„Die Zeit beim VfB bleibt unvergesslich“
Horst Heldt, der Geschäftsführer Sport von Union Berlin, spricht über die besondere Clubkultur der Eisernen und seine Rückkehr nach Stuttgart.
© imago/Jürgen Engler
Horst Heldt (re.) jubelt mit Union-Coach Steffen Baumgart
Von Heiko Hinrichsen
Stuttgart - Nach den Manager-Stationen Stuttgart, Schalke, Hannover und Köln ist Horst Heldt, 56, seit inzwischen anderthalb Jahren der Geschäftsführer Sport von Union Berlin. Bei den Eisernen erlebt der VfB-Meistermanager von 2007 vor dem Auftritt in Stuttgart am Sonntag (15.30 Uhr) auch eine herausragende Clubkultur.
Herr Heldt, vor der Alten Försterei wurde vor dem Mainz-Spiel vergangenes Wochenende fleißig miteinander Schnee geschippt. Wie wirkt der Teamgeist der Eisernen auf Sie?
Union ist eine große Familie, ein großes Miteinander – das wird in vielerlei Hinsicht gelebt. Die Fans haben ja nicht nur den Parkplatz frei geschaufelt, sondern sie haben im Prinzip das ganze Stadion mit Ausnahme des Rasens enteist. Unsere Anhänger sind stets da: Sei es, wenn mal kurzfristig Handwerker gebraucht werden oder wenn ein Trupp von Rentnern nach einem Samstagsspiel die Alte Försterei von Müll befreit – aber auch aus traurigem Anlass. So wie bei der Trauerfeier, als ein leider viel zu früh an Krebs verstorbener Union-Fan auf seinem letzten Weg begleitet wurde.
Was macht so viel Leidenschaft mit Ihnen als dem sportlich Verantwortlichen?
Die Hingabe der Fans wird im Alltag ganz selbstverständlich gelebt. Das ist beeindruckend. Sie löst in mir auch angesichts der großen Geschichte des Vereins Demut aus – ist für mich aber auch ein immens großer Ansporn.
Aktuell steht Union im gesicherten Mittelfeld der Tabelle, man könnte aber auch sagen: im Niemandsland. Schaut man in Köpenick daher vor der Partie beim VfB eher nach oben oder nach unten?
Die jüngste Vergangenheit mit der Teilnahme an der Champions League vor zwei Jahren hat ja gezeigt, das immer mal alles möglich ist. Daher werden wir nie den Antrieb und den Ehrgeiz verlieren, das Maximale zu erreichen. Allerdings müssen wir uns auch den Realitäten stellen. Den Blick nach unten muss es immer geben. Unser Ziel war es vor Saisonbeginn, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Da sind wir auf einem guten Weg – und das beste Mittel ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren.
Dass Union Berlin im Mai 2019 erstmals erstklassig wurde, hat etwas mit dem VfB zu tun, der damals in der Relegation zum zweiten Mal binnen drei Jahren abstieg. Wie haben Sie den Niedergang ihres Ex-Clubs verfolgt?
Die Relegation ist das Härteste, das man im Bundesliga-Fußball erleben kann. Ich habe das mit dem 1. FC Köln 2021 gegen Holstein Kiel mitmachen müssen – und brauche das nicht nochmal, obwohl wir erfolgreich waren. Beim VfB hatte ich damals den Eindruck, dass man die Wucht, welche die Alte Försterei auslösen kann, unterschätzt und den Gegner nicht ganz ernst genommen hat. So blieb es nach dem 2:2 in Stuttgart beim 0:0 – und der VfB musste erneut den bitteren Gang in die zweite Liga antreten.
In Stuttgart hat man seiner Zeit auch abseits des Rasens keine gute Figur abgegeben.
Wenn man absteigt, dann ist das eine Aneinanderreihung von grundsätzlichen Fehlern, ein negativer Prozess, den man über den langen Zeitraum von 34 Spieltagen nicht gestoppt bekommen hat. Man scheidet ja nicht an einem Tag in einem K.o.-Spiel aus, die Probleme liegen also tiefer. Beim VfB bedeutete das zum Glück nicht den kompletten Untergang, weil der Verein so viel Potenzial besitzt.
Wie blicken Sie auf Ihre Zeit beim VfB zurück, sie waren zwischen 2003 und 2010 in Bad Cannstatt 2,5 Jahre Spieler und 4,5 Jahre Manager?
Die Zeit beim VfB bleibt für mich unvergesslich – als Spieler wie als Manager. Ich denke da etwa an das berühmte Spiel in der Champions League mit dem Sieg über Manchester United, als ich mit Kevin Kuranyi und Co. 90 Minuten auf dem Platz stehen durfte. Das war das berauschendste Spiel meiner Karriere als Fußballprofi.
Als Sportchef steht dann die Meisterschaft von 2007 über allem, die bis dato letzte des VfB.
Wir hätten ja 2007 fast das Double geholt, haben eine Woche nach der Meisterschaft das Pokalfinale gegen Nürnberg unberechtigterweise verloren (Cacau sah nach 31 Minuten die Rote Karte, Anm.d.Red.). Dieser Stachel sitzt immer noch tief. Dennoch: Wenn man nicht gerade beim FC Bayern beschäftigt ist, besitzt man ja nicht allzu häufig die Möglichkeit, deutscher Meister zu werden. Erlebnisse wie der Meisterkorso vor 250 000 Menschen durch die Innenstadt bleiben für immer. Bei dem vielen Händeschütteln haben sie mir irgendwann mal richtig weh getan. Aber es war unglaublich schön, so viele glückliche Gesichter teils mit Tränen in den Augen zu sehen.
Was erwarten Sie nun von Ihrer Rückkehr nach Stuttgart mit Union Berlin an diesem Sonntag?
Das Schöne ist: Wenn ich zum VfB komme, dann sehe ich noch immer ganz viele Weggefährten aus der alten Zeit. Sei es die Menschen, die den Club als Fans oder ehemalige Spieler begleiten, aber auch diejenigen, die den Club zuletzt geprägt haben. Das fängt beim Vorstandschef Alex Wehrle an, mit dem ich in Köln arbeiten durfte und der auch in Stuttgart einen klasse Job macht; die Liste reicht bis zu Michael Meusch, der schon zu meiner Zeit Zeugwart gewesen ist.
Wie ist der VfB für Sie aktuell sportlich aufgestellt?
Der Club besitzt mit dem Stadion und seinen strategischen Partnern, den fußballverrückten Fans und der tollen Atmosphäre erstklassige Voraussetzungen, die man sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Auch auf dem Platz passt sehr vieles zusammen. Der VfB spielt erfrischenden Fußball, besitzt eine erstklassige Mannschaft und ist auf jeder Position doppelt gut besetzt.
Was erwarten Sie vom Spiel gegen Ihren Ex-Club?
Beim VfB ist eine Menge Qualität vorhanden. Das ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Einige Stuttgarter Spieler können eine Partie alleine entscheiden – und trotzdem harmoniert man als Mannschaft. Wir wollen ihnen das Leben schwer machen, setzen auf unsere Qualitäten, haben das Hinspiel 2:1 gewonnen. Wenn wir mit dem VfB spielerisch mithalten wollen, werden wir nicht erfolgreich sein. Daher gilt es für uns, ihren Spielfluss zu stören. Das ist unser Stilmittel.
