskirche skizzierte Ernst Ulrich von Weizsäcker, wie eine Welt in fester Hand der Wirtschaft aussehen könnte. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Vor ausverkauftem Haus in der Backnanger Markuskirche skizzierte Ernst Ulrich von Weizsäcker, wie eine Welt in fester Hand der Wirtschaft aussehen könnte. Foto: T. Sellmaier

Von Carmen Warstat

BACKNANG. „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“ – der Titel des Vortrags, den Wissenschaftler und Umweltpolitiker Ernst Ulrich von Weizsäcker im Rahmen der Dialogreihe „Schöpfung bewahren“ in der Backnanger Markuskirche hielt, verheißt nichts Gutes für die Menschheit, sollte sie so weitermachen wie bisher. Und so deutete Kirchengemeinderat Klaus Siebrand in seiner Einführung ihn denn auch als warnende Schlussfolgerung: „Wenn wir nichts tun, dann sind wir nämlich dran!“ Siebrand bezeichnete den Lebenslauf des Referenten als atemberaubend: „Manch anderer würde dafür zwei Leben benötigen!“ In der Tat blickt der 1939 geborene von Weizsäcker auf einen aufregenden beruflichen Werdegang mit zahllosen nebenberuflichen Tätigkeiten sowie auf eine Reihe höchster Ehrungen zurück. Forschung und politisches Engagement führten den Sohn des Physikers Carl-Friedrich von Weizsäcker und Neffen des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker etwa bis nach London, Paris und Santa Barbara in Kalifornien, er ist für die Uno und Dutzende andere internationale Institutionen tätig gewesen und Mitglied des namhaften Club of Rome, dessen Ehrenpräsidentschaft er bis heute innehat.

Den Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes veranlasste dieses Renommee jedoch nicht zu realitätsfernen, abgehobenen oder elitär anmutenden Ausführungen. Vielmehr bestach der Referent durch die gut verständliche und unprätentiöse Darstellung der Ergebnisse seiner intensiven Forschungen und profunden Erfahrungen. Sein Leitsatz: „Wir müssen lernen, in einem angemessenen Wohlstand zu leben, ohne uns zu ruinieren.“ Mit einer „optimistischen Beschreibung“ in Form der Kuznets-Kurve begann von Weizsäcker seine Ausführungen. Diese Kurve stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Grad der lokalen Verschmutzung (auf der vertikalen Achse) und den Komponenten Zeit und Wohlstand (auf der horizontalen Achse) und besagt, dass die Relation zwischen Lebensstandard und Umweltverschmutzung etwa in Europa von „arm und sauber“ (um 1850) über „reich und schmutzig“ (um 1970) bis „reich und sauber“ (um 2020) reicht. Der Referent führte dies auf eine veränderte Werteskala zurück – beispielsweise gehörte der sprichwörtliche Satz „Der Schornstein muss rauchen“ früher zu den positiven Grundsätzen einer progressiven Entwicklung und sei heute längst überholt.

Noch keine Kuznets-Kurve gibt es bei der CO²-Intensität, im Gegenteil: Je reicher, umso mehr CO² produziert die Zivilisation, und die globale Erwärmung „nimmt gnadenlos zu“. Weizsäcker zeigte Aufnahmen aus Grönland. Die Kausalität, die US-Präsident Donald Trump leugnet, sei durch eine gar nicht optimistische CO²-Kurve bewiesen und der amerikanische Präsident laut Washington Post der unglaublichen Zahl von 20000 Lügen überführt. Trump indessen gebe „den Förstern die Schuld“, weil „er weiß, dass die Wahrheit unbequem und die Lüge bequem ist“.

Mit Blick auf die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, die er vor einem Jahr persönlich kennenlernte, sagte der Referent schlicht: „Sie hat recht.“ Und beschrieb sie als „ganz bescheiden“ in ihrem Auftreten.

Im Übrigen werde Europa hervorragend regiert, zum Beispiel stehe die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen zum Green New Deal for Europe und mache ihren „Höllenjob hervorragend“. Der Wissenschaftler zählte die energiepolitischen „Hausaufgaben“ auf und bescheinigte Europa, diesbezüglich gut dazustehen.

Aber: „Energie wird vergeudet, weil sie nichts kostet.“ Die Zivilisation nutze nur 8,6 Prozent der Reserven „kreisläufig“, der große Rest werde weggeworfen. Eine Verfünffachung der Energieeffizienz sei tatsächlich machbar, passiere jedoch nicht, weil zu teuer. „Weltweit sind die Betriebswirte stärker als die Ingenieure.“ Zudem würden Energie und Rohstoffe trotz Verknappung immer billiger. Die Märkte kriegten es nicht hin, dass „die Preise die Wahrheit sagen“. Von Weizsäcker bezeichnete es als nicht besonders christlich, „dass immer der Billigste gewinnt“. In groben Zügen verwies er auf den Bericht des Club of Rome von 2018, der „eine neue Aufklärung für eine volle Welt“ verlangt. In der „vollen“ Welt dominiert die Wirtschaft alles, das Ergebnis: Es gibt kaum noch Wildtiere. „Die Natur hat verloren.“ In diesem Zusammenhang kritisiert der Club of Rome die europäische Aufklärung als Legitimationsgrundlage für die Kolonisierung, welche wiederum die industrielle Revolution ermöglichte. Von Weizsäcker erläuterte die Fehler der großen Denker von Adam Smith über David Ricardo bis hin zu Charles Darwin und kritisierte die (amerikanische) analytische Philosophie, die den Sozialdarwinisten Herbert Spencer als Wissenschaftler verkauft und das „Recht des Stärkeren“ akademisch „begründet“.

In einer angeregten Diskussionsrunde kritisierte der Gast nochmals die „Billigmentalität“ und die Verherrlichung des Nationalstaats als atavistisch. Auf die „ungeheuer wichtige und vernünftige Frage“, was man als Einzelner tun könne, sei er in seinem Vortrag nicht eingegangen, weil ihm jeglicher Anklageton widerstrebt.

Zuvor hatte Ernst Ulrich von Weizsäcker auch in Murrhardt zu dem Themenkomplex „Corona – Klima – Politik – SPD“ gesprochen.

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Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr

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