Aus für Atomvertrag New Start
Droht ein neues Wettrüsten zwischen den Atommächten?
Bislang wahrten die USA und Russland das Gleichgewicht des Schreckens mit Atomwaffen. Nun entfällt das letzte Abkommen, und bei einer Neuordnung gilt eine dritte Großmacht als unbekannter Faktor.
© Imago/ZUMA Wire
Blick in den Bunker einer US-Interkontinentalrakete vom Typ Minuteman III.
Von Markus Brauer/dpa
Frieden schaffen mit immer weniger Atomwaffen: Das war das Ziel des Rüstungskontrollvertrages New Start aus dem Jahr 2010. Mittlerweile ist es das letzte Abkommen zwischen den USA und Russland, das die Zahl von Atomsprengköpfen und Trägersystemen begrenzt. Und am heutigen Donnerstag (5. Februar) läuft es aus. Moskau beklagt in offiziellen Äußerungen das Vertragsende. In Washington wird es eher mit Achselzucken begleitet.
Was bedeutet das für Frieden und Sicherheit in der Welt? US-Wissenschaftler setzten Ende Januar ihre sogenannte Doomsday Clock, die vor einem katastrophalen Ende der Menschheit warnt, auf 86 Sekunden vor Mitternacht - so dicht wie nie zuvor in der Geschichte. Fragen und Antworten zum Thema:
Warum war der Vertrag New Start wichtig?
US-Präsident Barack Obama und der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew unterzeichneten New Start (New Strategic Arms Reduction Treaty) im Jahr 2010. Dabei baute die Vereinbarung auf vielen Vorgängern auf. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hielten die Supermächte mit 70.000 Nuklearsprengköpfen das Gleichgewicht des Schreckens. Dann schränkten ab 1972 Abkommen wie Salt-I, ABM, Salt-II, Start 1, Start 2, Sort und INF die Arsenale ein.
New Start begrenzte die Zahl der strategischen Nuklearsprengköpfe auf 1550 Stück für jede Seite, die Zahl der einsatzbereiten Abschussvorrichtungen auf 700. Im Februar 2021 wurde der Vertrag um fünf Jahre verlängert.
Hat New Start funktioniert?
Die bis 2018 vorgesehene Reduzierung wurde erreicht. Um Vertrauen zu bilden, konnten Experten der USA und Russlands den Stand im anderen Land inspizieren. Allerdings fielen diese Inspektionsreisen ab 2020 wegen der Corona-Epidemie aus. 2022 befahl der russische Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine. 2023 setzte er die Teilnahme an New Start aus, weil seine Militärs US-Waffenarsenale nicht mehr besichtigen könnten.
Wie werten Moskau und Washington das Vertragsende?
Offiziell beklagt die russische Führung das Auslaufen von New Start. „Da entsteht ein schwerwiegendes Defizit, das kaum den Interessen der Völker unserer beiden Länder und eigentlich der gesamten Welt entspricht“, sagt Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Moskau erneuerte in dieser Woche seinen Vorschlag, die Grenzen von New Start für ein weiteres Jahr einzuhalten. Die USA äußerten sich nicht. „Keine Antwort ist auch eine Antwort“, konstatiert der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Ohne den Vertrag hat Moskau beim laufenden Um- und Ausbau seiner Atomstreitmacht freie Hand.
US-Präsident Donald Trump zeigte sich zuletzt unbeeindruckt vom Auslaufen von New Start. „Wir werden einfach ein besseres Abkommen machen“, erklärte er Anfang Januar der Zeitung „New York Times“. US-Sicherheitsexperten sind aber weniger gelassen als Trump.
Die Denkfabrik CSIS verweist auf das russische Atomprogramm und die Aufrüstung in China, die keinen Beschränkungen unterliege. „Wenn dies ein Wettrüsten ist, dann verlieren es die Vereinigten Staaten. Und wenn es noch kein Wettrüsten ist, aber eins wird, dann starten die Vereinigten Staaten mit Rückstand“, warnt die CSIS-Expertin Heather Williams.
Wie sieht die Welt der Atommächte derzeit aus?
Die Lage ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unübersichtlicher geworden. Es gibt die anerkannten Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien, alle auch im UN-Sicherheitsrat. Außerdem haben Indien, Pakistan, Nordkorea und inoffiziell Israel Atomwaffen.
Weltweit gebe es mehr als 9600 einsetzbare Atomsprengköpfe, scheibt das Stockholmer Institut für Friedensforschung Sipri in seinem Bericht für 2025. Mehr als vier Fünftel gehören zum Arsenal Russlands und der USA. Bei China zählten die Forscher einen Anstieg auf 600 Sprengköpfe.
USA machen mehr als ein Drittel der Militärausgaben aus
Die USA, seit Jahren die unangefochtene Nummer eins bei den Militärausgaben, machten dem Bericht zufolge mit 997 Milliarden Dollar (874 Milliarden Euro) 37 Prozent der weltweiten Militärausgaben aus.
China, auf Platz zwei der Liste, steigerte seine Aufwendungen um sieben Prozent auf 314 Milliarden Dollar (etwa 275 Milliarden Euro) und verzeichnete somit drei Jahrzehnte ununterbrochenen Anstiegs seiner Militärausgaben.
Im Nahen Osten stiegen die Militärausgaben laut Sipri zwar insgesamt, aber eine markante Erhöhung verzeichneten nur Israel und der Libanon. Israels Ausgaben stiegen demnach mit 65 Prozent so stark wie seit dem Sechstagekrieg 1967 nicht mehr, auf 46,5 Milliarden Dollar (gut 40 Milliarden Euro).
Der jährlich erscheinende Sipri-Bericht zu den Militärausgaben in aller Welt gilt als umfassendste Datensammlung dieser Art. Zu den Ausgaben zählen die Friedensforscher auch Aufwände für Personal, Militärhilfen sowie militärische Forschung und Entwicklung.
Neue Waffen verändern die Lage
Moskau hat im Ukraine-Krieg mehrfach auf sein Atompotenzial angespielt, um westliche Länder von Unterstützung für das angegriffene Land abzuhalten. 2025 gab es kurzzeitig Kämpfe zwischen den Atommächten Indien und Pakistan. Und die verdeckte Atommacht Israel zerstörte Atomanlagen im Iran, um Teheran am Bau einer Bombe zu hindern. Auch die USA griffen ein.
Schließlich verändern neue Waffen, die in kein bisheriges Vertragsschema passen, die Lage. Russland beispielsweise hat den atomgetriebenen Marschflugkörper Burewestnik und die Unterwasserdrohne Poseidon mit Atomantrieb entwickelt.
Was kommt nun – Wettrüsten oder neue Verträge?
„Es gibt Anzeichen dafür, dass sich ein neues Wettrüsten anbahnt, das mit viel mehr Risiken und Unsicherheiten verbunden ist als das letzte“, schrieb 2025 der damalige Sipri-Direktor Dan Smith. Dazu trügen auch die noch unbekannten Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz in der Rüstungstechnik bei. Sein Nachfolger Karim Haggag erwartet ohne New Start „eine neue Phase erhöhter nuklearer Gefahren“.
Washington hat mehrfach gefordert, dass auch China in künftige atomare Abrüstungsverträge eingebunden wird. Doch dem verweigert sich die Führung in Peking bislang. Auch Chinas Verbündeter Russland lehnt dies ab.
Das chinesische Atomwaffenpotenzial sei mit dem Russlands und der USA nicht zu vergleichen, daher sei es zu vernachlässigen, betont Kremlsprecher Peskow. Hingegen fordert Moskau, das Nuklearpotenzial von Frankreich (290 Atomsprengköpfe laut Sipri) und Großbritannien (225) bei einem neuen Vertrag einzubeziehen.
Verheerende Folgen eines Atomkriegs
für die gesamte MenschheitBei einem Atomkrieg gibt es keine Gewinner. Dieses Credo aus dem Kalten Krieg hat bisher nukleare Waffengänge verhindert. Bereits in 1950er Jahren prophezeiten Wissenschaftler, dass ein atomarer Konflikt zwischen den Supermächten verheerende Folgen für die gesamte Menschheit hätte. Rauch und Aerosole der thermonuklearen Explosionen würden die Sonne verdunkeln und das Weltklima über viele Jahre abkühlen.
Ein solcher Krieg würde zu einer globalen Abkühlung führen, welche die landwirtschaftliche Produktion in den wichtigsten Kornkammern der Welt – von den USA bis nach Europa, Russland und China – erheblich reduzieren würde.
„Wir wissen jetzt, dass ein Atomkonflikt nicht nur eine schreckliche Tragödie in der Region wäre, in der er passiert. Er ist auch ein unterschätztes Risiko für die globale Ernährungssicherheit“, konstatiert der Klimawissenschaftler Jonas Jägermeyr vom Potsdam Institute for Climate Impact Reserach.
Klimatische Auswirkungen
Laut den Wissenschaftlern würde der plötzliche Temperaturrückgang zu einem in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesenen Schock im Ernährungssystem führen. Dies würde den gegenwärtigen, von fossilen Brennstoffen verursachten Klimawandel jedoch nicht aufheben. Nach etwa einem Jahrzehnt der Abkühlung würde die globale Erwärmung wieder zunehmen.
„So schrecklich die direkten Auswirkungen von Atomwaffen auch wären, es könnten mehr Menschen außerhalb der Zielgebiete sterben – durch Unterernährung, einfach wegen der indirekten klimatischen Auswirkungen“, beschreibt der Klimatologe Alan Robock von der Rutgers University (US-Bundesstaat New Jersey) dasSchreckensszenario.
Nuklearkonflikt führt zu Klimakollaps
Eine Studie der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) zeigt: Rauch und Staub eines regional begrenzten Atomkriegs hätten einen plötzlichen Abfall der globalen Temperaturen und der Niederschlagsmenge zufolge, da bis zu zehn Prozent weniger Sonnenlicht zur Erdoberfläche durchdringen würden.
Die plötzliche Abkühlung würde die Wachstumsperioden verkürzen und die Landwirtschaft auf der ganzen Welt bedrohen. Ansteigende Lebensmittelpreise würden Lebensmittel für Hunderte Millionen der ärmsten Menschen unerschwinglich machen.
Für diejenigen, die bereits chronisch unterernährt sind, würde eine Verminderung der Nahrungsaufnahme um nur zehn Prozent zum Hungertod führen. Infektionskrankheiten würden sich epidemisch ausbreiten und Konflikte über knappe Ressourcen würden überhand nehmen.
