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Dreieinhalb Jahre Haft für notorischen Betrüger

27-Jähriger ist wegen Computerbetrugs in 212 Fällen und weiterer Delikte verurteilt worden

Ein 27-Jähriger bekam jetzt vom Landgericht Stuttgart für hundertfachen Computerbetrug und Nutzung von Falschgeld die Quittung. Symbolfoto: Bilderbox/E. Wodicka

© BilderBox - Erwin Wodicka

Ein 27-Jähriger bekam jetzt vom Landgericht Stuttgart für hundertfachen Computerbetrug und Nutzung von Falschgeld die Quittung. Symbolfoto: Bilderbox/E. Wodicka

Von Andrea Wüstholz

WAIBLINGEN/STUTTGART. Drei Jahre und sechs Monate Haft wegen hundertfachen Computerbetrugs und Nutzung von Falschgeld: Mit diesem Urteil ist am Landgericht Stuttgart ein Prozess gegen einen 27-jährigen Mann aus dem Rems-Murr-Kreis zu Ende gegangen. Von einem Schaden in Höhe von rund 40000 Euro war zu Prozessbeginn die Rede gewesen (wir berichteten).

Reichlich Tränen flossen in diesem Prozess – auf der Anklagebank, vor allem aber im Zuschauerraum des Gerichtssaals. Die Eltern des jetzt Verurteilten haben viel Geld lockergemacht, um zumindest teilweise wiedergutzumachen, was ihr Filius unbemerkt zu Hause am Computer über Jahre hinweg angerichtet hatte. Ebenfalls kopfschüttelnd verfolgte jene junge Frau den Prozess, die mit dem 27-Jährigen ein Kind hat.

Der Wunsch des Mannes, seine Ausbildung zum Vermögensberater fortsetzen zu können, geht vorerst nicht in Erfüllung: Der Mann wechselte jetzt von der Untersuchungs- in die Strafhaft. Das Urteil ist laut Landgericht bereits rechtskräftig.

Im Juni 2019 war der Mann an seinem Ausbildungsplatz bei einer Vermögensberatung verhaftet worden. Im Herbst 2018 hatte er dort die Lehre begonnen und zeitgleich mit den Betrügereien aufgehört, hieß es am ersten Prozesstag vor Gericht. Der 27-Jährige räumte ein, für die Betrügereien verantwortlich zu sein, und versicherte unter Tränen, er bereue und werde so etwas nie wieder tun.

Von hoher krimineller Energie war während des Prozesses immer wieder die Rede. Ein Kripo-Beamter, der mit Ermittlungen in diesem umfangreichen, komplexen Fall betraut war, zeigte sich als Zeuge vor Gericht sichtlich empört über die Dreistigkeit des jungen Mannes. Über einen Zeitraum von vier Jahren, 2014 bis 2018, gelang es dem Mann, in einer Vielzahl von Fällen Verkäufer vor allem von Elektronikartikeln zu prellen, an Waren heranzukommen, die andere bezahlten, sich am laufenden Band Dinge an Packstationen schicken zu lassen, die er mit Hilfe gestohlener Daten bestellt hatte, ohne selbst als Kunde in Erscheinung zu treten. Fast zwei Stunden lang hatte die Verlesung der Anklageschrift Mitte Dezember zum Auftakt des Prozesses gedauert. Verurteilt worden ist der Mann jetzt wegen Computerbetrugs in 212 Fällen, versuchten Computerbetrugs in 68 Fällen, ferner wegen vier Fällen sozusagen gewöhnlichen Betrugs sowie wegen gewerbsmäßiger Geldfälschung in zwei Fällen.

Im Darknet, einem Segment im Internet, in dem man sich anonym bewegen kann, hatte der Mann gefälschte 50Euro-Scheine gekauft. Es handelte sich offenbar um hervorragende Fälschungen; jedenfalls gelang es dem Mann mehrfach, mithilfe von falschen Fuffzigern illegal an Waren heranzukommen. Für viele seiner Betrügereien nutzte er die Online-Verkaufsplattform E-Bay oder verschaffte sich Zugang zu Postaccounts Unbeteiligter, um sich Waren an Packstationen ausliefern lassen zu können. Es sind diverse Kenntnisse nötig, um über so lange Zeit Hunderte Betrügereien durchziehen zu können. Im Darknet findet, wer die Preise zahlen kann und sich damit befassen will, diverse Erklärvideos für Nachwuchsbetrüger.

Der Mann bestellte riesige Warenmengen, vor allem Elektronik, zum Beispiel Notebooks, Konsolen, Tablets, Computerzubehör, aber auch Markenklamotten, Büstenhalter und Stringtangas. Er sei in einen „Kaufrausch“ geraten, hatte der Mann am ersten Prozesstag ausgesagt. Einen Teil der Waren behielt er für sich; vieles verkaufte er gewinnbringend weiter.

Nach allen Regeln der Kunst hatte der 27-Jährige seinen Laptop gesichert; für seine Geschäfte verschleierte er seine IP-Adresse. Ganz offen prahlte er unterdessen via WhatsApp. Auf einem dort verschickten Foto ist laut Zeugenaussagen der Angeklagte zu sehen, wie er stolz ein Kuvert voll falscher 50-Euro-Scheine präsentiert. Für Empörung sorgten diverse weitere Nachrichten. „Irgendwann hast du halb Deutschland auf dem Gewissen“, schrieb ein Bekannter. Die Antwort des 27-Jährigen: „Ha ha, egal.“

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Erstellt:
4. März 2020, 11:30 Uhr

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