Drei Millionen Euro stehen in Aussicht

Neue Hoffnung für einen Bundeszuschuss für den Ersatzneubau der Karl-Euerle-Halle in Backnang. Martin Gerster, stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Bundestag, macht sich vor Ort ein Bild von der Dringlichkeit des Projekts.

Siegfried Janocha (rechts) erklärt den beiden Bundestagsabgeordneten Martin Gerster (links) und Christian Lange den maroden Zustand der Halle.

© Alexander Becher

Siegfried Janocha (rechts) erklärt den beiden Bundestagsabgeordneten Martin Gerster (links) und Christian Lange den maroden Zustand der Halle.

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Der Neubau der Karl-Euerle-Halle wird für die Stadt Backnang ein enormer Kraftakt. Etwa 15,7 Millionen Euro stehen derzeit als Investitionssumme für den Abbruch und den Neubau im Raum, eventuelle Preissteigerungen noch nicht eingerechnet. An Zuschuss gibt es aktuell lediglich 600000 Euro vom Land. Der Bund hingegen hat in der Vergangenheit drei Anträge der Stadt jeweils abgelehnt. Doch nun sprießt neue Hoffnung. Im Zusammenhang mit dem Corona-Konjunkturprogramm – Stichwort Wumms-Paket – hat die Bundesregierung ein weiteres 600 Millionen Euro schweres Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ aufgelegt.

Martin Gerster ist einer derjenigen, die entscheiden, welche Kommunen bei diesem Programm zum Zuge kommen. Als stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Bundestags war er gestern auf Einladung des Backnanger Bundestagsabgeordneten Christian Lange (SPD) in Backnang, um sich über den Planungsstand zu informieren. Sein Fazit nach einer einstündigen Führung durch die marode Halle im Hinblick auf eine mögliche Förderung: „Ich nehme einen sehr guten Eindruck mit.“ Allerdings relativierte der SPD-Bundestagsabgeordnete auch gleich die Erwartungen: „Die Zuschüsse sind auf einen Betrag von maximal drei Millionen Euro gedeckelt.“

Damit der Zuschuss bewilligt wird, warb ein Quintett der Stadtverwaltung mit Engelszungen um das Verständnis des Mannes aus Berlin. So erinnerte Erster Bürgermeister Siegfried Janocha beispielsweise daran, dass Backnang schon dreimal leer ausgegangen war. Er hoffe nun, „dass wir beim vierten Anlauf erfolgreich sind“. Schon zur Begrüßung sagte Janocha: „Sie werden beim Rundgang sehen, dass die Halle ganz wesentliche Mängel aufweist und den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt.“ Seine Auflistung war ellenlang: Die Halle ist älter als 50 Jahre, die Hallenmaße sind nicht normgerecht, das Gebäude ist nicht barrierefrei, die Umkleiden zu klein, die Toiletten nicht ausreichend. Die Schulen fordern Janocha zufolge seit Jahren einen weiteren vierten Hallenteil. Und die Zuschauerkapazität von 340 Plätzen ist ebenfalls nicht ausreichend. Aus energetischer Sicht „sind wir hier auf dem Niveau der 1970er-Jahre“, kritisierte Janocha weiter. Er verwies auch auf mehrere benachbarte Flüchtlingsunterkünfte und die Absicht der Verwaltung, mehr integrative Angebote anzubieten, „viele Flüchtlinge sind über den Sport gut zu erreichen“. Auch dafür sei eine größere Halle nötig.

Hochbauamtsleiter Andreas Stier erinnerte daran, dass schon vor 15 Jahren ein Sportentwicklungsplan erstellt worden war. Anfangs ging es um die Frage, ob man die Halle sinnvoll erweitern könne oder ein Neubau unumgänglich sei. Bei einer Bestandsanalyse seien dann so viele Mängel ans Tageslicht gekommen, dass klar wurde, dass diese mit einer einfachen Erweiterung nicht behoben werden können. Zudem hätte die Sanierung zwei Millionen Euro mehr gekostet als ein Neubau. Am Ende entschied sich der Gemeinderat für einen Neubau.

Es gibt eine Schadstoffbelastung und Probleme mit der Hallendecke.

Laut Stier existieren in der Halle zahlreiche Probleme. So hätten die Betonträger der Decke einen unerklärlichen Durchhang von fünf Zentimetern. Zwar sei die Sicherheit nicht beeinträchtigt, „aber das Dach verträgt keine zusätzlichen Lasten“. Das bedeutet, dass die Stadt weder die Isolierung verbessern noch eine Fotovoltaikanlage aufs Dach platzieren kann. Es verhält sich sogar so, dass die Stadt den Schnee vom Flachdach entfernen muss, wenn dessen Höhe ein gewisses Maß überschreitet.

Dann gibt es auch noch Schadstoffe wie Asbest oder PCB in den Betonfugen. Um deren Ausdünsten zu verhindern, müssten 500 Meter Fugen ausgefräst werden, „das würde einen wahnsinnig großen Aufwand bedeuten und riesige Kosten“. Aktuell liegen die Messwerte der Luft etwa im Bereich der Hälfte des Grenzwertes. Stier listete viele weitere Mankos auf, etwa die ineffiziente Lüftungsanlage, die Prallwände, die weder zeitgemäß noch intakt seien, die viel zu kleinen Geräteräume, ein Foyer, das seinen Namen nicht verdient und aufgrund seiner Enge zum Beispiel Ehrenamtliche eher abschreckt, eine Bewirtung zu übernehmen. Zudem noch Schäden an den Wasserleitungen, feuchte Böden in den Umkleiden, die nicht unterkellert sind, notdürftig geflickte Fliesen und ein Gesamteindruck, der der Haupthalle einer Stadt nicht würdig sei.

Die zentrale Lage war für den Backnanger Baudezernenten Stefan Setzer ebenso ein sehr wichtiges Argument für die Unterstützung eines Neubaus. Die Entfernung zum Bahnhof beträgt nur 200 Meter, dort gibt es Anschluss an zwei S-Bahn-Linien, an den Regionalverkehr und vielleicht künftig auch an Fernzüge. Die neue Halle hätte eine Kapazität von 1400 Zuschauern. Diese könnten den Bahnhof barrierefrei erreichen.

Janocha schilderte dem Gast aus Berlin sehr eindrücklich auch die Finanzlage der Murr-Metropole. So werde die Verschuldung von derzeit 3,5 auf über 20 Millionen Euro steigen. Er relativierte ehrlicherweise, das hänge nicht alles an der neuen Halle. Vielmehr erwähnte er auch die Pläne der Stadt, ein neues Feuerwehrhaus errichten zu wollen. Trotzdem gelte Backnang als Mittelzentrum mit einem Einzugsgebiet von etwa 70000 Einwohnern in der Region Stuttgart eher als finanzschwach und werde sogar als sogenannte Sockelgarantiekommune geführt. „Deshalb würden wir uns sehr freuen, wenn wir in das Programm aufgenommen werden würden.“

Nach all diesen Argumenten erkundigte sich Gerster nach der Zustimmung im Gemeinderat. Die Regierung wolle nämlich ungern Projekte fördern, die kritisch gesehen werden oder bei denen es gar Bürgerinitiativen dagegen gebe. Doch Janocha und Setzer konnten den potenziellen Geldgeber beruhigen. Janocha: „Die Politik steht inzwischen zu 100 Prozent dahinter. Alle Beschlüsse fielen zuletzt einstimmig.“ Er erwähnte auch noch den Bauausschuss, der konstituiert wurde, und der sich nicht nur aus Stadträten und Mitgliedern der Verwaltung, sondern auch aus Vertretern von Vereinen und Schulen zusammensetzt und in dem Ideen und Bedürfnisse beraten werden. Und Setzer ergänzte: „Im Gegenteil ist es sogar so, dass die Schulen den Bau fordern.“

Die Frage Gersters, ob es ein Konzept für den Sport während der zweijährigen Bauzeit gebe, beantwortete Regine Wüllenweber, die Leiterin des Amtes für Familie, Jugend und Bildung: „Uns ist bewusst, dass es während der Bauzeit enorme Einschränkungen geben wird. Aber wir wissen alle, wofür wir das auf uns nehmen.“ Sie kündigte an, auch die Hallen in den Teilorten wie etwa in Steinbach oder Waldrems zu nutzen.

Die Eimer sind nicht extra oder als besondere Betonung für den Besuch aufgestellt, das Wasser tropft immer von der Decke.Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Die Eimer sind nicht extra oder als besondere Betonung für den Besuch aufgestellt, das Wasser tropft immer von der Decke.Fotos: A. Becher

Nach den Sommerferien beginnt der Abriss der alten Halle

Bei einem Neubau könnten jährlich etwa 23000 Euro Betriebskosten eingespart werden, und dies, obwohl den Schulen und Vereinen etwa 25 Prozent mehr Fläche zur Verfügung stehen würde. Dank eines Nahwärmeverbunds und eines Blockheizkraftwerks samt kombinierter Fotovoltaikanlage und der thermischen Nutzung der Sonnenenergie könnte der Eigenstromanteil kräftig erhöht werden. Die Einsparung an CO2 bezifferte Hochbauamtsleiter Andreas Stier auf jährlich etwa 150 Tonnen.

Der Zeitplan für den Ersatzneubau sieht vor, dass mit dem Abriss der Halle nach den Sommerferien begonnen wird. Er wird sechs Monate dauern. Die Ausschreibung läuft.

Der Neubau wird in einem sogenannten Vergabeverfahren Planen und Bauen vorgenommen. Das heißt, um den Auftrag können sich Büros bewerben, bei denen alles zusammenläuft, die also Planer und Architekten samt den Fachingenieuren und die ausführenden Bauunternehmen koordinieren. „Vier gute Bewerbungen“ liegen laut Siegfried Janocha vor, derzeit läuft die erste Verhandlungsrunde. Bis zu den Sommerferien soll eine Entscheidung vorliegen. Nach der Vergabe könnte Anfang 2022 unmittelbar nach dem Abriss der alten Halle mit dem Neubau begonnen werden. Von der Vergabe bis zur Fertigstellung werden 96 Wochen als realistisch eingeschätzt.

Zur Wahrscheinlichkeit, dass Backnang einen Zuschuss erhält, sagte Martin Gerster: „Deutschlandweit sind sehr viele Sportstätten in die Jahre gekommen, der Sanierungsstau ist riesig.“ Über 1300 Anträge sind eingegangen, wovon etwa 1000 formgerecht waren. Insgesamt stehen 600 Millionen Euro zur Verfügung. Im März wird über 400 Millionen Euro entschieden, eine weitere Tranche von 200 Millionen Euro wird dann bis zu den Sommerferien vergeben.

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Erstellt:
18. Februar 2021, 06:00 Uhr

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